Video: Der Strand von Bodrum

Ohne ihn

ZEITmagazin Nr. 3/2016 — Von
Das Foto des zweijährigen Alan Kurdi, tot an einem türkischen Strand, schockierte die Welt. Wie lebt seine Familie mit dem Unglück?

Mohammed Kurdi schläft noch, als neben seinem Kopfkissen sein Handy vibriert und den Anruf ankündigt, der ihn gleich aus seinem Leben reißen wird. Seine Frau ist am Telefon. Es ist halb acht morgens. So früh meldet sie sich sonst nie. Sie weint, er versteht kaum, was sie sagen will. Dein Bruder hat angerufen, hört er schließlich. Alle sind ertrunken, die Kinder und Rehan, seine Frau.

1 — Außerhalb der Realität

Von diesem Moment an, erzählt Mohammed, sei es ihm vorgekommen, als befinde er sich außerhalb der Realität. Seine Schwägerin: tot. Seine Neffen Alan und Ghalip: tot. Sein Bruder: ein Mann, der jeden Anker verloren hat und der nun weit weg von ihm irgendwo durch die Welt taumelt.

Es ist der 2. September 2015. Mohammed Kurdi sitzt auf einer Pritsche in einem Sechsbettzimmer im Erstaufnahmelager in Heidelberg. Im Juni hat er es als Erster seiner Familie nach Europa geschafft, auch er nahm den gefährlichen Weg über das Meer.

Bis dahin hatten seine Familie und die seines Bruders im selben Viertel in Istanbul gelebt: Mohammed, 47, seine Frau Ghuson, 34, ihre vier Kinder – sowie Abdullah, 40, dessen Frau Rehan, 35, und ihre beiden Söhne Ghalip, 5, und Alan, der nur zwei Jahre alt wurde und nicht drei, wie die Medien später verbreiteten. Die Kinder hatten miteinander gespielt, die Frauen zusammen Tee getrunken, die Männer versucht, Arbeit zu finden. Als Flüchtlinge bekamen sie in der Türkei keine Arbeitserlaubnis, deshalb heuerten sie illegal auf Baustellen an, für weniger als zehn Euro am Tag.

Es ist diese Hoffnungslosigkeit, vor der Kurdi im Mai 2015 nach Deutschland floh. Als er in Heidelberg angekommen war, riet er seinem Bruder, es auch zu versuchen.

In den Tagen nach der Nachricht kann er weder schlafen noch essen. Seine Zimmergenossen machen ihm Mut, sie sagen ihm, dass irgendwann bessere Tage kommen werden. Er lebt seit drei Monaten in dem Erstaufnahmelager. Er hat viele gesehen, die nach ihm gekommen sind und über deren Anträge bereits entschieden wurde. Er versteht nicht, warum er immer noch hier ist. Er mag das Essen nicht, ernährt sich von Konserven, raucht zu viel und fragt sich, ob es sein größter Fehler war, nach Deutschland zu gehen.

In Damaskus haben sie ein Mittelklasseleben hinter sich gelassen, in dem es Nachhilfestunden für die Kinder gab und Ausflüge ans Meer. Kurdi besaß einen großen Friseursalon, die Geschäfte liefen gut.

"Wir haben in Saus und Braus gelebt", übersetzt der Dolmetscher. Kurdi sitzt in einem Altstadtlokal in Heidelberg. Das Licht fällt durch getönte Scheiben gelb auf sein Gesicht. 20 Tage ist es her, dass seine Neffen und seine Schwägerin ertrunken sind, und er wirkt, als stehe er noch unter Schock. Er erzählt mit teilnahmsloser Stimme von den Wochen, in denen seine Familie ins Zentrum des Weltgeschehens geriet und dabei gleichzeitig von aller Welt vergessen wurde.

Die Stationen der Flucht



Seit 2012 sind sie auf der Flucht. Auf Damaskus fallen bereits Bomben, als ein Selbstmordattentäter sich in ihrem Vorort in die Luft sprengt. Wenn die Kinder jetzt aus dem Haus gehen, müssen sie an Leichenteilen vorbei. Die Familie flieht in die nordsyrische Stadt Kobane. Sie kommen in einem Schafstall unter. Als ihnen das Geld ausgeht, schlägt sich Ghuson, Mohammeds Frau, durch das Gebiet des "Islamischen Staats" nach Damaskus, um Kleider zu holen, die sie in Kobane verkaufen können. Wenn Soldaten des IS oder Peschmerga sie anhalten, spielt sie die verzweifelte Mutter, die einfach nur zu ihrer Familie möchte. Als Kobane von IS-Kämpfern belagert wird, flieht die Familie zu Fuß über die türkische Grenze und landet in Istanbul.

Eine Stunde lang kam es mir vor, als wäre ich gar nicht hier.
Ghuson Kurdi

Es ist der Sommer 2013. 400.000 syrische Flüchtlinge haben sich bis dahin in der Türkei registriert, inzwischen sind es fast 2,3 Millionen. Sie sind als "Gäste" anerkannt und haben das Recht auf medizinische Versorgung. Das ist alles. Arbeiten dürfen sie nicht, aber keiner hindert sie daran, sich auf Baustellen und in Fabriken ausbeuten zu lassen. Von den 700 000 schulpflichtigen syrischen Kindern in der Türkei gehen nur 300.000 zur Schule, vor allem die in den Flüchtlingslagern. Auch die Kinder der Kurdis besuchen keinen Unterricht. Ranim, 9, und Resan, 7, haben keinen Platz bekommen und können noch nicht lesen und schreiben, Schergo, 15, und Haveen, 16, arbeiten zwölf Stunden am Tag in Textilfabriken.

In Istanbul war Mohammeds Frau Ghuson angespannt, nachdem Abdullah und seine Familie sich im August 2015 auf den Weg an die Küste gemacht hatten. Ghuson, erschöpft von der Geburt ihres fünften Kindes, das im Sommer zur Welt gekommen war, hatte Frühstück zubereitet und war dann wieder eingeschlafen, als der Anruf ihres Schwagers Abdullah kam. Auch sie geriet sofort in einen Schockzustand: "Eine Stunde lang kam es mir vor, als wäre ich gar nicht hier."

2 — Geborgenheit in der Familie

Wer Ghuson und ihre fünf Kinder in Istanbul besucht, muss zwei Stockwerke tief in den Keller eines Mietshauses steigen. Dort leben sie in einer Zweizimmerwohnung, die zur Talseite hinaus zwei Fenster hat. Ghuson ist eine kleine, blasse Frau mit ruhigem Blick. Sie verließ die Schule nach der siebten Klasse, heiratete den 13 Jahre älteren Mohammed, bekam mit 18 ihr erstes Kind. Sie war stolz auf ihre Kochkünste, ihr aufgeräumtes Haus und darauf, dass sie trotz ihrer Kinder schlank geblieben war. Heute, mit 34, ist sie eine Frau, die ihre Schwägerin und ihre Neffen verloren hat, deren Brüder in Syrien im Gefängnis sitzen, die nicht weiß, ob sie ihren kranken Vater jemals wiedersehen wird, und die trotzdem versucht, ihren Kindern das Gefühl zu vermitteln, zumindest in ihrer Familie geborgen zu sein.

Sie erinnert sich, wie türkische Nachbarn sie am Morgen des Unglücks umarmen. Später läuft sie zu der Schneiderei, in der ihre Tochter Haveen arbeitet. Eine halbe Stunde stehen sie weinend vor dem Geschäft, bis der Chef das Mädchen zurück an die Arbeit holen lässt. Ghuson besteht darauf, sie mit nach Hause zu nehmen. Sie weiß, dass ihre Tochter deshalb den Job verlieren kann.

An diesem Nachmittag bekommt Ghuson eine Nachricht auf WhatsApp. Sie ist von ihrer Schwägerin, der Schwester von Mohammed und Abdullah. Tima lebt in Kanada und kennt ihre Neffen nur von Fotos.

"Ist das Alan?", schreibt sie.

Ghuson öffnet den Anhang.

Es ist das erste Mal, dass sie das Bild sieht.

Ihr wird schwindlig.

Am selben Nachmittag sieht Mohammed in Heidelberg das Foto auf Facebook.

Eine türkische Fotografin hat es gemacht. Bereits Stunden nach dem Unglück verbreitet es sich unter dem Hashtag #HumanityWashedAshore – "die Menschlichkeit an Land gespült" – auf Twitter und Facebook in jeden Winkel der Erde. Auch Mohammed erkennt seinen Neffen sofort. Er liegt leblos am Strand, den Kopf zur Seite gedreht.

Bilder von Toten, vor allem von Kindern, zu zeigen ist in westlichen Medien ein Tabu. Doch dieses Bild wird von vielen Redaktionen veröffentlicht. Vielleicht weil es sowieso schon in der Welt ist, vielleicht weil sie hoffen, dass es begreifbar macht, was an den Grenzen Europas passiert. Es erscheint auf den Titelseiten des Wall Street Journal, von Le Monde, von El País. Bild druckt es über eine ganze Seite, englische Boulevardzeitungen überschlagen sich auf der Suche nach dem besten Wortspiel: "Das tote Meer", dichtet die Daily News. "Unerträglich", schreibt der Daily Mirror unter einem anderen Foto, auf dem ein Polizist das Kind vom Strand wegträgt.

3 — Die Welt hat das Kind verlassen

Drei Jahre nach Beginn des Krieges hat die Not der Syrer einen Ausdruck gefunden, den jeder versteht: ein Kind, am Strand liegend, als schlafe es. Es ist diese Haltung absoluten Vertrauens in die Welt, die das Bild so schockierend macht, denn die Welt hat das Kind verlassen, das Kind ist tot.

Haveen, die 16-Jährige, ahnt nichts von dem Mediensturm, als sie 24 Stunden nach dem Unglück wieder zu dem Textilbetrieb läuft. Sie darf weiterarbeiten, obwohl sie am Tag zuvor nach Hause gegangen ist. Die Stimmung in dem Betrieb ist brutal. Die türkischen Kolleginnen kennen kein Mitleid: Warum bist du so still, spotten sie. Davon werden deine Cousins auch nicht lebendig.

Haveen muss zwölf Stunden am Tag sechs Tage die Woche Kragen und Gürtel an Kleidungsstücken befestigen. Dafür bekommt sie 200 Euro im Monat. Einmal schlägt eine Kollegin sie mit dem Kleiderbügel. Als Haveen fragt, warum sie dies tut, sagt die andere nur: Weil ich es kann.

Haveen sagt, sie habe oft während der Arbeit geweint, aber so, dass man es nicht sehe. Es sei ein Gefühl, als verbrenne man innerlich.

Ich will nicht, dass noch eine weitere Familie ertrinkt.
Tima Kurdi

An Tag zwei nach der Nachricht nimmt Tima Kurdi auf einem Stuhl vor ihrem Haus in Vancouver Platz. Sie trägt einen schwarzen Anzug und eine asymmetrische Frisur. Die Schwester von Abdullah und Mohammed lebt seit über 20 Jahren in Kanada. Sie spricht Englisch, und sie ist die Letzte, die Abdullah erreicht hat. Ihr fällt nun die Rolle zu, der Welt zu erklären, was passiert ist. Sie erzählt vom vergeblichen Versuch der Familie, Griechenland zu erreichen, von dem Boot, das kenterte, als es in hohe Wellen geriet, und wie Abdullah die Kinder losließ, als er sah, dass sie tot waren.

Sein Leid sei unvorstellbar, sagt sie. "Und deshalb will ich, dass jeder davon erfährt. Ich will nicht, dass noch eine weitere Familie ertrinkt." "Heartbreaking" nennt der kanadische Premierminister Stephen Harper das Ereignis.

"Sie können nicht mitten im Wahlkampf Ihr Mitgefühl entdecken", antwortet sein Herausforderer, Justin Trudeau.

Bis dahin hatte Kanada nur etwa 1.200 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Auch Tima Kurdi hatte versucht, Mohammed und seine Familie zu sich zu holen. Doch ihr Antrag war von der Einwanderungsbehörde abgelehnt worden, weil diese Dokumente verlangt hatte, die für Syrer in der Türkei kaum zu bekommen sind.

Mehr als 2.600 Flüchtlinge sind zwischen Januar und September 2015 im Mittelmeer ertrunken. Doch erst das Bild eines einzelnen Kindes löst eine weltweite Diskussion über die Verantwortung aus.

Aber jeder sieht etwas anderes darin.

Der türkische Präsident kritisiert die Flüchtlingspolitik der EU.

Der britische Premier will die Lage in den Herkunftsländern stabilisieren.

Arabische Karikaturisten zeichnen das Kind an den Strand der Emirate, die keine Flüchtlinge aufnehmen.

Der IS veröffentlicht das Foto unter der Zeile The Dangers of Abandoning Darul-Islam – "Die Gefahren beim Verlassen des islamischen Herrschaftsgebiets".

In den Tagen nach dem Unglück hat Ghuson ihren Schwager Abdullah nicht mehr erreicht. Auch Abdullah hat es nie an die griechische Küste geschafft. Nachdem er gerettet wurde, flog er zurück nach Syrien, denn nach islamischem Brauch muss er die Toten innerhalb von drei Tagen beerdigen. Ghuson will ihn um Verzeihung bitten, weil sie ihm geraten hat, seine Familie mitzunehmen. Das erste Mal sieht sie Abdullah auf YouTube wieder. Resan, der Siebenjährige, hat das Video gefunden. Er kann zwar nicht schreiben, aber er kann die Spracherkennungs-App des Handys bedienen. Bislang hat er damit SpongeBob-Videos gesucht. Jetzt sieht er ein Video, auf dem Abdullah seine Familie in der syrischen Wüste zu Grabe trägt. Ghuson hindert ihn nicht daran: "Es ist besser, als wenn er es sich vorstellt. Wir dachten, es hilft ihm, alles schneller zu verarbeiten."

"Gott wird es dir vergelten", sagt Ghuson, wenn ihre ältere Tochter morgens nicht mehr aufstehen will.

"Danke, dass du das für deine Familie tust", sagt sie zu ihrem älteren Sohn, wenn er sie fragt, wie lange er noch durchhalten muss.

In fünf australischen Städten entzünden am 7. September Zehntausende Menschen Kerzen für Ghalip und "Aylan", wie der Junge in den Medien fälschlicherweise meist genannt wird. Für Politiker öffnet sich jetzt eine kurze Zeitspanne, während derer sie ihrer zwischen Mitgefühl und Überfremdungsangst schwankenden Wählerschaft Gesten der Menschlichkeit zeigen können.

Recep Tayyip Erdoğan bietet Abdullah Kurdi einen türkischen Pass an. Massud Barsani, Präsident der autonomen Kurdenregion im Irak, will ihn auf Kosten seiner Regierung in der Provinzhauptstadt Erbil unterbringen, denn die Familie ist kurdischer Abstammung.

Der britische Premierminister Cameron, der bislang eine Obergrenze von 750 Flüchtlingen pro Jahr festgelegt hat, kündigt an, Tausende mehr aufzunehmen.

In Kanada fordert der Präsidentschaftskandidat Justin Trudeau, das Kontingent für syrische Flüchtlinge auf 25.000 zu erhöhen. Der Amtsinhaber verspricht, in Zukunft auf den Flüchtlingsnachweis, den die Kurdis nicht erbringen konnten, zu verzichten. Barack Obama will 8.000 zusätzliche Plätze für syrische Flüchtlinge innerhalb eines Jahres schaffen, Australien will 12.000 mehr aufnehmen als geplant. Gleichzeitig wird es für Ghuson immer schwerer, an ein Wiedersehen mit ihrem Mann zu glauben. Als sie sich im Frühling 2015 verabschiedeten, habe er zu ihr gesagt, er fürchte, dass sie sich nie wiedersehen würden. Damals habe sie das für Abschiedsschmerz gehalten. Aber jetzt bekommt sie Zweifel. Sie kennt syrische Frauen, deren Männer seit Jahren im Ausland sind. Wollen sie die Familien nicht bei sich haben, fragt sie sich, lieben sie sie nicht mehr?

Doch, Mohammed liebt uns, daran liegt es nicht, denkt sie im nächsten Moment. Aber vielleicht liegt es nicht in seiner Hand, fällt ihr dann ein, und sie ist wieder deprimiert.

4 — Wer ist schuld?

In Heidelberg erkundigt sich Mohammed jeden Tag, ob er verlegt wird. Erst dann, so hat er gehört, beginnt das Asylverfahren, und erst danach kann er darauf hoffen, seine Familie nachzuholen. Er will endlich seinen neugeborenen Sohn im Arm halten. Und er will, dass seine Kinder wieder in die Schule gehen.

Meistens ist es seine Frau, die ihm Mut macht. Wir werden kommen, sagt sie am Telefon, wenn er keinen Mut mehr hat. Du hast gar keine Chance, uns loszuwerden.

Die Einzige, die Ghuson Kraft gibt, ist Tima, ihre kanadische Schwägerin. Sie telefonieren jeden Tag. Nach der Katastrophe hat sie einen weiteren Einreiseantrag für die Familie gestellt. Glaub an mich, sagt sie, wenn Ghuson am Verzweifeln ist. Ich werde dafür sorgen, dass euer Antrag angenommen wird.

Seitdem ihre Neffen und ihre Schwägerin ertrunken sind, ist aus der Hairstylistin Tima Kurdi eine Aktivistin geworden. Sie fliegt durch die Welt, spricht vor dem EU-Parlament, trifft den Flüchtlingskommissar der UN, besucht ihren Bruder in Kurdistan. Ihre Botschaft ist einfach: Sie bittet die Politiker darum, dafür zu sorgen, dass der Tod von Alan, Ghalip und Rehan nicht sinnlos gewesen ist.

Mein Leben ist sowieso eine Katastrophe.
Mohammed Kurdi

Die globale Debatte im Internet hat inzwischen eine neue Antwort auf die Frage nach der Verantwortung produziert: Abdullah, der Familienvater, ist schuld.

Auf Facebook schlägt Mohammed jetzt der Hass entgegen.

"In der Türkei war er sicher. Er hätte dort bleiben sollen, statt den Tod seiner Familie zu riskieren."

"Es ist die Pflicht eines Vaters, seine Kinder zu beschützen, statt sie auf gefährliche Reisen mitzunehmen."

Abdullah habe das Boot gesteuert, erzählt eine irakische Frau, die ebenfalls zwei Kinder auf der Überfahrt verloren hat, im Fernsehen.

Abdullah Kurdi lebt inzwischen im kurdischen Teil des Iraks, er hat das Angebot von Präsident Barsani angenommen. Er erklärt, dass er das Steuer ergriffen habe, als der Kapitän kurz nach dem Ablegen zurück an Land geschwommen sei, was offenbar häufig vorkommt. Die türkische Regierung verhaftet vier mutmaßliche Schlepper. Tima erklärt, dass sie ihrem Bruder Geld für die Überfahrt geschickt habe. Mohammed schmerzt es, solche Verdächtigungen über seinen Bruder zu lesen, aber er hat keine Kraft, darüber zu grübeln: "Mein Leben ist sowieso eine Katastrophe", sagt er.

Drei Wochen nach dem Tod seiner Cousins wird Schergo, der 15-Jährige, in Istanbul auf der Straße verprügelt. Er blutet, als er nach Hause kommt, und weint. Warum sind wir hier?, fragt er Ghuson. Warum sind wir weggegangen? Lass uns nach Syrien gehen und dort sterben.

"Dabei weiß er, weshalb wir fort sind", sagt seine Mutter. Sie versteht, dass es das Gefühl des Ausgeliefertseins ist, das ihn so verzweifeln lässt. Auch für sie ist die Ohnmacht schlimmer als die Armut. Sie muss zusehen, wenn ihr Sohn keinen Lohn bekommt, kann nichts tun, als ihre Tochter vom Chef geohrfeigt wird. Und sie kann sich nicht wehren, als der Vermieter ihnen sagt, dass sie bald ausziehen müssen.

Stärke kommt von innen, erklärt sie ihrem Sohn an diesem Abend, von Gott. Auch wir sind Menschen, es ist nicht unmoralisch, arm zu sein.Dass das Entsetzen der Welt über den Tod von Alan bis hinunter in ihre Kellerwohnung reicht, erwartet Ghuson nicht. Sie ist schon glücklich, dass die Welt Anteil nimmt am Schicksal der Syrer.

Am 25. September spricht der Papst vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Nach ihm betritt die Sängerin Shakira in einem langen weißen Kleid die Bühne: "Das ist für Alan Kurdi und Ghalip Kurdi", sagt sie und setzt zu einem berühmten Lied an: Imagine there’s no heaven.

In Heidelberg lässt sich Mohammed zum Haus der Caritas bringen. Er erzählt, dass er schon länger als andere auf sein Asylverfahren warte. Als der Sozialarbeiter sagt, dass er ihm nicht helfen könne, offenbart Kurdi, dass er der Onkel der toten Kinder sei, über die die ganze Welt rede. Man könne das Verfahren trotzdem nicht beschleunigen, heißt es. Die Reaktion enttäuscht ihn: "Da war nicht viel Mitgefühl."

Ghuson zieht in diesen Wochen durch die Straßen von Istanbul. Sie hat eine neue Wohnung gefunden, und nun trägt sie jedes Möbelstück einzeln dorthin. Mohammed kann sie nicht erreichen. Den ganzen Tag schickt er Nachrichten, Rosen, Herzen, Kussmünder. Aber sie antwortet nicht. Sie hat keine Zeit. Und sie will auch nicht. Sie fühlt sich alleingelassen. Alles tut ihr weh, und da ist keiner, der ihr den Rücken massiert. Was ist los, wo bist du bloß, ruft Mohammed, als er sie am nächsten Tag erreicht, ich mache mir Sorgen. Ich bin in Griechenland, behauptet sie.

Vor nichts hat er mehr Angst, als dass sie sich allein auf den Weg machen könnte. Sie haben oft darüber geredet und sich schon vor dem Unglück dagegen entschieden. Mohammed hat die Gefahren der Reise selbst kennengelernt, das Meer, die einsamen Wälder, die Diebe, die Angst vor der Polizei, den Hunger.

Sag, dass das nicht wahr ist, sagt er.

Doch, natürlich, sagt sie. Willst du nicht, dass wir kommen?

Erst nach ein paar Minuten löst sie den grausamen Scherz auf. Halb aus Ärger, halb aus Wunschdenken habe sie das gesagt, erklärt sie später. Mohammed erzählt, er habe sich damals nicht darüber geärgert. Er spürt, dass Ghuson am Ende ihrer Kraft ist. In den nächsten Wochen muss er der Stärkere sein. Wenn du hier bist, können wir draußen Händchen halten, sagt er jetzt. In Damaskus hat sie sich das immer gewünscht. Und er erzählt ihr von dem Fluss, der durch Heidelberg fließt, malt ihr aus, wie sie dort Fahrrad fahren.

Er wollte mir keine falschen Hoffnungen machen.
Ghuson Kurdi

Einen Monat später, Anfang November, ist Mohammed in eine Kaserne in dem Schwarzwaldstädtchen Villingen verlegt worden. Aber noch immer ist nicht über seinen Asylantrag entschieden worden, noch immer hat er keine Ahnung, wann er seine Familie wiedersehen wird. Zwei Monate ist es her, dass Alan und Ghalip ertrunken sind. In Deutschland heißt das Schlagwort jetzt "Familiennachzug". Das Recht syrischer Asylanten, ihre Familie nachzuholen, soll für zwei Jahre ausgesetzt werden. Mohammed erwähnt die Debatte gegenüber Ghuson. "Er wollte mir keine falschen Hoffnungen machen", sagt sie später. Dabei ist die Lage in Istanbul schwieriger als zuvor. Wenn die beiden miteinander telefonieren, tauschen sie nur noch Probleme aus. Der neue Vermieter will die Miete von 130 auf 200 Euro erhöhen. Schergo, dem Ältesten, wurden zwei Zähne ausgeschlagen, weil er sein Fahrrad falsch abgestellt hat. Mohammed hat Rückenschmerzen, weil seine Matratze so dünn ist.

Beide machen sich Sorgen um Abdullah, der noch immer in einem Hotel in Erbil lebt. Wenn sie mit ihm reden, gibt er sich manchmal die Schuld am Tod seiner Familie. Es war Gottes Wille, sagt ihm Mohammed dann. Wir müssen darauf vertrauen, dass es einen Sinn hatte.

Mohammed hofft, dass der Tod seiner Neffen und seiner Schwägerin anderen Flüchtlingen hilft. "Für uns persönlich hat sich zwar nichts geändert. Aber das Bild hat die Gefühle der Welt verändert."

5 — Die Zeit des Mitgefühls ist vorbei

In diesen Tagen veröffentlicht die International Organization for Migration eine Statistik: Zwischen dem 2. September, dem Todestag, und dem 26. Oktober sind 69 Kinder im Meer zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken. Am Ende des Jahres werden es insgesamt 3.770 Menschen sein, die beim Versuch, Europa über das Mittelmeer zu erreichen, gestorben sind. Doch keines der Opfer schafft es mehr auf die Titelseiten.

Die Weltgeschichte hat bereits eine neue Wendung genommen: Als in Paris 130 Menschen von Islamisten erschossen werden, findet sich ein gefälschter syrischer Pass neben einem Attentäter. Er war in Griechenland als Flüchtling registriert worden.

Donald Trump bezeichnet die Syrer als "trojanisches Pferd".

Polen, Ungarn und die Slowakei wollen aus dem EU-Verteilungssystem für Flüchtlinge aussteigen.

Dänemark droht mit Grenzkontrollen. Angela Merkel reist nach Istanbul und verspricht drei Milliarden Euro, mit deren Hilfe die Syrer in der Türkei gehalten werden sollen.

Die Zeit des Mitgefühls, so scheint es, ist vorbei. Hat das Bild überhaupt irgendeine Wirkung gehabt, außer die Stimmung eine Weile zugunsten der Syrer zu wenden?


"Stimmung ist in der Politik extrem wichtig", sagt Stefan Telöken, Sprecher des UNHCR Deutschland, der konkrete Effekt des Bildes lasse sich aber schwer messen. Die Flüchtlingskontingente, die manche Länder in jenen Tagen verkündeten, seien zum Teil schon in Planung gewesen, "da hat das Bild vielleicht unterstützt, was man ohnehin vorhatte". Wolfgang Büttner von Human Rights Watch sieht es ähnlich: "Wir hatten den Eindruck, dass das Bild eine große mediale Wirkung hatte, vor allem in Großbritannien, wo es relativ wenig Interesse am Flüchtlingsschutz gab. Tatsächlich hat sich aber nicht viel verändert. Sowohl was die Briten betrifft als auch die Länder in Mittel- und Osteuropa, die eine gleichmäßige Verteilung immer noch blockieren."

Kanada hat Eure Papiere akzeptiert.
Tima Kurdi

Den stärksten Effekt beobachtete die UN-Flüchtlingshilfe, die in Deutschland Spenden für das UNHCR sammelt: "Der September 2015 war einer der erfolgreichsten Spendenmonate, die wir je hatten", sagt Geschäftsführer Dirk Sabrowski. Die Einnahmen seien mehr als doppelt so hoch gewesen wie im Jahresdurchschnitt. Die Onlinespenden erreichten ihren Höhepunkt am 3. September, dem Tag, als das Bild des ertrunkenen Alan Kurdi auf den Titelseiten der Zeitungen landete und damit auf den Frühstückstischen der Leser.

Es ist Mitte November, als Ghuson ihren Schwager Abdullah zum ersten Mal wiedersieht, seit er sich im August aufgemacht hatte, um in Europa ein besseres Leben zu finden. Er ist von Erbil nach Istanbul geflogen, weil er eine Zahnoperation braucht. Am Vormittag, erzählt Ghuson in ihrer Wohnung in Istanbul, habe er sie besucht, habe lange die Kinder umarmt und geweint. Journalisten will er nur noch treffen, wenn sie ihn dafür bezahlen. So viel sei über die Familie geschrieben worden, ruft er wütend in Ghusons Handy, aber es habe nichts gebracht.

Und doch ist die Stimmung gelöst an diesem Tag in der Kellerwohnung der Kurdis. Ghuson hat eine SMS von ihrer Schwägerin bekommen: "Kanada hat Eure Papiere akzeptiert." Timas Einreiseantrag für Ghuson und ihre Kinder wurde akzeptiert, auch Mohammed wird aus Deutschland einreisen. Seither lernen die Kinder englische Vokabeln und stellen sich vor, wie es sein wird, Schulfreunde zu haben.

Ein paar Tage später sagt Haveen, die älteste Tochter, ihrer Mutter, dass es schwer werden könnte, Freunde zu finden, wenn sie in Kanada Kopftuch trägt. Ihre Mutter hat denselben Gedanken gehabt. "Sie ist so jung. Ich will nicht, dass sie noch mehr aushalten muss, als sie schon ausgehalten hat", sagt sie und erwähnt das Thema gegenüber Mohammed. Als Haveen das nächste Mal mit ihrem Vater spricht, sagt dieser: Wenn wir nach Kanada ziehen – möchtest du vielleicht dein Kopftuch dort weglassen?

Haveen ist es peinlich, diese Worte von ihrem Vater zu hören. Wenn du meinst, sagt sie, dann habe ich kein Problem damit. Sie strahlt, wenn sie daran denkt: "Wenn ich dort bin, werde ich sein wie alle", sagt sie.

Es ist der 28. Dezember 2015, als abermals Zeitungen von Brasilien bis Neuseeland über die Kurdis berichten. Jetzt zeigen die Bilder die Familie bei der Ankunft in Vancouver. Mohammed hält seinen kleinen Sohn im Arm, als sie die Empfangshalle des Flughafens betreten. Schergo, der 15-Jährige, trägt einen Bayern-München-Schal. Haveen hat ihr Kopftuch durch eine rote Strickmütze ersetzt. Resan und Ranim winken mit kanadischen Papierfahnen. Dann gibt Tima Kurdi die letzte Pressekonferenz dieses Jahres. Auf dem Video trägt sie einen Anhänger, auf dem Alan und Ghalip zu sehen sind. Ihr Vater ist in Kurdistan geblieben, er kann seine tote Familie noch nicht zurücklassen. "Abdullah", spricht Tima in die Mikrofone, "wir wünschten, du wärst hier." Dann wendet sie sich noch einmal an die Welt: "Die Flüchtlinge haben lange gelitten. Wir wollen, dass der Krieg aufhört, und die meisten von ihnen wollen das auch. Bitte schlagen Sie ihnen die Tür nicht vor der Nase zu."

Ihr Bruder Mohammed wird im neuen Jahr in ihrem Salon mitarbeiten, den sie unter dem Namen "Kurdi Hair Design" neu eröffnet hat. Tima Kurdi will weiter um Aufmerksamkeit für Flüchtlinge kämpfen: "Es ist, als ob nichts passiert sei. Es ist wie vor Alans Tod."

Bereits am 2. Januar ertrinkt zum ersten Mal im neuen Jahr ein Flüchtling im Mittelmeer, nachdem ein Boot vor der griechischen Insel Agathonisi gekentert ist. Es gibt kein Foto, die Meldung erscheint auf den hinteren Seiten der Zeitungen. Es ist ein zweijähriger Junge.

Hintergrund zur Recherche: Die Geschichte basiert auf Interviews, die zwischen Mitte September und Mitte November mit der Hilfe von Dolmetschern geführt wurden. Wir trafen Tima Kurdi in der Nähe von Heidelberg. Die Interviews mit Mohammed Kurdi fanden in Heidelberg, Berlin und Villingen statt. Seine Frau Ghuson und ihre fünf Kinder trafen wir schließlich für vier Tage in Istanbul.