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Fußball So halb gut

Nach "Ein Spiel hat 90 Minuten" und "In der Champions League spielen": Eine neue Fußballfloskel ist dabei, das Land zu erobern. Von

ZEITmagazin Nr. 3/2016

Meist fallen einem neue Floskeln erst auf, wenn sie in Bürokonferenzen vorgedrungen sind und von den deppertsten Kollegen vorgetragen werden, die spürbar angetan sind von der scheinbaren Originalität. Die Floskeln dann noch zu stoppen ist fast unmöglich, und man wird wohl ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte mit ihnen leben müssen, mit "auf Augenhöhe begegnen" oder "am Ende des Tages". So wie man mit manchen Fernsehschauspielern oder Potentaten leben muss und hofft, dass sie eines Tages wieder verschwinden.

Die erste HALBZEIT haben wir krachend verloren. Nun geht es darum, dass wir in der zweiten HALBZEIT aufholen.
Tim Höttges, Telekom-Chef, 21.10.2014

Die Floskel, die hier vorgestellt werden soll, ist recht jung. Noch ist es möglich, ihre Freunde an einer Hand und zwei Fingern abzuzählen. Alle sind Männer, was kein Wunder ist, denn es handelt sich um den speziellen Typ der Fußball- und Siegesfloskel. Die Rede ist von der ersten Halbzeit, die verloren worden sei, weshalb nun eben die zweite besser laufen müsse.

Die erste HALBZEIT haben wir verloren, jetzt müssen wir die zweite gewinnen.
Günther Oettinger, EU-Kommissar für digitale Wirtschaft, 21.9.2015

Die Floskel lebte bislang ausschließlich unter den Freunden der digitalen Revolution. Sie wird verwendet, um auszusagen, Europa liege zwar vorerst internetmäßig gegen die USA hinten (und gegen Asien auch ein bisschen) – aber eben nur vorerst. Dabei ist der mögliche Einsatz der Floskel vielfältiger. Sie ist geeignet für alle Lebenslagen, in denen es irgendwie nicht gut aussieht. Das macht sie so gefährlich.

(...) gerade in den zukunftsentscheidenden Bereichen IT und Digitalisierung. Da hat Deutschland die erste HALBZEIT verloren und muss jetzt Gas geben.
Mario Ohoven, Mittelstandspräsident, 17.2.2015

Die Idee, es gebe einen Schiedsrichter, der noch mal genauso lange spielen lässt (plus Nachspielzeit!), könnte zum Beispiel auch Männer verlocken, die ihre Partnerin überreden wollen, der Beziehung noch mal eine Chance zu geben: "Ich weiß, die erste Halbzeit hab ich voll vergeigt, keine Frage, aber in der zweiten wirst du mich nicht wiedererkennen."

Bei der digitalen Revolution hat Europa die erste HALBZEIT verloren.
Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, 15.5.2015

Kleine Floskelkritik: Man spricht im Fußball, jedenfalls im Deutschen, nicht von verlorenen Halbzeiten. Im Fußball kann man nur ganze Spiele verlieren, zur Halbzeit liegt man hinten, gerne auch hoffnungslos, aber sie ist eben nicht verloren, so wie im Tennis ein Satz oder ein Spiel.

Die erste HALBZEIT (...) ging an amerikanische und asiatische Unternehmen. Jetzt müssen wir alles daransetzen, dass wir in der zweiten HALBZEIT (...) punkten.
Thorsten Dirks, Chef des Branchenverbandes Bitkom, 21.7.2015

Wenn überhaupt, wird die Rede von der verlorenen Halbzeit im Sport von Trainern in der Pause verwendet, um den Spielern weiszumachen, da draußen beginne gleich ein ganz neues Spiel. Die deutschen Internet-Versteher brauchen also offenbar Psychotricks, um sich und anderen einzureden, man könne noch gegen Amerika gewinnen.

Wäre man im Fußball, müsste man sagen: Die erste HALBZEIT haben wir verloren.
Thomas Jarzombek, CDU-Bundestagsabgeordneter, 13.11.2015

Die Floskel hat sich erst von Wirtschaftsbossen zu Lobbyisten herumgesprochen und dann weiter zu Politikern. Fast alle der Halbzeit-Freunde wiederholen die Metapher gerne. Vermutlich wird irgendwo im Land, in irgendeiner IT-Firma, schon so geredet. Vielleicht ist die Floskel bald überall. Vielleicht bricht sie aber auch auf den letzten Metern ein, vielleicht versagen ihr dann doch die Nerven, dieser jungen hoffnungsvollen Nachwuchsfloskel.

Kommentare

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Eine WAS?-Floskel? Kein Wunder, dass es bergab geht mit dem Fußball, wenn Fußball-Akteure und -Redakteure das Subjekt, um das es geht, nicht mal mehr richtig schreiben können. Das Metier hat nichts mit Fusseln (kurzes u) o.ä. zu tun, sondern mit dem Fuß (langes u)! Herr Stolz schreibt von „deppertsten Kollegen“ und bemerkt sein eigenes Depp-Sein nicht.