Harald Martenstein Über einen unmöglichen Möbelkauf

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ZEITmagazin Nr. 3/2016

Ich will weg von Ikea. Ich will mich endlich befreien. Es gibt so viele Argumente. Das Zeug ist billig, weil es billig produziert wurde, zum Beispiel in Weißrussland, nicht gerade eine Hochburg der Arbeitnehmerrechte. Der zweite Grund für die niedrigen Preise liegt bekanntlich darin, dass die Kunden die Endmontage selber übernehmen. Ikea stellt, genau genommen, gar keine Möbel her, sondern lediglich den Rohstoff für Möbel. Der Kunde ist quasi ein Hilfsarbeiter für Ikea, deshalb wird er von Ikea geduzt.

Wenn in der Autobranche die Autos in Einzelteilen von der Fabrik abgeholt werden müssten, um zu Hause zusammengeschraubt zu werden, dann könnte man vermutlich einen Kleinwagen für 2.000 Euro anbieten, und der Autohändler hätte den gleichen Sound wie der Ikea-Katalog. "Mmmh, im neuen Audi-Katalog dreht sich alles um unsere Lieblingsthemen Motor und Kupplung! Hol dir jede Menge Inspiration, und lass deiner Kreativität und deinem Geschmack freien Lauf!"

Wie viel Lebenszeit habe ich damit vergeudet, Ikea-Möbel zusammenzuschrauben? Mit Kreativität hat das nichts zu tun. Sobald man eine einzige Schraube kreativ platziert statt vorschriftsmäßig, gerät man ins Abseits, ähnlich wie die Regimekritiker in Weißrussland.

Jetzt brauchten wir ein Sofa fürs Kinderzimmer, am besten ein Bettsofa, damit auch mal andere Kinder übernachten können. Ich hatte vor Zeugen geschworen, nie wieder bei Ikea zu kaufen. Ein Sofa in einem Kinderzimmer besitzt, aufgrund der kindlichen Verhaltensweisen, nur eine geringe Lebenserwartung. Das billigste Bettsofa von Ikea heißt Solsta und kostet 99 Euro, es sieht auch ganz gut aus. Wir waren bereit, 300 Euro auszugeben, 100 für das Sofa und 200 nur dafür, dass es nicht von Ikea ist.

Inzwischen haben wir ein Solsta. Wir haben alle Websites durchsucht. Natürlich fanden sich einige Sofas in dieser Preisklasse, 300 Euro. Sie sehen aus, als hätte der 85-jährige Firmenchef in seiner Schublade nach Designentwürfen aus den achtziger Jahren gesucht, die er damals wegen ihrer Scheußlichkeit abgelehnt hat. Sofas, die Ansätze von gestalterischem Ehrgeiz erkennen lassen, gibt es bei allen außer Ikea erst ab 400 Euro. Besser, man investiert 1.000.

Ikea hat das Monopol auf Sachen, die trotz niedrigen Preises meinem halbmodernen Allerweltsgeschmack entsprechen. Die Möbel sehen irgendwie gut aus, besser kann ich es nicht ausdrücken. Dieses Erfolgskonzept ist so simpel, wieso kopieren die deutschen Konkurrenten es nicht? Die Chinesen kopieren doch auch vieles. Deutsche Möbelhäuser könnten das Ikea-Design abkupfern, das Sofa etwas solider verarbeiten und es an Typen wie mich, fertig zusammengeschraubt, fürs Dreifache verkaufen.

Sobald ich ein deutsches Möbelhaus betrete, komme ich mir vor wie in einer Folge der Lindenstraße, die teuren Möbel stammen aus der Serie Dallas. Wenn du schöne Sachen willst, die nicht teuer sind, gibt es in Deutschland das Einparteiensystem. Ich lebe in einer Ikea-Diktatur und darf nicht ausreisen. Ich kann nicht zu so was wie Manufactum. Ich würde niemals für einen Papierkorb aus Sperrholz 120 Euro ausgeben. Das Kissen Marlies, ein kleines Kissen, haben sie bei Manufactum immerhin von 215 auf 145 Euro reduziert. Da gehe ich doch lieber Austern essen. Der Ersatzpistill kostet nur 7,50 Euro. Ein Pistill, habe ich herausgefunden, wird zur Herstellung von Salben in einer Fantaschale genutzt. Also, wer sich die Salben selber mixt und eine Fantaschale hat, kann zu Manufactum gehen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Dieses Problem kenne ich sehr gut! Ich suche Möbel-Alternativen, die ich dann aber einfach nicht schön finde, und lande dann doch immer wieder bei Ikea! Ich bin auch schon oft durch gewisse Möbelhäuser gestreift, und habe mich gefragt, ob man dort auf dem Möbelgeschmack der 80er Jahre stehengeblieben ist. An "Dallas" mußte ich dabei auch schon oft denken, vieles sieht schon ziemlich altmodisch, protzig und unschön aus.
Und für die teuren, hochwertigen Sachen ist mein Geldbeutel zu schmal bestückt.
Ich finde die meisten Sachen bei Ikea schön, und für die niedrigen Preise baue ich doch gerne die Möbel selbst zusammen. Ich finde das eigentlich gar nicht so "diktatorisch", ich bin vielmehr froh, dass ich auf Ikea zurückgreifen kann!

Ich verstehe die Intention Ihrer Aussage nicht. Soll Martenstein jetzt nur noch für Geringverdiener schreiben? Oder meinen Sie, IKEA sei etwas für Geringverdiener (der Blick auf die Kunden verrät aber etwas anderes)?

Als Großverdiener hat man auch so seine Sorgen. Da gibt man 5000 Euro für ein Rolf Benz Sofa aus und erfährt am Abend in der Clublounge, dass Rolf Benz sowas von 2015 ist...

Darüber sollte Martenstein mal schreiben.

Meine Grundregel: Wenn Du nach Ikea gehst (sge ich mir), was ungefähr einmal in 2 Jahren vorkommt ist die Grundregel: KAUFE NIX! Außer Teppichen, die um 80 Prozent im Preis gesenkt wurden. Oder einer Sparbirne. Esse niemals Kottbular, diese vollkommen überteuerte Kugelfischspeise, kaufe höchstens eine Cola. Nehme ein GPS-Gerät mit, damit Du schnell wieder rauskommst, wenn Du schon mal drin bist.

Ikea-Möbel verzeitgeistigen eine komplette Wohnung, man bekommt die schicke Neutralseuche, wo alles Glump ist, aber nicht so aussieht. Ikea-Käufer sind das elende Kaufproletariat der Neuzeit. Überhaupt: Neue Möbel zu haben ist das verlogenste, dass man machen kann. Wenn, dann hat man alte Stücke mit Atmosphäre, die nicht aufgemalt ist. Oder aber gleich Aldi-Bananen-Kartons. Oder die vom Lidl.