Gesellschaftskritik Über trügerische Familienbilder

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Prinz George an seinem ersten Vorschultag. Das Bild hat seine Mutter Kate gemacht. © Reuters/Duchess of Cambridge
ZEITmagazin Nr. 3/2016

Die spannenden Fotos in Familienalben sind eigentlich meistens die, die fehlen. Man blättert durch all die Geburtstage, Taufen, Hochzeiten, und plötzlich klafft auf einer Seite eine Lücke. Nur die Klebeecken sind noch da, markieren ein bleiches Rechteck, das einmal von einem Foto bedeckt war. Was war dort zu sehen? Und warum ist es nicht mehr da? Ein geliebter Mensch, der sich als Enttäuschung erwiesen hat? Eine ungeliebte, weil vielleicht pummelig pubertierende Version von Mama oder Papa?

Das Blättern durch Familienalben ist leider irgendwie auf der Strecke geblieben, außer wir besuchen mal wieder die Großeltern. Unsere Familienalben sind jetzt virtuell. Und längst schauen wir nicht mehr nur in die eigenen, sondern werden auf den verschiedensten Wegen eingeladen, die Bilder von Schauspielern, Politikern, Sängern, Models und Monarchen zu betrachten. Wir sind dabei, wenn sich Nachwuchs ankündigt. Bar Refaeli, Exfreundin von Leonardo DiCaprio, postete kürzlich stolz einen positiven Schwangerschaftstest und die Schauspielerin Anne Hathaway sich selbst mit "Babybauch" am Strand. Letzte Woche konnten wir verfolgen, wie Prinz George, Urenkel der Queen, seinen ersten Tag in der Vorschule meisterte. Seine Mutter Kate hat die Fotos gemacht und veröffentlicht. Diese vermeintlich intimen Bilder sind auch ein Schutz vor der Öffentlichkeit, sie sollen die Deutungshoheit über die eigene Familie sichern, Paparazzi überflüssig machen.

Doch weil diese Bilder immer süßlicher, immer unwirklicher werden, heizen sie die Neugier auf die anderen Bilder noch mehr an – wie die bleichen Stellen im eigenen Familienalbum. Wir wissen ja alle, dass es nicht nur die Geschichten gibt, die da erzählt werden: "Ich bin so verliebt", "Ich bin so schwanger", "Mein erster Schultag war so toll". Wir wissen aus unseren eigenen Familien, dass es da auch noch die anderen Geschichten gibt – die ohne Bilder. Geschichten, die niemals ans Licht kommen oder erst Jahrzehnte später. Wie zum Beispiel diese: Es war einmal ein Prinz, der hatte es gar nicht leicht in der Schule, viele beneideten ihn, und eines Tages wollte es ihm einer richtig zeigen und brach ihm beim Rugby die Nase. Das war 1966. Berichtet wurde erst jetzt darüber. Damals wollte der Prinz kein Aufsehen erregen. Er heißt Charles und ist der Großvater vom kleinen George. Die Story lief gut, auch ohne Bild.

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