Das war meine Rettung "Ich sagte zu meinem Assistenten: Nicht fliehen, sonst ist es aus"

Auf einer Reise durch Russland geriet die Regisseurin Ulrike Ottinger in größte Gefahr. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 3/2016

ZEITmagazin: Frau Ottinger, Sie sind für Ihre Filme oft in ferne Länder gereist. Wann ist Ihre Sehnsucht geweckt worden?

Ulrike Ottinger

73, ist in Konstanz geboren. Seit den siebziger Jahren dreht sie Dokumentar- und Spielfilme – wie etwa Taiga, der in der Mongolei entstand. Ihr neuer Film Chamissos Schatten, in Russland gedreht, kommt im März ins Kino.

Ulrike Ottinger: Ganz früh in meiner Kindheit, durch meinen Vater, der in den späten zwanziger Jahren als Matrose bei der Ostafrika-Linie angeheuert hat. Er erzählte gern davon, es gab Zeichnungen, Postkarten, Fotografien, und er hatte einen guten Freund, den Maler Fritz Mühlenweg. Der hatte den schwedischen Geografen Sven Hedin auf seinen Entdeckungsreisen nach Asien begleitet. Wir haben Mühlenweg besucht, und er ist mit mir in sein Zimmer gegangen und hat eine große, wunderschön bemalte mongolische Truhe geöffnet und mir Filzstiefel und andere Sachen gezeigt. Das hat meine Begeisterung noch größer werden lassen.

ZEITmagazin: Können Sie sich an Ihre erste Reise als Kind erinnern?

Ottinger: Als ich etwa drei war, sind wir mit der Schwarzwaldbahn nach Säckingen gefahren. Es waren sehr schwierige Umstände durch den Krieg, weil meine Mutter, die Jüdin war, mit einem falschen Pass unterwegs war. Ihre Schwester, die auf einer Alm lebte, war verhaftet worden, und sie wollte schauen, ob sie irgendetwas unternehmen konnte.

ZEITmagazin: Wie hat Ihre Familie die Zeit des Nationalsozialismus erlebt?

Ottinger: Meine Mutter hat darüber lange nicht gesprochen. Erst kurz vor ihrem Tod hat sie mir zum ersten Mal viel erzählt. Sie war eines von sechs Geschwistern, und drei von ihnen wurden umgebracht. Der Vater meines Vaters war koscherer Metzger in Konstanz, er ist 1935 gestorben, als die Nazis ihm eben verboten hatten, zu schächten. Meine Eltern waren so verrückt, noch 1937 nach Freiburg zu fahren, wegen einer Sondergenehmigung zum Heiraten. Der Beamte hat zu ihnen gesagt: Gehen Sie ganz schnell wieder, ich habe nichts gehört. Irgendwie hatten sie geglaubt, dass es gelingen würde, aber geschafft haben sie es erst nach dem Krieg. Und ich hatte schon als Kind in der Klosterschule mit Ressentiments zu tun, ich war immer eine Außenseiterin. Doch außerhalb der Norm zu sein ist auch das, was einen wach macht für anderes.

ZEITmagazin: Warum sind Ihre Filme eigentlich oft viele Stunden lang?

Ottinger: Jeder Film hat seine Zeit. Mein neuer Film Chamissos Schatten dauert sogar zwölf Stunden. Ich war dafür drei Monate in Sibirien unterwegs, rund um das Beringmeer und tief in der Tundra, wo die Rentierhirten leben. Da muss ich schon Zeit mitbringen. Bei Nomaden kann ich nicht einfach mit der Kamera reinrennen und filmen. Erst tauschen wir Geschenke aus, manchmal bleibe ich sogar ein paar Wochen. Wenn die Menschen merken, dass ich wirklich an ihnen interessiert bin, erfahre ich auch vieles.

ZEITmagazin: Gab es bei diesen Reisen Situationen, in denen Sie gerettet werden mussten?

Ottinger: Auf meiner letzten Reise bin ich in akute Lebensgefahr geraten: In Russland haben zwei Betrunkene meinen Assistenten und mich für Amerikaner gehalten und wollten uns massakrieren. Wir waren außerhalb eines kleinen Städtchens, ich wollte noch etwas fotografieren, und die beiden Betrunkenen sind uns nachgegangen. Ich sagte zu meinem Assistenten: Nicht fliehen, sonst ist es aus. Wir sind auf sie zu, und ich habe meine fünfzig Wörter Russisch hervorgeholt, aber sie schrien: Amerikanski, Amerikanski! Sie waren kräftige Männer, mit Wodkaflaschen in der Hand, und schienen vor nichts zurückzuschrecken. Ich sagte, wir seien Germanski, doch sie waren kurz davor, uns anzugreifen. Da stellte der eine die Wodkaflasche neben sich, und sie fiel um. Aus einem Reflex heraus sagte mein Assistent: Achtung! Da fing der Mann an zu lachen. Wie sie uns erzählten, hatten sie gerade einen Film gesehen, in dem ein bekannter russischer Schauspieler einen Nazi spielt und immer "Achtung" ruft. Der andere Russe wollte weitermachen, aber sein Kumpel sagte: Das sind wirklich Germanski. Sie ließen uns gehen. Ich war danach völlig fertig.

ZEITmagazin: Das Reisen scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

Ottinger: Es führt zu einem solchen Reichtum an Eindrücken, Begegnungen und Erfahrungen, dass ich es nicht missen möchte. Mich fasziniert, was die Menschen dazu bringt, bestimmte Dinge zu tun. Ich möchte es selbst wissen, aber ich habe auch ein starkes Bedürfnis, mitzuteilen, was ich erlebe. Ich werde jedenfalls arbeiten, solange ich kann. Wie die Mongolen sagen: Wenn man nicht mehr reiten kann, stirbt man.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie gehört neben Evelyn Finger, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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