Wahlheimat Berlin, Berlin, wir ziehen nach Berlin!

Noch nie wollten so viele in die Hauptstadt. Und wie ist es, wenn man dann endlich da ist? Neu- und Alt- Berliner erzählen von ihrem ersten Jahr in der Stadt. Von , , , und

ZEITmagazin Nr. 4/2016

In der neuen Werbekampagne des Modelabels Gucci sieht man junge Menschen, die nach einer durchfeierten Nacht auf einem Hoteldach die ersten Sonnenstrahlen genießen – Pärchen halten sich in den Armen, ein Junge tanzt allein für sich, unter ihnen die Dächer Berlins. Auf einem anderen Motiv fährt jemand mit dem Skateboard durch die Berliner U-Bahn, einen Pfau im Arm. Die neue Kampagne der Modemarke Givenchy ist ebenfalls in Berlin fotografiert worden. Auf den Bildern lungern die Models in einer Plattenbau-Kulisse herum, im dunstigen Hintergrund der Fernsehturm am Alexanderplatz. Was man halt in Berlin so macht.

Berlin ist in solchen Werbebildern die Stadt, in der man sich selbst immer wieder neu erleben kann. Aus guten Gründen wird Mode heute in Berlin inszeniert. Mode ist hier ein Lebensstil. Und mit Berlin verbinden viele die Idee, man könne seinem Leben hier eine neue Richtung geben, wenn man sich nur treiben lässt.

Das wollen derzeit offenbar einige: Keine deutsche Stadt zieht so viele neue Bewohner an wie Berlin. Allein in den Jahren 2009 bis 2013 gewann Berlin mit 160.000 Bürgern etwa so viele Einwohner hinzu, wie in der Nachbarstadt Potsdam leben. Die Hauptstadt steht für Wachstum, aber auch für ständigen Austausch. Seit der Wiedervereinigung sind 2,9 Millionen Menschen hierher gezogen. Heute hat die Stadt 3,5 Millionen Einwohner, sie hat sich beinahe einmal komplett erneuert. In manchen Bezirken besteht Berlin fast nur aus Zugezogenen – im Stadtteil Mitte sind 81 Prozent der Bewohner nicht in Berlin geboren.

Niemanden scheint es so recht zu stören, dass Berlin nicht gerade eine schöne Stadt ist. Architektonisch stimmt hier eigentlich nichts: Gründerzeitbauten stehen neben postmodernen Betonklötzen aus den späten achtziger Jahren. Das letzte Mal, dass die Stadt ein einheitliches Bild abgab, war zu Kaisers Zeiten. Und auch sonst kann man den Eindruck gewinnen, dass hier wenig vorangeht. Jedenfalls dann, wenn man mit der S-Bahn fährt. Oder wenn man darauf hofft, dass der neue Flughafen endlich eröffnet wird.

Wie ist es, heute nach Berlin zu ziehen? Und wie war es vor einigen Jahrzehnten? Das haben wir zwölf Berliner gefragt. Einige sind erst vor Kurzem hier angekommen, andere schon in den siebziger und achtziger Jahren. Welche Gründe führten sie hierher? Und was für eine Stadt haben sie vorgefunden? Auf den folgenden Seiten erzählen sie von ihren Erlebnissen.

Was auffällt: Niemand kam einfach nur, um viel Geld zu verdienen. Berlin wächst zwar, aber die Beschäftigung wächst nicht im gleichen Tempo mit. Alle Neu-Berliner waren beseelt von Ideen. Sie wollten sich auf etwas Besonderes konzentrieren oder an sich selbst arbeiten. Und für viele dauert dieser Zustand immer noch an.

Denn in Berlin wird man nie fertig. Bars und Clubs schließen, neue eröffnen, man begegnet neuen Menschen. Man hat selten das Gefühl, es könnte ewig und immergleich so weitergehen.

Berlin, das sind nicht erst seit heute Baugerüste und Abrissbirnen. Erst wurde die Provinzstadt Berlin zur Hauptstadt des Kaiserreichs umgebaut, dann wollten die Nazis von hier aus die Welt regieren, später existierten zwei Berlins. Nicht erst seit Kurzem ist die Stadt ein Rückzugsort der Ichsucher aus aller Welt. Als Stefan Zweig noch nicht der berühmte Schriftsteller war und der Salzburger Spießigkeit zu entkommen versuchte, ging er zum Studium nach Berlin. 1902 war das. Dort wunderte er sich über allerlei Lebenskünstler und Gurus, die eine neue Lehre namens Yoga verbreiteten. Das Berlin von heute mit all seinen Yoga-Studios würde Zweig jedenfalls sofort wiedererkennen. Berlin ist die Stadt des Neuen, aber manchmal genügt es, wenn es einfach nur wie früher ist.

Louise Constein

In Berlin lebe ich, seit ich vier oder fünf bin. Mir gefielen gleich die tollen Spielplätze. Jetzt nutze ich eher die vielen Skater-Bahnen, zum Beispiel am Gleisdreieck, am Pappelplatz oder im Mellowpark in Köpenick. In der Schule haben viele nur Blödsinn im Kopf, in U-Bahn-Schächte klettern oder so. Oder sie hängen zu Hause vor dem Computer. Ich selbst bin da anders. Ich liebe die Natur. Manchmal denke ich daran, wie es wäre, wenn ich noch in Braunschweig wohnen würde. Ich wäre auf jeden Fall viel öfter im Wald. So bin ich am Schlachtensee, wo ich die alten Leute störe, wenn ich dort ins Wasser springe. Wenn ich die Enten füttere, mögen sie das auch nicht. Manchmal würde ich gerne aufs Land ziehen. Irgendwohin, wo viel Platz um mich herum ist.

Die 13-Jährige wohnt in Mitte. Sie ist in Braunschweig geboren.

40 Kommentare

Mir wird ganz warm ums Herz, bei dem Herren der von der Besetzung des Hauses in der Linienstraße erzählt. Bin in der Straße aufgewachsen und habe mich immer gefragt, wer dort wohl wohnt. Bin auch echt traurig, dass das Haus heute neben Neubauhäusern steht in dem sich ein hipper second Hand neben das andere reiht. So schade was aus Mitte und Prenzlauer Berg geworden ist, das waren mal so tolle Bezirke, in denen sich das Leben frei angefühlt hat.

Berlin ist für mich vorallem karrieresprungbrett. Die beruflichen moeglichkeiten die ich hier hab sind unglaublich. Über kurz oder lang will ich aber zurück in die Kleinstadt. Mit der bahn/auto nach berlin zu pendeln dauert ja unter Umständen genauso lang, wie mit s-bahn und Co durch berlin zu tuckern. Berlin ist mir einfach zu voll, zu verrückt, zu schmutzig, zu teuer, zu "undeutsch" (Stichwort kleinistanbul) ich kann mir auch nicht vorstellen das berlin ein toller Ort ist um seine Kinder groß zu ziehen.

jung,schick und hip,jawohl die hab ich auch gesehen als gelegentlicher Berlin Besucher
jung,verschmutzt,heruntergekommen,in den U-Bahn Treppenaufgängen und am Alex herumhängende aber auch genug
für die ist die Party in Berlin schon wieder vorbei weil sie zuwenig die Ellebogen ausgefahren haben
das zum Thema Selbstverwirklichungsträume in Berlin,meine gute Bekannte,eine Ur Berlinerin zieht die Augenbrauen hoch,ob dieses gehypten Hipstergekreisches

Sehr schöne Idee, aber leider nicht wirklich gut umgesetzt. Zu viel auf Prenzl. Berg/ Mitte und auf Mode und Kreativität getrimmt. Wo sind die Leute aus Kreuzberg/ Neukölln, die 'Non-Hipster', die migrantischen Geschichten, die das heutige Berlin mehr ausmachen als dieser Modefirlefanz?
Leider spiegelt der Artikel nicht das Berlin wieder, was ich als UrBerliner beobachte. Dann diese ständigen Modebeschreibungen bei jeder Person sind auch echt peinlich - ich lese hier 'Die Zeit', sonder nicht 'Elle' oder 'Vogue'.

Spannender Artikel - trotz peinlicher Modereklame. Vor allem das Kurzinterview mit dem Massive-Attack-Member fand ich interessant zu lesen. Persönlich lebe ich jetzt seit ca. 2 Jahren in Berlin. Es ist nicht so einfach. Wenn man die Stadt und ihre Möglichkeiten als junger Mensch (20-30) nutzen will, muss man harte Anpassungsleistungen erbringen, um sich seinen Platz zu sichern. Vor allem die Wohnortfrage scheint mir wahnsinnig zentral. Ist zwar noch längst nicht so krass wie in München oder London, aber den Mythos vom endlos Raum für freie Entfaltung bietenden Postwende-Berlin kann man begraben. Ungestörte "Ichsuche" ist inzwischen auch in Berlin sehr voraussetzungsvoll.

Als weggezogene Berlinerin kann ich nur noch sagen:
"Berlin,ich vermisse dich nicht mehr.Deine Tonnen Hundescheiße auf den Wegen,dein endloser Müll auf den Straßen,deine unfreundlichen Bewohner kannst du für dich behalten ".

Ich kann den Hype über "meine" Stadt nicht mehr verstehen. Vielleicht weil meine Stadt nun Kopenhagen ist?
Und auch hier gibt es "Mode". Ganz hübsche sogar,dänisch design halt

Vielleicht nicht in allen Bezirken, aber da wo ich herkommen, ja da liegt viel rum.

Und auch dieses beleidigt sein,wenn man negatives gegen Berlin sagt,stört mich auch.
Berlin ist nicht alles,auch wenn viele es so sehen. Nicht alle Gegenden in Berlin sind hip,nicht überall lebt es sich dort gut. Das sollte man nicht vergessen.

Moment, wer hat denn hier alle Berliner als unfreundlich beschimpft und überall Tonnen an Hundescheisse und Müll gesehen? Wenn Ihnen hier auf den Schlips getreten wurde ist das Ihre Sache und sie haben ja zu Ihrem Glück auch die Konsequenzen daraus gezogen. Ein paar Millionen Bürgern scheint es da anders zu gehen oder sollten die nun auch alle nach Dänemark kommen? Dürfen die auch Ihren Hund mitbringen? Ich kann Ihnen übrigens auch den Irrglauben nehmen, dass es nicht auch in Kopenhagen krasse Ecken gibt.

Ich habe nie geschrieben, dass ALLE unfreundlich sind. Aber ja,die sogenannte Berliner Schnauzer als Vorwand zu nehmen,unfreundlich zu seinen Mitbürgern zu sein,stört mich einfach.
Und ja,auch gebe ich zu,dass 26 Jahre leben in der Gropiusstadt kein Zuckerschlecken war. Da bin ich einfach glücklich,dass ich dort nicht mehr leben muss.
Und dazu ist Kopenhagen ein friedliches Nest.

Als ich zwischen 1998 und 2000 in Berlin lebte, fiel mir bei kleineren Ingenieurbüros vor allem die Bereitschaft zur Kooperation auf. Der Wettbewerbsgedanke stand dem gegenüber im Hintergrund. Während meiner anschließenden Zeit in München hatte ich das nicht mehr erlebt.

Eine verrückte (halbernstgemeinte) These: In Dtl herrscht aktuell eine so düstere Stimmung, weil junge, kreative und Tellerand-überblickende Menschen fehlen. Alle in Berlin.

Wenn man mal von 1 Mio Zuwanderern ausgeht, wären das 1000 junge Menschen die jeweils in 1000 deutschen Städten fehlen.
Da kann Provinz doch nur ein Zustand bleiben....

Sorry..aber verwechseln sie da nicht was ?? Oder meinen sie ernsthaft das man Menschen die Unfreundlich, egoistisch, bisweilen aggressiv sind als junge, kreative und Tellerand-überblickende Menschen bezeichnen kann ? Oder meinen sie das das Voraussetzungen sind um als junge, kreative und Tellerand-überblickende Menschen zu gelten ?? Wenn jadannbin ich froh das diese Leute in Berlin sind. Oder meinen sie das diese Menschen mehr beitragen als ihre Egoismen als Kreativität zu verkaufen. Ich glaube kaum das diese Egomanen etwas für den sozialen Zusammenhalt tun. Weder ind den Bezirken in denen sie leben..noch sonst wo.

Also die Louise sieht schon spannend aus. Da ist irgendwie all das zusammengewürfelt, was 'mann' früher einzeln nicht tragen wollte.
Und der Meinung, dass man in Berlin nur das eigene Ich sucht oder künstlich mit Schutzschirmrumrennen muss kann ich nicht bestätigen. Es gibt hier nach wie vor auch das Warme und Familiäre. Man darf sich nur nicht ausschließlich an den typischen Hotspots rumtreiben. Geht z.B. mal nach Karlshorst. Familiärer geht's bald nicht mehr und eine Kehrwoche würd emich dort auch nicht wundern. Sehr herzlich und ehrlich geht es z.B. auch im Westfählischen Viertel in Moabit zu. lso, bitte nicht immer so Pauschalisieren wenn man aus mehr als 100 km Entfernung nicht wirklich weiss, wie es hier auch läuft.

Ist die ZEIT nun ein Modejournal oder wird sie von Modefirmen gesponsert? Anders kann ich mir nicht erklären, warum detailliert aufgeführt wird, von welcher Firma welches Kleidungsstück stammt. Und was soll die Schleichwerbung über Berlin aussagen? Dass man dort alles tragen kann? Welche Überraschung!

Den Eindruck kann man wirklich bekommen. Ausserdem hat man dasGefühl das nur Menschen die besser betucht sind befragt wurden. Oder meint jemand , das sich ein "normaler" Berliner Dolce & Gabbana und co leisten können ??? Wohl eher nicht. Und genau solche Menschen sind auch die Unfreundlich, egoistisch, bisweilen aggressiv sind. Man muss nicht nach Berlin um solche Leute zu sehen. Auch in unserem Ort schlagen diese Leute vermehrt ein. Habengenug Geld um der Meinung zu sein sich Unfreundlichkeit,Arroganz,Egoismus und Aggressivität leisten zu können.

Sie sind kein Berliner, oder? Als ich nach Berlin gezogen bin, ist mir die legendäre Unfreundlichkeit der Berliner aufgefallen. Wer beim Bäcker den Fehler machte, statt Schrippen Brötchen zu bestellen, der musste sich sofort folgenden Satz anhören: " Brötchen? Wat'n für'n Brötchen? Splitter, Sesam, Mohn? Hellsehen kann ick och nich, junger Mann". Ja, so war das. In den letzten Jahren sind ein Haufen Westdeutsche zugezogen, oft aus dem Süden. Die denken immer, man müsse freundlich sein. Das nervt!

Weil in Berlin einfach jeder seinen Kram macht. Da sagt mir der Nachbar nicht, dass ich meinen Rasen nicht korrekt gemäht habe und auf der Straße glotzt mich keiner an, weil ich irgendwie 'anders' angezogen bin. Der Anpassungsdruck ist einfach nicht so hoch. Wenn man erstmal sein 'ich' gefunden hat, trifft man auch noch auf Gleichgesinnte, weil so viele Strömungen vorhanden sind.

cool..also ziehen wir jetzt alle nach Berlin.
hat aber nur keinen possitiven Effekt.
oder meinen sie das es dann noch genug
1. bezahlbaren Wohnraum
2. jobs
3.Kindergartenplätze
3. Schulen
ect. gibt ??

ach ja..seltsam..ich wohne nicht in Berlin und trotzdem sagt mir keiner :
1.das der rasen nicht korrekt gemäht ist
2 glotzt einem niemand wenn man anderst angezogen ist
aber dafür hilft man sich ..jeder kennt jeden und man hilft sich gegenseitig.
man respektiert die anderen und wird auch respektiert. das miteinander wird großgeschrieben...dagegen dieses egoistische jeder für sich ..sehr klein.
(Ort mit 11.000 Einwohnern)

gut formuliert, weil "in berlin jeder seinen kram macht...."
auch mir ist aufgefallen dass sich die vermeindlich grenzenlose toleranz der stadt im realen leben eigentlich als gegenseitige ignoranz entpuppt, schon immer habe ich mich gewundert wie eine stadt mit so tolerantem selbstbild so aggressiv sein kann

"Wenn man hier nett ist, gilt man als Weirdo. Irgendwann hat mir jemand geraten, einfach nicht so nahbar zu sein. Dann lief es besser."

Dieses Verhalten kann ich bestätigen und mir hat es dann auch gereicht. Sich verstellen, um in irgendwelchen Kreisen anzukommen, war dann nicht so mein Ding. Aber wie Wana auch richtig beobachtet, produziert das nur Leute, die ein gesundes Leben durch andere Sachen ersetzen. Solche Leute lesen jetzt übrigens Michael Nast und behaupten, das wäre wertvoll!

Ja, das ist wirklich schlimm, was der da von sich gibt, wie er sich selbst zum Star inszeniert - einfach peinlich.
Besonders schrecklich ist, dass das so viele Menschen ernst nehmen.
Ich kenne ihn flüchtig aus alten Zeiten und fand ihn schon damals narzisstisch.
Berlin ist eine tolle Stadt - wir Berliner brauchen aber vielleicht auch mal ne Auszeit, sollten vielleicht mal woanders gelebt haben, damit wir uns nicht zu wichtig nehmen.
Und: Freundlichkeit ist etwas schönes, trotzdem mag ich auch das freche und rotzige - manchmal ist es einfach ehrlicher.

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