Deutschlandkarte Von Thomas Bernhard beschimpfte Orte

Von
ZEITmagazin Nr. 4/2016
© Laura Edelbacher

Die Idee zu dieser Karte kam uns im Netz entgegen. Dort wurde eine Karte umhergereicht, erstellt vom Suhrkamp Verlag. Sie zeigte viele Städte, welche der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard, der die Tirade zur Kunstform erhob, in seinen Werken beschimpft hat. Wir unterstützen es, wenn sich Literatur und Infografik anfreunden, und baten Bernhards Lektor Raimund Fellinger, die Karte für uns zu vervollständigen. Alle paar Tage fielen ihm neue Städte ein. Am Ende war er so gut wie sicher, dass ihm nichts entgangen ist. Hamburg und Berlin tauchen auf der Karte nicht auf. Sie wurden, das gilt als gesichert, auch nicht beschimpft. In Hamburg hatte Bernhard eine Liebe (die Pianistin Ingrid Bülau). In Berlin war er fast nie. Bernhard war oft auf Reisen, er besuchte viele Städte, die seine Stücke in ihren Theatern aufführten. Diese Städte waren besonders beschimpfungsgefährdet. Aber was heißt gefährdet? In Zeiten des Stadtmarketings kann es nicht schaden, von einem Großschriftsteller beschimpft worden zu sein.

Quelle Raimund Fellinger, Suhrkamp Verlag

15 Kommentare

Ja, Thomas Bernhard wusste auch über alles Moderne seiner Zeit Bescheid, so bleibt er hipster-großartig, als ein leuchtender Geistesmensch und lebendiger Lebenskünstler, der Maßstäbe setzte. In dieser beeindruckenden Art und Weise "beschimpfte" er m. E. auch die o.g. Städte, ja, aber er charakterisierte sie so treffend. Wie Thomas Bernhard bleiben auch diese Städte auf immer mit Thomas Bernhard verbunden, der im Februar d.J. genau 85 Jahre alt geworden wäre, der, der vor 27 Jahren starb, der, der ein brillantes Werk hinterließ, das seinesgleichen sucht. Bernhard konnte sehr gut beobachten, denn seine Wahrnehmungfähigkeit war beachtlich positiv-intensiv ausgeprägt. Unnachgiebig und gekonnt beschrieb er Menschen, Dinge, Prozesse und Erscheinungen, dabei war er treffsicher, real, direkt und ehrlich, aber auch offen. Nie bemitleidete sich Thomas Bernhard, eben ein Genie, was er aber auch bei anderen Leuten leicht voraussetzte, aber dabei wußte er, dass zu viele Menschen ohne Selbstmitleid nicht gut leben konnten, was ja für den Fortschritt sehr hinderlich ist und bleibt. So sollten die Menschen, d.h. die Städter in den von Thomas Bernhard charakterisierten Städte das Einfache auch erlernen, dass sich Selbstmitleid oder pure unbegründete Abwertung des berühmten Bernhard einfach nicht lohnt, denn er lebt! Die Leute können ihre Städte besser machen! Thomas Bernhard bleibt unvergessen und durch seine markanten Sätze über diese Städte auch, das ist doch eine sympathische Symbiose.

Thomas Bernhard ist im Jahr 1989 noch vor der Wende gestorben. Das hat ihm erspart, näher in Kontakt zu treten mit den Metropolen im Osten unseres Landes. Aber ich bin sicher, Dresden hätte er als zutiefst nationalsozialitisch verseucht eingestuft. Ja, so war er der Bernhard. Das Diplomatische war nicht sein Ding. Dafür hatte er es mit der Wahrheit.

Ohne irgendeinen west-chauvinistischen Kommentar zu jedwedem Thema, dass sich auch nur annähernd dafür heranziehen lässt geht es heutzutage wohl nicht mehr, was? Das ist ungefähr genauso charmant und unintelligent wie die reflexhaften Städtebeschimpfungen des Thomas Bernhard, die wohl größtenteils seinem eigenen Ego gedient haben dürften.

Heldenschwatz ...
Hagenbuch hat jetzt zugegeben, daß ihm der Hosenkauf in Bochum durchaus so abstoßend geraten ist, weil ein kleinbürgerliches Moment, das jedem Stimmenimitator am mitleidslosesten innewohnt, ihn fortwährend ohne das geringste Hirn im dunklen Dunst des Scheiterns verweilen läßt, zumal jedwede grauenhafte Stadt am Meer unzumutbar steril nur abgestandenen faden Literaturbrei aufgetischt hat, den als Sprache und Dichtung zu verunglimpfen die deutsche Dummheit in perverser Hochmütigkeit Triumphe feiert, während überall, wo er an- und verweste, ein Weinflaschenstöpselfabrikant das Maul zur Ungeheuerlichkeit voll nahm, ansonsten nur ein Hund als Zuhörer, der sich nicht um die berühmten Baudenkmäler scherte, zur Klage verhalf, man solle ihm das Gesehene zurückgeben, andernfalls ihn ins berühmte Irrenhaus Bethel nahe Bielefeld (nur beiläufig erwähnt, ha!, denn dieses Museumsstück gibt es ja nicht) gebracht zu haben - darüber gibt es doch gar nichts zu diskutieren - lauter Menschengerümpel, vor widerwärtiger Plumpheit strotzend, Herr in seinem Rad der Geschichte ihn zur Eigenbeweihräucherung am A...lecken soll.

Da-da-da, du liebst mich nicht, ich les dich nicht ... (ist nicht gerade heute vor 100 Jahren der hierzu passende Ismus geschaffen worden?!)

"man solle ihm das Gesehene zurückgeben" Das forderte Bernhard als er im Düsseldorfer Schauspielhaus eine Premiere eines seiner Stücke erleben musste.Er forderte den Theaterdirektor auf ,allen Zuschauern die Theaterkarten zurückzugeben und das Gesehene und Gehörte zurückzugeben bzw. zu vergessen.so Bernhard jedenfalls,sach ich ma

Ganz recht - der Text oben ist nichts anderes als eine Zitatenkollage Bernhardscher Beschimpfungsfloskeln. Er war nun mal ein sehr leicht erregbarer Narzisst, der aus seiner ständigen Gekränktheit eine (fast schon berechenbare) Attitüde machte. "Hagenbuch hat jetzt zugegeben" ist der Anfang eines Hüsch-Couplets, bei dem Th.B. als Hagenbuch verschlüsselt benannt ist.

@mcl33 Schon merkwürdig, daß lange Sätze besonders geeignet sind für Beschimpfungen von Lebenslagen an fremdem Orte und für Sex - lesen Sie bitte mal den Monolog der Molly Bloom in James Joyce, Ulysses, nach (S. 915-988 in Wollschlägers Übersetzung, hier Auszüge): "...wo er immer so tat wie wenn er wegen seiner kranken Stimme das Bett hüten müßte und den feinen Lackaffen spielte alles bloß um sich bei der alten Ziege interessant zu machen Mrs. Riordan von der er dachte er hätte einen dicken Stein im Brett bei ihr ... und ich hab dann auch geschlafen wie ein Murmeltier sobald wie ich ins Bett gehüpft bin bis der Donner mich geweckt hat also ein Krach war das wie wenn die ganze Welt einstürzen täte Gott sei uns gnädig ich dachte doch glatt der ganze Himmel kommt auf uns runter um uns zu bestrafen und hab mich bekreuzigt und ein Ave Maria gesagt wie diese schrecklichen Gewitterblitze in Gibraltar und da kommen sie und wollen einem erzählen es gibt keinen Gott ...

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