Peter Balleis © Echter Verlag

Das war meine Rettung "Man darf auf das Böse nicht mit Bosheit antworten"

Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 4/2016

ZEITmagazin: Herr Balleis, bis Ende 2015 leiteten Sie den Internationalen Flüchtlingsdienst der Jesuiten, JRS. Sie halfen Flüchtlingen unter anderem in Syrien und Afghanistan. Gab es einen Moment, an den Sie sich besonders gern erinnern?

Peter Balleis

58, ist im bayerischen Aindling geboren. Er studierte Theologie in München, Nairobi und Belo Horizonte. Balleis arbeitete lange in Simbabwe, bevor er 2007 Direktor des Internationalen Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) wurde.

Peter Balleis: Ganz klar die Freilassung meines Kollegen Pater Prem durch die Taliban am 22. Februar 2015. Er war im Juni des Vorjahres in einer Schule in der Nähe von Herat entführt worden und 264 Tage in Geiselhaft gewesen, wir wussten nicht, ob wir ihn lebend wiedersehen würden. Prem ist Inder, er war verantwortlich für viele Projekte. Die Sicherheitslage hatte sich damals gerade rapide verschlechtert. Prem hatte die Schule spontan besucht, und offenbar hatten Dorfbewohner eine Gruppe der Taliban informiert.

ZEITmagazin: Wo befindet sich die Schule genau?

Balleis: Im Grunde in einer Steinwüste, vierzig Kilometer westlich von Herat, Richtung Iran. Der JRS hat sie für 250 muslimische Kinder gebaut.

ZEITmagazin: Sie arbeiteten als Direktor des JRS in Rom, Pater Prem in Afghanistan. Kennen Sie sich persönlich?

Balleis: Natürlich. Ich habe jedes Jahr mindestens die Hälfte der 45 Länder besucht, in denen der JRS tätig ist. Ich kenne viele der 1800 Mitarbeiter, von denen etwa 100 Jesuiten sind, der Rest sind Einheimische und Flüchtlinge.

ZEITmagazin: Wieso geriet die Schule ins Visier?

Balleis: Wir wissen es nicht genau. Für die konservativen Ältesten im Dorf war sicher provozierend, dass wir auch schon eine Frau als Direktorin hatten, dass Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet wurden und dass es Kinderfeste gab. Aber Prem ließ sich davon nicht abbringen. Er hat selber nie erfahren, warum ausgerechnet er entführt wurde.

ZEITmagazin: Was tut man, wenn ein Ordensbruder verschleppt wird?

Balleis: Wir haben sofort ein Verhandlungsteam zusammengestellt, fast alle waren Afghanen. Wir konferierten täglich per Skype. Für uns ist die lokale Kooperation das A und O. Wir haben den Taliban jeden Tag signalisiert: Wir kümmern uns. Ich bin selber nach Afghanistan gereist. Denn ich wusste, man kann eine Geisel nur am Leben erhalten, wenn man ständig verhandelt und sich unermüdlich für sie interessiert.

ZEITmagazin: Und, hat es geholfen?

Balleis: Ich denke schon. Wir haben für Prem gebetet, die muslimischen Schulkinder haben für ihn gebetet. Die spirituelle Kraft hat sich übertragen. Prem selber betete auch viel, seine Wächter erlaubten es ihm sogar offiziell für drei Stunden am Tag. Sie respektierten seinen Glauben, und auch das erwies sich als überlebenswichtig.

ZEITmagazin: Wie wurde er behandelt?

Balleis: Die Taliban haben ihn mehrfach verlegt, zuletzt in eine entfernte Gegend an der pakistanischen Grenze. Äußerlich hatte er keine Folterspuren, aber natürlich drangsalierten ihn die Wächter. Einen von ihnen hat er fast gehasst, aber dann rang Prem sich durch, für ihn zu beten. So verbesserte sich das Verhältnis. Man darf auf das Böse nicht mit Bosheit antworten. Diese Haltung hat auch uns Helfer gerettet.

ZEITmagazin: Wie das?

Balleis: Wir haben es vermieden, Militär und Geheimdienste einzuschalten. Wir haben uns gehütet, zu triumphieren, wenn Taliban starben. Wir haben die Schule nicht geschlossen, um die Kinder nicht zu bestrafen. Und wir haben immer nur freundlich an die Verhandler geschrieben: "Passt auf unseren Bruder auf! Gott segne Euch!" Man muss auch mit dem Teufel freundlich reden.

ZEITmagazin: Das ist Ihnen nicht schwergefallen?

Balleis: Nein, wir sind die Sache von Anfang an fromm angegangen, weil ein kategorisches Nein gegen das Böse nicht hilft. Wir hatten auch keine andere Chance. Zuerst hatten die Taliban zehn Millionen Dollar Lösegeld gefordert, das konnten wir nie und nimmer aufbringen. Prem kam schließlich frei, weil der indische Präsident Narendra Modi sich einschaltete.

ZEITmagazin: Was ist das Schwerste für einen Helfer?

Balleis: Die Ohnmacht vor dem Bösen. Im Gegner den Menschen zu sehen, um selber Mensch zu bleiben. Als Jesuit hilft mir dabei der Glaube.

ZEITmagazin: Ende 2015 schieden Sie aus Ihrem Amt aus. Weil die Belastung so groß war?

Balleis: Nein, bei den Jesuiten sind alle Führungspositionen zeitlich begrenzt. Ich bin jetzt zurück in München und mache ein Sabbatjahr. Ich arbeite für die Jesuitenkirche St. Michael, und außerdem schreibe ich derzeit ein Buch über die tieferen Ursachen der Weltkonflikte.

ZEITmagazin: Welche sind das?

Balleis: Habsucht, Herrschsucht – und Machtgier.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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