Männer! Help help help

© Patrik Stollarz / Getty
DIE ZEIT Nr. 4/2016

Also in Köln war ich nicht dabei. Aber einmal habe auch ich live erlebt, wie eine Frau angetanzt wird, wie man heute sagt, es war ein riesiger Schwarzer, der mit behänden Sprüngen zu einer winzigen weißen Frau aufschloss und sie am Hals packte. Ja, ihr Rassisten, war so. Muss man auch sagen können. Er schob sie in einen Eingang und knallte sie gegen die Tür und machte sich an ihrer Kleidung zu schaffen, riss den Rock hoch etc., also sie schrie, ich schrie. Nützte aber nichts. Dann sauste ein Rennrad heran, ich kreischte wie in einem Schülerplaystationspiel Helphelphelp, worauf der bleiche Jungmann gelassen abstieg und sich aufröhrend dem kämpfenden Paar näherte. Nicht bevor er mir streng befohlen hatte, derweil auf sein Fahrrad aufzupassen! Antänzer verscheucht, Ende der Vorstellung.

Der Vorfall – Bühne war die kleine Universitätsstadt Ann Arbor in Michigan, USA – hat mich verwundert zurückgelassen. Erstens: Zwei kreischende Frauen (#aufschrei) hatten den Antänzer so wenig irritiert wie das Sirren von zwei Mücklein. Zweitens: Das akustische Signal des Fahrradfahrers (#roehren) hatte ihn subito vertrieben. Drittens: das wie immer überzeugende männliche Multitasking, gleichzeitig sowohl die Frau wie das eigene Fahrrad zu beschützen. Der Vorfall an sich war nicht so ungewöhnlich. Im hübschen Ann Arbor wurde jede Woche mindestens eine Frau auf dem Campus vergewaltigt. Auch im hübschen Freiburg, wo ich herkam, galt ein abendlicher Spaziergang entlang des Dreisamflüsschens als Aufforderung für heftiges Antanzen. Es sei denn, man war in Begleitung eines Mannes. Männer waren damals sortiert in die dualen Rollen von potenzieller Beschützer und potenzieller Angreifer (gelegentliche Rollenvermischung).

Zu Köln ergeben sich daraus Fragen. Waren alle 500 Frauen wirklich ohne Männer unterwegs? Fehlte es ihnen an Beschützern? Wurden auch Männer angetanzt? Schweigen sie darüber? Aus Scham? Wer sah zu? Ich meine jetzt nicht die Bilder, die von den großzügig um Dom und Bahnhof verteilten Kameras auf die Bildschirmwände der Polizeizentrale gebeamt wurden, sozusagen Porno live. Ich bin schon gespannt, wie diese Informationslücke in einem Tatort ausgeschlachtet werden wird. Wer sitzt auf der Wache vor der Bildschirmwand? Der junge Hecht, der immer überschäumt und nicht mit zum Einsatz darf? Deshalb hämisch grinsend onaniert? Die müde Sekretärin, die sich gerade nicht an 110 erinnert? Ein fetter Sack, zu alt für den Außendienst? Auf dem Platz waren jedenfalls ein paar Hundertschaften Polizisten. Hatten sie Angst? Einmal stand ich im erwähnten Freiburg einem Jungpolizisten gegenüber, Nase an Nase (#haeuserkampf). Er war ein ganz Süßer, noch ohne Bart, auf seiner weißen Gesichtshaut zitterten Schweißtröpflein.

Das Geschlechterverhältnis hatte sich seitdem ja ganz schön entspannt. Frauen waren nächtens in den Großstädten unterwegs. High Heels in der Hand, konnte man in den frühen Morgenstunden durch Hamburg oder Downtown Manhattan nach Hause schlendern. Ende der Angst! Männer waren erleichtert, weil weder auf die Beschützer- noch auf die Aggressorenrolle abonniert. Also Silvester war ich natürlich auch unterwegs. In Hamburg, mit drei Typen. Einer hatte fürsorglich eingekauft, Berliner und Schampus. Die anderen hielten brav die Sektkelche zum Einschenken, als der Angriff kam. Einer dieser Migranten, weg war die Tasche. Was soll ich sagen, die Boys hatten die Hände voll, ich also hinterher, #roehren. Und es wirkte! Der Kerl ließ die Tasche fallen und war weg. Ein Glück. Man möchte ja keine Männer schlagen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Endlich Vintage! Lesung und Diskussion für alle, die jedes Jahr erstaunt auf ihren Geburtstag schauen. Susanne Mayer liest ihre Lieblingskolumnen und diskutiert über die erste Knitterung mit unterschiedlich alten KollegInnen, den ZEIT ONLINE-Redakteuren Rabea Weihser und David Hugendick.

20. Februar 2016, 20.00 Uhr, Haus 73, Schulterblatt 73, Hamburg
Die Anmeldung erfolgt über die Seite der Langen Nacht.
 


Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Vielleicht wäre ein allgemeiner Blick auf die Zivilcourage besser gewesen. So verlaufen wir uns doch immer wieder in Geschlechterklischees. Dabei sind die Fragen doch: Wie kann man helfen? Wie schützt man sich und das Opfer? Wie vermeidet man, selbst zum Täter erklärt zu werden? Oder spezifischer: Wie hilft man einer Frau, die von einer Männergruppe umringt wird? Wie sieht man überhaupt, dass sie Hilfe braucht ?