Das war meine Rettung "Dass ich ein Mann bin, war möglicherweise meine Rettung"

Der Autor Clemens J. Setz hatte Panikattacken – sein Arzt fand eine ungewöhnliche Erklärung Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 5/2016

ZEITmagazin: Herr Setz, Sie sind Synästhetiker, bestimmte Töne haben für Sie eine Farbe, bestimmte Wörter ...

Clemens J. Setz: ... zeigen sich als Geste.

ZEITmagazin: Sie sehen tatsächlich eine Geste?

Setz: Ich sehe eine abstrakte Bewegung, eine Form. Zum Beispiel das Wort Plüsch, das wölbt sich golden nach vorne wie ein Gong.

ZEITmagazin: Ist das nicht irritierend, wenn man durch die Welt geht und sich jede Sinneswahrnehmung sofort vervielfacht?

Clemens J. Setz

33, ist in Graz geboren. Er arbeitete als Übersetzer und Journalist, 2007 erschien sein Debütroman Söhne und Planeten. Für sein Buch Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes erhielt er 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Setz: So war es bei mir schon immer. Es ist nur dann irritierend, wenn es plötzlich anders ist. Als Kind habe ich immer über das Wort Besen gelacht, weil es witzig klingt und auch in meinem Kopf eine sehr witzige Form hatte, nämlich etwas, was Schultern hat. Aber inzwischen ist ein Besen für mich mehr ein von oben herabhängender Tropfstein.

ZEITmagazin: Was ist da passiert?

Setz: Keine Ahnung, da muss irgendeine Verschiebung in meinem Gehirn passiert sein. So wie man plötzlich etwas mag, was einem nie geschmeckt hat. Früher hasste ich Avocados, heute liebe ich sie.

ZEITmagazin: Man ist, was man isst.

Setz: Ja, der Magen ist entscheidend. Ich kann davon ein Lied singen. Ich hatte vor drei Jahren eine Gastritis, eigentlich keine schwere Erkrankung. Aber ich wusste einfach lange nicht, dass ich das überhaupt hatte. Sobald ich im Bett lag und zu schlafen versuchte, bekam ich Panikattacken. Die Panik stieg von innen auf, über den Brustraum in den Schädel. Todesangst! Von da an hat mir alles Angst gemacht. Die Tatsache, dass eine Decke auf mir lag – oh, ich ersticke!

ZEITmagazin: Klingt furchtbar. Was taten Sie?

Setz: Ich ging zum Arzt, zu meinem Hausarzt glücklicherweise, nicht zum Psychiater. Der sagte: Komisch, es kommen ganz viele Leute zu mir mit Panikattacken. Die müsse sich eigentlich ein Psychiater anschauen, weil sie auch zu schweren Vermeidungsstörungen führen könnten, zu Zwangserkrankungen, weil man alles vermeidet, was mit Angst besetzt ist. Das Leben könne dann sehr eingeschränkt sein. Aber bevor ich zum Psychiater ginge, meinte der Arzt, wolle er noch einige Untersuchungen machen. Da fiel mir auf, dass ich immer so ein Gefühl im Hals hatte, wenn ich eine Panikattacke bekam. Eine Art Sodbrennen. Da hat der Arzt gesagt: Ah, das ist ja merkwürdig, es kommt aus dem Nichts, wenn Sie sich hinlegen? Ich erzählte ihm, dass es mir einmal gelungen war, die Panikattacke wegzudrücken, indem ich mich im Bett aufgesetzt und innerlich die Brust angespannt hatte. So kam der Arzt auf die richtige Diagnose: Meine Panik sei nur ein Speiseröhrenkrampf, eine Überreaktion auf die Verätzung, wenn die Magensäure die schon entzündeten Stellen der Magenschleimhaut reizt. Der Arzt sagte: Sie brauchen keine Psychopharmaka, sie brauchen ein Medikament gegen Gastritis!

ZEITmagazin: Der Arzt hat Ihr Problem also sofort richtig diagnostiziert?

Setz: Es hat schon eine Zeit gedauert. Und jetzt kommt die Ungerechtigkeit, von der ich erzählen will. Viele Kolleginnen und Freundinnen und weibliche Bekannte von mir erzählen dieselbe Geschichte: Sie gehen wegen Panikattacken zum Hausarzt. Und der stellt ihnen sofort ein Rezept für ein Antidepressivum aus. Meistens für ein SSRI-Medikament, einen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Männer, die diese aufsteigende Magenangst hatten, bekamen alle Magenmedikamente verschrieben. Meine Beobachtung kann Zufall sein, aber ich habe auch mit Psychiatern gesprochen. Die verschreiben jungen Frauen Neuroleptika, zum Beispiel Abilify, weil es viele Studien gibt, die zeigen, dass Frauen sich wegen Panikattacken schneller umbringen als Männer. Der Druck vor allem auf junge Frauen ist in der Gesellschaft besonders groß. Die Notwendigkeit zu funktionieren ist für sie viel stärker als für junge Männer. Die haben eher die Lizenz, kompliziert zu sein: Der ist halt so, der muss halt mal ausrasten, heißt es dann. Junge Frauen, die nicht funktionieren, kriegen Psychopharmaka. Der skandalöse und ungerechte Vorteil, dass ich ein Mann bin, war möglicherweise meine Rettung.

ZEITmagazin: Sie glauben, ein Psychiater hätte die falsche Diagnose gestellt?

Setz: Nicht nur das. Ein SSRI-Medikament oder Abilify hätten die Panikattacken gestoppt, ich wäre symptomfrei gewesen, aber die Magenentzündung wäre geblieben. Es ist nur meine Privattheorie, vielleicht ist sie Blödsinn, aber ich empfehle jedem, der Panikattacken hat, erst mal eine Gastroskopie zu machen.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Evelyn Finger zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Video: Clemens Setz liest aus "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" Abspielen
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Noch "besser" ist es ja andersherum, also wenn einem trotz diagnostizierter Krankheit psychische Probleme unterstellt werden. So habe ich (Frau) eine Allergie, die sich zum Asthma hinentwickelt hat. Von zwei Lungenärzten bestätigt. Meine Hausärztin meinte allerdings zu mir, sie würde nicht glauben, dass ich lungenkrank wäre, das wäre bestimmt psychisch und ich solle mal eine Therapie machen. Zufällig erwähnte ich dann noch, dass wir versuchen ein Baby zu bekommen, woraufhin sie dann meinte, ich solle da erst mal meine Therapie machen, sonst könnte ich das mit dem Baby gleich vergessen. Was man sich als Frau alles anhören muss...

Genau! Im Interview wird eine private Meinung geäußert und ja sie ist Schwachsinn von vorne bis hinten. Vom höheren Druck auf junge Frauen und von diffusen Aussagen, die suggerieren Frauen wären mal wieder benachteiligt, diesmal in der Krankenversorgung. Die Wahrheit ist leider umgekehrt. Viele Depressionen werden bei Männern nicht erkannt und auch deshalb bringen sich mehr Männer um als Frauen. Männer werden in dieser Gesellschaft so geformt, dass sie hart und unverletzlich sein sollten und deshalb seltener zu Arzt gehen. Und Setz hat kein Glück, dass er ein Mann ist. Auch hier stimmt das Gegenteil. Statistisch leben Männer 5 Jahre kürzer als Frauen. Davon sind ca. 4 Jahre auf die Lebensverhältnisse der Männer zurückzuführen. Alles keine privat Meinung und belegbar. Warum dieser Artikel sexistisch ist? Weil so ein Unsinn nie veröffentlicht würde, wenn Männer als benachteiligt hingestellt würden. Allerdings ist es auch deutlich schwieriger ein Feld zu finden, wo Männer tatsächlich nicht benachteiligt sind und ein solches Interview bei gleichem Schwachsinnsinhalt führbar wäre.

Als Frau (und Ärztin) stimme ich Ihnen in dem, was Sie so ärgert, zu.

Was ich schade finde, das ist:
durch die für mich nicht plausible Schlußfolgerung des Autors geht unter, daß der Artikel gleichzeitig eine sehr gute Beschreibung einer scheinbar seelisch bedingten Krankheit darstellt, hinter der sich eine organische Ursache findet.
Daß die organische Ursache herausgefunden wurde, liegt an dem großartigen Hausarzt, den Herr Setz beschreibt, und der, da bin ich (so gut wie) sicher, auch bei Frauen immer zuerst nach der Ursache für die Beschwerden suchen würde.
Allein schon die Aussage: "Komisch es kommen ganz viele Leute zu mir mit Panikattacken" deutet darauf hin, daß er seelische Symptome immer erst hinterfragt.
Sie können erstes Symptom für eine organische Krankheit sein, und darum untersucht er wohl grundsätzlich jede(n) Patienten/ Patientin vor jeder Therapie sorgfältig darauf, was der Auslöser für die Symptome sein könnte.

Wäre Herr Setz bei einem anderen Hausarzt gewesen, hätte dieser auch ihm als Mann Psychopharmaka verschrieben.

"Der Druck vor allem auf junge Frauen ist in der Gesellschaft besonders groß. Die Notwendigkeit zu funktionieren ist für sie viel stärker als für junge Männer." Erstaunliche Aussage, nach meiner (zugegeben männlichen) Wahrnehmung wird Karriere für Männer immer noch als Pflicht definiert, während Frauen mehr Wahlfreiheit haben.

Ich wollte soeben einen ähnlichen Kommentar schreiben. So eine Aussage finde ich schon sehr extrem und sollte mit anderem Wissen belegt werden als mit "aus meiner eigenen Erfahrung". Denn aus meiner eigenen Erfahrung hätte ich ziemlich locker das Gegenteil vermutet. Als Mann muss man heute alles sein, Ernährer, Erzieher, Leitbild, ... alles gleichzeitig, aber trotzdem darf man nicht weich sein oder zu viele Gefühle zeigen. Dass Frauen weniger Nachsicht bekommen (wie auch in diesem Artikel beschrieben)... auch da schlagen bei mir alle Alarmglocken an. Frauen werden verständnisvoll behandelt und getröstet, es wird sich um sie gekümmert. Als Mann muss man sich um sich selber kümmern und es wird Leistung erwartet. Das Frauen an den gleichen Maßstäben gemessen werden wie Männer ist noch lange nicht in der Gesellschaft angekommen.

Gerade Magenprobleme woe Reizmagen, Sodbrennen usw. sind sehr oft stressbedingt. Ja, die Symptome eines verkrampften Oberbauchs, Übelkeit, Brennen usw. das in die Brust ausstrahlt, sind ängstigend, ich kenne das selber sehr gut. Man verkrampft noch mehr, steigert sich leicht rein und ungünstige Kompensierungsversuche um sich zu beruhigen bzw. zu "funktionieren" machen es dann oft noch schlimmer (tagsüber Kaffee, Zigaretten, abends Alkohol).

Also haben wir den perfekten Teufelskreis, der ja für Angstgeschichten typisch ist. Der Autor hat also durchaus echte Angssymptome gehabt, wie er ja auch sagt, und die kommen höchstwahrscheinlich nicht ausschließlich vom Magen bzw. aus heiterem Himmel heraus.

Gleich Psychopharmaka verschreiben ist zwar sicherlich gut gewesen. Die Schlussfolgerung "dann hätte ich meine Gastritis" immer noch, stimmt aber wahrscheinlich nicht. Genauso wenig wie dass das Panikproblem jetzt ein für alle Mal gelöst ist. Es gilt m.E. nach also die Stressfaktoren, Verhaltensweisen und Gewohnheiten zu reduzieren, die den Magen reizen und dann die Panik-Überreaktion provoziert haben (das zeigt ja schon eine Panikneigung) und gleichzeitig stärkende, entspannende Faktoren zu fördern.

"Die verschreiben jungen Frauen Neuroleptika, zum Beispiel Abilify, weil es viele Studien gibt, die zeigen, dass Frauen sich wegen Panikattacken schneller umbringen als Männer. Der Druck vor allem auf junge Frauen ist in der Gesellschaft besonders groß. Die Notwendigkeit zu funktionieren ist für sie viel stärker als für junge Männer."

Panikattacken sind keine "Ausraster" sondern und wer diese als solche auslegt, ist gerade Menschen die darunter leiden keine Hilfe, da dies eine durchaus gut zu behandelnde Krankheit ist.
Desweiteren ist es einfach so dass mehr Frauen darunter leiden (bzw. deswegen zum Arzt gehen, jedenfalls laut Wikipedia)

@ Julia_78
Dabei sollte man nicht unterschlagen dass Frauen häufiger versuchen sich umzubringen, aber es ist auch so dass es bei Frauen und Männer zu deutlich Unterschiedlichen Symptomen aufgrund von Depressionen kommen kann, was erst ganz langsam bekannt wird, was die Diagnostik von Männern nicht unbedingt einfacher macht.

"Dabei sollte man nicht unterschlagen dass Frauen häufiger versuchen sich umzubringen". Anders als unterstellt, unterschlage ich nichts. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass die Zahlen viele Erklärungen und Deutungen zulassen. Nur würde ich anders als im kommentierten Artikel vor interpretativen Schnellschüssen warnen, da die Dinge möglicherweise doch komplexer sein könnten, als es auf der Oberfläche scheint. Es gibt natürlich auch unterschiedliche Erklärungsansätze für die unterschiedliche Erfolgsquote. Es fängt ja schon bei einfachsten Dingen an: Etwa auch im Hinblick auf Paniktattacken sind allenfalls die von Ärzten diagnostizierten Fälle bekannt, was aus vielerlei Gründen nichts über die tatsächliche Anzahl der Erkrankten aussagen muss.

"es bei Frauen und Männer zu deutlich Unterschiedlichen Symptomen aufgrund von Depressionen kommen kann, was erst ganz langsam bekannt wird, was die Diagnostik von Männern nicht unbedingt einfacher macht." Das wirft natürlich die Folgefrage auf, warum die "männliche" Depression schwerer zu diagnostizieren sein sollte als die "weibliche" und warum beide Geschlechter bislang nur im Hinblick auf die "weibliche" Depression untersucht wurden.

Die Faktenlage ist relativ eindeutig: a) Frauen werden weitaus häufiger aufgrund von Depressionen und ähnlichen psychischen Erkrankungen behandelt als Männer b) Männer nehmen sich weitaus häufiger das Leben; Hauptursache Depressionen. Welches Geschlecht medizinisch nicht adäquat versorgt wird, darüber lässt sich nun streiten, mag sich die systematische Nichtbehandlung von männlichen Patienten im hiesigen Einzelfall auch mal unbeabsichtigt positiv ausgewirkt haben. Ich weiß auch nicht, ob Schlüsse aus Selbstötungsstatistiken auf die Frage, welches Geschlecht es nun schwerer hat, den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden, aussagekräftig sind. Wann man allerdings solche zweifelhaften Schlüsse ziehen möchte, dann ist das Ergebnis eindeutig: Es sind jedenfalls nicht junge Frauen.

Als Arzt sage ich Ihnen, Sie haben absolut recht. Es gibt viele solcher Diagnosen, bei denen ein Symptom erfolgreich behandelt wird und man die Ursache bekämpft glaubt. Dabei hat man nur eine Decke darüber gelegt. Oft ist es es aber nicht so, dass man den behandelnden Schlampigkeit oder ähnliches vorwerfen kann, denn Diagnostizierende Ärzte haben nun mal alle auch ihre Grenzen, nicht zuletzt dadurch begründet, dass wir einfach noch nicht den ganzen Menschen verstehen. Ich zum Beispiel werde oft emotional niedergeschlagen wenn ich starke saisonale oder Tierhaar-Allergien habe. Ist aber keine Depression, denn wenn ich Antiallergika nehme verschwinden die Symptome. Ähnlich wie bei Ihnen. Grüße

Darum kann nicht oft genug betont werden:
vor jeder Therapie: die Diagnose.

Den Autor kann man nur beglückwünschen zu seinem ausgezeichneten Hausarzt, der erstens: sich die Zeit nahm, mit dem Patienten zu reden.
Der dann zweitens: Labor- und apparative Untersuchungen durchgeführt haben dürfte (was ja aufwendiger klingt, als es ist, v.a., wenn man aufgrund der Anamnese bereits gezielt sucht).
Und somit drittens: die zunächst nicht erwartete Ursache fand: eine organische Erkrankung, die rein seelischer Natur schien.

Selber Ärztin, glaube ich nicht, daß der Autor Glück hatte, weil er ein Mann ist - sondern weil er einen wirklich guten Hausarzt hat, der bei Frauen genauso handeln würde.

Daß es in vielen Praxen leider ganz anders ist, liegt vor allem auch am Kostendruck:
eine gute Anamnese, das Gespräch also, kostet Zeit, mal weniger, oft mehr - und dieses Mehr an Zeit wird nicht bezahlt.
Und das, obwohl das Gespräch außerdem auch Teil der Therapie ist, wenn nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist - weil es hilft, mit der Krankheit entspannter umzugehen, wie z.B. beim Allergiker.

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