Familie Was vom Patchwork übrig bleibt

Trennungen sind harte Einschnitte im Leben von Kindern und Eltern. Viele wagen danach den Neuanfang mit einer zweiten Familie. Aber was passiert, wenn auch diese Form des Zusammenlebens scheitert? Von

ZEITmagazin Nr. 5/2016

Wenn man Hanna Bischof fragt, wie viele Geschwister sie hat, nimmt sie, anstatt eine Antwort zu geben, ein Blatt Papier in die Hand und legt es quer. Sie setzt ihren Namen und den ihres leiblichen Bruders in die Mitte, den ihrer Eltern darüber, dann kommen links und rechts immer neue Striche und Namen dazu. Ganz rechts außen setzt sie drei Fragezeichen. Sie stehen für das achte, neunte und zehnte Kind in dieser weitverzweigten Familie. Der leibliche Vater ihrer früheren Stiefschwester hat noch mal Nachwuchs bekommen, an die Namen erinnert sich Bischof nicht mehr.

Hanna Bischof ist 36 und Juristin in einem Ministerium – ihr Name wurde ebenso wie der aller anderen Protagonisten in diesem Text geändert, damit ihre Angehörigen nicht wiedererkennbar sind. Bischof hat mittlerweile selbst zwei Töchter, fünf und drei Jahre alt. Wenn sie deren Verwandtschaftsverhältnisse erklären will, braucht sie wieder ein Blatt Papier, quer gelegt. Auch in deren Generation gibt es nicht allein Vater, Mutter, Kinder, sondern Expartner, neue Partner, Stiefgeschwister und Halbgeschwister. Hanna Bischof ist nicht nur Spezialistin für Patchworkfamilien, sondern vor allem auch für eins: wie man damit umgeht, wenn sie zerbrechen. Wie man damit fertigwird, wenn ein weiterer Versuch, als Familie glücklich zusammenzuleben, gescheitert ist.

Der Begriff Patchworkfamilie entstand in Deutschland in den neunziger Jahren, als man ein Label suchte für jene neue Familienform, die immer häufiger auftauchte, nachdem die Scheidungsraten beständig nach oben gegangen waren. Eigentlich ist damit nichts anderes gemeint als die Stieffamilie. Die hat es immer schon gegeben. Aber etwas ist heute anders: Vor 50 oder 60 Jahren entstanden Stieffamilien hauptsächlich dann, wenn ein Ehepartner gestorben war. Heute brauchen Frauen keinen Versorger mehr und Männer keine Ehefrau, damit ihnen jemand den Haushalt führt. Man trennt sich schneller, auch wenn man gemeinsame Kinder hat. Und: Man trennt sich nicht nur einmal, sondern auch zwei- oder dreimal. Für Kinder bedeutet das, dass sie sich immer wieder an neue Partner der Eltern gewöhnen müssen. Heute gibt es nicht nur Stiefväter und -mütter, sondern auch Exstiefeltern, neue Stiefeltern, ehemalige und neue Stiefgeschwister – Familiengeflechte, bei denen man leicht den Überblick verliert.

Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass ein neues Buch zum Thema Patchworkfamilie erscheint. Diese Familienform ist längst im Mainstream angekommen. Für die USA hat im Jahr 2010 ein großes Meinungsforschungsinstitut herausgefunden, dass 42 Prozent der Befragten einen engen Stiefverwandten haben. Patchworkfamilie, das klingt nach einer bunten Flickendecke, nach einem fröhlichen Miteinander, nach Hippie und Romantik. Aber zweite Ehen scheitern Studien zufolge häufiger als erste. Das Risiko einer Trennung erhöht sich, wenn die Frau Kinder mitbringt in die zweite Ehe – für Männer gibt es diesen Zusammenhang nicht, weil die Kinder nach einer Trennung noch immer vorwiegend bei der Mutter leben. Und doch liest man fast nichts darüber, was passiert, wenn eine Patchworkfamilie zerbricht. Vielleicht weil es so schmerzhaft ist? Weil es eine weitere Niederlage ist?

Andererseits will man als Vater oder Mutter nach einer Trennung auch nicht Single bleiben, bis die Kinder ausziehen. Wäre es nicht völlig falsch, die eigenen Bedürfnisse so zu missachten? Aber wie verhält man sich richtig, wenn diese neue Beziehung auch wieder zerbricht? Und was passiert dann?

Jetzt, 20 Jahre nachdem das Phänomen Patchworkfamilie aufgetaucht ist, ist es an der Zeit, diese Fragen zu stellen. Was macht so eine zweite Trennung mit den Betroffenen? Der leibliche Vater bleibt auch nach der Trennung der Vater – aber was ist mit dem Exstiefvater? Trifft man den auch später noch, schreibt man ihm zumindest zum Geburtstag? Und hält man Kontakt zu den Exstiefgeschwistern? Oder zählt am Ende nur die Blutsverwandtschaft?

Es ist acht Uhr abends. Hanna Bischof bringt ihre beiden Mädchen ins Bett, sie schlafen in einem Stockbett, die Große oben, die Kleine unten. Die Mutter gibt ihnen einen Kuss, danach ist es erstaunlich schnell ruhig im Zimmer. Hanna Bischof setzt sich mit einem Glas Weißwein auf die Dachterrasse und zündet sich eine Zigarette an. "Die Kinder sehen mich ja nicht damit", sagt sie entschuldigend. Ihre Töchter stehen für sie an erster Stelle, um sie arrangiert sie ihr Leben, ob es ums Rauchen geht oder um Familienangelegenheiten. Das ist die Lehre, die sie aus ihrer eigenen Kindheit gezogen hat, in der sie das Gefühl hatte, dass ihre Eltern vor allem an sich dachten und weniger an ihre Kinder.

Hanna Bischof ist seit zweieinhalb Jahren alleinerziehend. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, als ihre zweite gemeinsame Tochter gerade sechs Monate alt war. In der Beziehung hatte es vorher schon Probleme gegeben, dennoch wollte Hanna Bischof ein zweites Kind. Seit der Scheidung kümmert sich ihr Exmann nur alle paar Wochen um seine Kinder, er ist zurück in seine Heimatstadt gegangen, die 500 Kilometer entfernt liegt. Hanna Bischof zog in die Altbauwohnung, auf deren Dachterrasse sie jetzt sitzt. Sie liegt im vierten Stock, ohne Aufzug. Bei ihrem Einzug musste sie sie erst renovieren, sie löste Tapeten ab und ließ einen Holzboden verlegen. Andere Alleinerziehende mit Baby und Kleinkind hätten es sich leichter gemacht. Aber Hanna Bischof sah nicht die Mühe, sondern die schöne Terrasse, auf der sie im Sommer die Abende verbringen kann, wenn die Kinder schlafen. Man merkt ihr an, wie viel Kraft sie aufwendet, um ihr Leben und das ihrer Töchter zu organisieren, sie ist schmal und drahtig, wie es sonst Läuferinnen sind. Ihr Ziel ist der Zusammenhalt ihrer Familie – auch ohne Vater. Ob sie es erreichen wird, fragt sie sich immer wieder aufs Neue.

© Max Kersting

Zur Familie gehört auch der Sohn ihres Exmannes aus einer früheren Beziehung. Der Junge, Theo, war einmal so etwas wie ihr Stiefsohn, und er ist für ihre Töchter der große Bruder. Dass das so bleibt, ist Hanna Bischof sehr wichtig. Sie will, dass ihre Töchter ihren Halbbruder nicht verlieren.

Ein Nachmittag im September, Hanna Bischof hat zu einer Party in ihre Wohnung eingeladen. Während die Erwachsenen in der Küche Kaffee und Sekt trinken und sich unterhalten, veranstaltet Bischofs fünf Jahre alte Tochter Sophie ein Wettrennen durch die Wohnung. Eine Kinderschar rennt von Zimmer zu Zimmer, Sophie mit ihren blonden Locken vorneweg, ganz am Ende versucht ihre kleine Schwester Schritt zu halten. Sophie ist die Anführerin – solange Theo noch nicht da ist. Er wird mit seiner Mutter später noch kommen, "Sophie himmelt ihn an", sagt ihre Mutter. Neulich, als Sophie und ihre Schwester aus dem gemeinsamen Urlaub mit ihm zurückkamen – sie hatten zu dritt eine Woche bei der Oma verbracht –, sagte Sophie: "Ich bin so traurig, weil ich Theo jetzt nicht mehr jeden Tag sehe." Neben ihrem Bett steht ein Foto, auf dem sie mit ihm zu sehen ist. Sophie und Theo spielen darauf mit einem Playmobil-Boot, das einmal ihrem Vater gehört hat. Sophie hat sich das Foto selbst an ihr Bett gestellt: Wenn ihr Bruder schon nicht bei ihr ist, will sie zumindest das Foto ganz nah bei sich haben.

Hanna Bischof versucht gemeinsam mit Theos Mutter – der Exfreundin ihres Exmannes –, immer wieder Treffen zwischen den Kindern zu vereinbaren. Glücklicherweise leben sie in derselben Stadt. Sie laden sich gegenseitig zum Essen ein, feiern Geburtstage zusammen, manchmal übernachtet Sophie auch bei ihrem großen Bruder. Aber können die beiden Exfrauen die Patchworkfamilie tatsächlich zusammenhalten, wenn der Vater, der Hunderte Kilometer entfernt wohnt, als bindendes Glied fehlt? Ihre eigenen Kindheitserlebnisse lassen es Hanna Bischof zumindest versuchen.

Sie erinnert sich noch gut daran, wie ihr Leben Stück für Stück aus den Fugen geriet, als ein neuer Mann ins Leben ihrer Mutter trat. An ihrem fünften oder sechsten Geburtstag – das Jahr hat sie nicht mehr genau im Kopf – geht sie mit ihrer Mutter morgens zum Haus ihrer besten Freundin, die beiden kennen sich aus dem Kindergarten. Ihre Mutter ist damals noch mit dem Vater verheiratet. Als sie bei ihrer Freundin Clara ankommen, öffnet deren Vater im Morgenmantel die Tür. Irgendetwas daran, wie er sich ihr gegenüber verhält, kommt Hanna komisch vor. "Er war so überschwänglich, hob mich in die Luft, als wollte er meine Mutter beeindrucken." Dann waren da diese Blicke, die er und ihre Mutter sich zuwarfen und die Hanna nicht deuten konnte. Heute weiß sie, dass ihre Mutter und der Vater ihrer Freundin schon damals ein Verhältnis hatten.

Als Hanna Bischof acht ist, lassen sich ihre Eltern scheiden, ihre Mutter heiratet den neuen Mann, aus der Freundin wird die Stiefschwester. Als kleine Mädchen hatten sie sich vorgestellt, wie schön es wäre, Schwestern zu sein. Jetzt fühlen sie sich schuldig, dass die Familien zerbrechen, weil sie durch ihre Freundschaft die Elternpaare ja erst miteinander bekannt gemacht hatten.

Hanna ist als einziges der Kinder auf der Hochzeit dabei. "Es war grauenhaft", erinnert sie sich. Die Standesbeamtin holte sie nach vorne und bat sie, der Mutter die Frage zu stellen: Willst du diesen Mann heiraten? Hanna Bischof weiß nicht mehr, wie sie damals reagierte. Diese Erinnerung hat sie aus ihrem Gedächtnis gelöscht.

Als sie 13 ist, geht sie mit ihrer Mutter und dem neuen Mann ins Ausland. Einerseits hat sie Angst vor dem Neuanfang, andererseits ist sie froh, aus ihrem Heimatort rauszukommen, weil jeder sie dort kennt und ihr das, was passiert ist, unangenehm ist. Ihr Vater ist über den Wegzug so verletzt, dass er von seiner Tochter Loyalität einfordert: Sie soll dem neuen Mann zu verstehen geben, dass er ein Verräter ist. "Aber das ging natürlich nicht", sagt Hanna Bischof, "ich konnte mich ja schlecht weigern, mit ihm an einem Tisch zu sitzen." Ihr Bruder lebte damals beim Vater und bei dessen neuer Frau. "Der hat das ganze Patchworkprogramm mitgemacht", sagt Hanna Bischof. Die Stiefmutter hat eine Tochter mit in die Beziehung gebracht, mit der er sich nicht sehr gut versteht. Dann erwarten Vater und Stiefmutter noch ein Baby, auf das er eifersüchtig ist.

Hanna Bischof erfährt davon erst, als sie ihren Vater einmal besucht. Sie klingelt an der Tür, und ihre Stiefmutter öffnet ihr – mit unübersehbar dickem Bauch, sie ist bereits im achten Monat. Hanna stammelt verwirrt eine Begrüßung, dann stellt sie den Vater wütend zur Rede, warum er ihr die Schwangerschaft verheimlicht hat. Er entschuldigt sich damit, er habe sie doch überraschen wollen. Er sieht in dem neuen Kind eine frohe Botschaft, Hanna jedoch ist zutiefst verletzt. Was für ihn nur ein Missverständnis war, betrachtet Hanna als Missachtung ihrer Person.

Sieben Jahre später scheitert auch die zweite Ehe des Vaters. Hanna Bischof und ihr Bruder haben mit der ehemaligen Stiefmutter, der Stief- und der Halbschwester seither kaum mehr etwas zu tun. Auch der Vater verliert den Kontakt zu seiner Stieftochter. Nach der Trennung ist es so, als hätte diese Familie nie existiert. Der schwierige Versuch, zusammenzuleben, endete in einer Schlacht, aus der alle verletzt hervorgingen.

Woran liegt das? Zerfallen die meisten Stieffamilien nach einer Trennung tatsächlich wieder in ihre Einzelteile? Oder können Exstiefeltern und -kinder sich auch weiterhin als Familienangehörige fühlen?

Weil es darüber so gut wie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt, haben die beiden US-Soziologen Marilyn Coleman und Lawrence Ganong eine Studie durchgeführt, die sie vor einem Jahr veröffentlicht haben. Dafür befragten sie erwachsene Stiefkinder, wie ihr Verhältnis zu ihren ehemaligen Stiefeltern ist. Coleman und Ganong haben auch ein privates Interesse an ihrer Forschung: Sie sind verheiratet und leben als Patchworkfamilie zusammen.

Die Soziologen fanden heraus, dass die Hälfte der Befragten ihre früheren Stiefeltern überhaupt nie als Teil der Familie betrachtet hatten. Die andere Hälfte teilte sich wiederum in zwei etwa gleich große Gruppen auf: Die eine betrachtete ihre früheren Stiefeltern noch als Teil der Familie und hatte Kontakt zu ihnen. Die andere hatte sie zwar als Familienangehörige anerkannt, veränderte diese Sichtweise aber nach der Trennung. Kaum einer aus dieser Gruppe hatte dann noch Kontakt zu dem früheren Stiefelternteil. "Sie litten sehr unter dieser wiederholten Trennung von einer wichtigen Person", sagt Lawrence Ganong. Die meisten aus dieser Gruppe fühlten sich von ihren Stiefeltern betrogen.

"Einige Faktoren waren entscheidend, damit sich Stiefeltern und -kinder auch nach der Trennung noch verbunden fühlten", sagt Lawrence Ganong. Wenn die Kinder sehr klein waren, als der Stiefelternteil in ihr Leben trat, sie viel Zeit miteinander verbrachten und gemeinsame Rituale entwickelten, überstand die Beziehung am ehesten die Trennung der Eltern. Positiv wirkte es sich auch aus, wenn die Stiefeltern nicht gleich zu Beginn der Ehe versuchten, die Kinder mit zu erziehen, sondern stattdessen eine Freundschaft aufbauten. Einige der Stiefeltern zeigten ihre Verbundenheit dadurch, dass sie den Kindern auch nach der Trennung in alltäglichen Dingen halfen oder sie sogar finanziell unterstützen.

15 Kommentare

Ich bin selber Scheidungskind mit quergelegtem A4 Zettel für Familienkunde und möchte mich hier nur zu einem Detail äußern.
Der verletzte Stiefvater wegen des "mit dem Freund meiner Mutter" Diesen Satz hat er falsch interpretiert, denke ich. Zumindest habe ich den Mann meiner Mutter und die Frau meines Vaters auch immer so bezeichnet, obwohl ich letztere seit meinem fünften Lebensjahr in meiner Familie wusste. Eltern sehen oft nicht, welche Probleme bei den Kindern liegen. Nicht emotionaler Art, sondern ganz praktische Fallstricke. Die neuen Partner sind eben keine Stiefeltern, denn die echten Eltern leben ja noch, es sind aber auch keine Verwandten oder nur Bekannte. Natürlich haben sie Vornamen, aber wenn man als Jugendlicher mit Freunden davon spricht, mit "Lars" unterwegs zu sein, denken die an andere Jugendliche, Kumpels. Lars ist aber kein Kumpel, sondern ein Teil der Familie. Eben der Freund der Mutter. Ich denke der Stiefsohn hat sich so ausgedrückt, um seinen Freund nicht zu verwirren, und nicht um den 'Stiefvater' zu diskreditieren.

Das ist ein wunderbarer Artikel . Wer sein Liebesleben modern gestaltet (wie ein Nomade, sich nicht lange bindend, weggehen, wenn sich etwas besseres bietet) lässt häufig leider nicht eine Galerie von Rosen sondern ein Trümmerfeld zurück. Ich würde bezweifeln, dass Kinder auch wenn sie mit zig Patchworkern gesegnet sind, von irgendjemand überhaupt die bedingungslose Hingabe und Loyalität des klassischen Elternpaares erleben können. Nach dem Ende der Großfamilie, zersetzt sich nun die Kleinfamilie - zurück bleibt eine Monade

Mir ist schon die Bezeichnung Patchworkfamilie (genau wie Regenbogenfamilie) ein Gräuel. Im Text heißt es auch so treffend: Patchwork ist im mainstream angekommen. Als sei es modern(er) und damit besser (modern ist ja immer besser), in Patchworkbeziehungen zu leben. Warum nicht bei dem Begriff Familie für alle Lebensentwürfe, in denen Erwachsene und Kinder zusammen leben und füreinander einstehen, bleiben? Auch wenn ein Partner stirbt, bleiben die Überlebenden eine Familie, zu der ein neuer Partner hinzukommen und in die Familie aufgenommen werden kann (oder auch mehrere). Heißt es nicht auch immer, Familie ist da, wo Kinder sind? Familie ist mAn nach dort, wo Menschen sich einander ohne Zwang verpflichten und es auch aushalten, wenn es mal schwierig ist. Im Überwinden von Schwierigkeiten liegt die Chance auf persönliches Wachstum und Weiterentwicklung. Das Ausweichen (aka Trennung) birgt diese Chance auch, enthält allerdings auch das Risiko, diesen Weg erneut zu wählen, mit der Folge, dass die folgenden Beziehungen weniger stabil sind, weil: es geht doch.
Natürlich gibt es Situationen, in denen eine Trennung die beste Option ist. Dass diese jedoch so massenhaft vorliegen, wie die Trennungszahlen zu belegen scheinen, vermag ich nicht zu glauben.
Dass man nur eine Familie gründen muss, um ein immerfort glückliches Leben führen zu können, ist eine Illusion. Es kommt darauf an, in sich selbst und in dem Leben, das man führt, die glücklichen Momente zu erkennen.

Es ist wohl tatsächlich die Illusion, eine lebenslange Beziehung würde 24/7 in rosaroten Wolken gehüllt sein. Es gibt stürmische und trostlose Zeiten, gemeinsame und auch gemeinsam einsame. Wenn beide wollen und bereit sind, immer wieder aufeinander zuzugehen, zuzuhören und zu verstehen, zu ändern - dann mag es gehen.

Das beschriebene Patchwork klingt ja wirklich gruselig. Vielleicht auch, weil die Erwachsenen schön wir Kinder wirken. Natürlich kommen die Bedürfnisse von Kindern zuerst - das sollte doch jedem Erwachsenen selbstverständlich sein. Nicht bis zur Selbstaufgabe, aber auch das ist für gewöhnlich eine Selbstverständlichkeit. Alles andere ist eigentlich ebenso klar: Kinder sind keine Erwachsenen. Von Ihnen ein solches Verhalten zu erwarten, ist an sich schon unreif. Die Beziehung zu einem Kind muss genauso gepflegt werden, wie zum neuen Partner. Auch hier gilt: manchmal funkt es, manchmal eben nicht. Ist Letzteres der Fall, genügt es, sich um einen respektvollen Umgang bemühen. Findet man allerdings auch Sympathien für das neue Stiefkind bei sich vor, um so besser - aber kein Muss.
Dass die Beziehungen der porträtierten Paare gescheitert sind, erscheint bei näherer Betrachtung nicht überraschend. Die zitierten Aussagen, Gedanken, Wünsche lassen auf recht unreife Charaktere schließen; dort Kinder mit hineinzuziehen, statt zuerst die eigene Person und dann die neue Beziehung abzuklopfen und zur Reife zu bringen, ist durchaus kritisch zu sehen.
An einer Beziehung komme, was wolle, für die Nachbarn, die "Leute", gar "aus Prinzip" festzuhalten, ist allerdings genauso unreif.
Blutsverwandtschaft oder Eheschließung ist kein Allheilmittel und verpflichtet - objektiv gesehen - zu nichts. Wahlverwandtschaften können stärker, glücklicher und gesünder sein - für alle Beteiligten.

Einen leichten Patchwork-Ansatz habe ich auch: vor 15 Jahren ist meine Frau mit den beiden Töchtern ausgezogen. Ich hatte die Töchter am Wochenende, später nur noch die jüngere. Für eine Zeit ist die ältere auch zu mir gezogen.

Vor gut 7 Jahren, als die Töchter volljährig waren, wurde ich (einvernehmlich) geschieden. Aber habe mich seitdem mit keiner Frau mehr "gemein gemacht", und nichts "gepatcht". Besser ist das...

Ich treffe meine Töchter und Exfrau wenigstens zu Weihnachten, manchmal auch öfter, und wir kommen dann immer recht gut aus. (Besser als vor der Scheidung...)

Es ist vielleicht doch gut, dass der Mensch allein sei...

Für ihre Töchter haben Sie damit vielleicht eine gute Entscheidung getroffen, andererseits sind die Kinder ja jetzt keine Kinder mehr und Sie könnten sich eine neue Partnerin suchen. Warum das auch Ihren Töchtern recht sein könnte?
Ich erkläre es aus meiner Sicht: ich bin Einzelkind, meine Eltern leben getrennt seit ich zehn war. Die Trennung war richtig, aber ich habe sehr darunter gelitten, das sowohl mein Vater als auch meine Mutter immer einsam waren. Jetzt, wo ich schon einige Jahre nicht mehr bei meiner Mutter wohne, habe ich zwei sehr einsame, alternde Eltern, die an verschiedenen weit entfernten Orten wohnen und um die ich mich nicht gleichzeitig kümmern kann und es bricht mir das Herz. Dabei bin ich ihnen das als Tochter doch schuldig, nur wie soll ich das bewerkstelligen, ich habe nicht mal ein Auto. Ich tue mein bestes, und sie beschweren sich nicht, aber traurig macht es mich trotzdem, dass sie alleine sind. Ich wünschte mir, es gäbe in ihrer beider Leben einen Partner, der sie glücklich macht und sie ihre letzten aktiven Lebensjahre noch mal genießen lässt anstatt sie zuhause vor dem TV zu verbringen. Sie hätten es sich beide verdient. Niemand sollte einsam sein, wenn er es nicht muss.
Denken Sie darüber einmal nach :) Es gibt so viele Singles da draußen. Ihre Töchter würden sich sicher für Sie freuen!

Patchwork, das war mal ganz modern. Mami und Papi konnten sich selbst verwirklichen und brauchten noch nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben. Der neue Partner war ja garantiert besser als der alte und überhaupt, sind Kinder nicht immer dann am glücklichsten, wenn Mama / Papa glücklich ist?
Das ist natürlich Quatsch. Kinder bedeuten Verantwortung. Kinder bedeuten auch zurück stecken zu müssen, Kompromisse machen zu müssen und die (Für-)Sorge und liebevolle Versorgung in den Lebensmittelpunkt zu rücken. Kinder sind zerbrechlich und jede Trennung hinterlässt Spuren. Durch den neuen Papa / die neue Mama entstehen innere Konflikte und eine weitere Trennung vertieft alte Wunden.
Patchwork ist eine Lüge, aufgetischt von selbstsüchtigen Selbstverwirklichern, die ihre eigenen Konflikte direkt und ungefiltert an ihre Kinder weiter geben.

Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Ihren Einwand, dass vor allem "sabotierende Elternteile" schuld sind, halte ich aber fast schon für gefährlich.
Die Kinder bleiben in der Regel bei der Mutter - leider. Aber scheinbar geht man bei den Familiengerichten noch immer von der zutiefst sexistischen Annahme aus, das die Mütter ihre Kinder besser versorgen könnten und das ganz unabhängig vom Alter der Kinder.
Der nach ihrer Meinung störende Elternteil ist demnach der leibliche Vater der Kinder. Wenn Mutti ihre Kinder also scheiden lässt und dann "ein neues Glück" sucht, bleiben die Interessen der Kinder und der Väter auf der Strecke. Genau das führt dann zu Konflikten bei den Kindern. Weitergegeben von den Eltern.

Können wir uns darauf einigen, dass Patchwork nicht einfach ist und mit Bedacht durchgeführt werden muss?
Die hier entstandenen Verletzungen sind in den Kommentaren spürbar, Patchwork ist offenbar für niemanden einfach.
Ich finde ja, so lange die Kinder noch nicht aus dem gröbsten heraus sind, kann man ja auch einfach daten und muss nicht gleich zusammenziehen. Ist auch besser für die Erotik, nicht wahr?

Interessanter Artikel und wenn man das so liest, erscheint mir eine Patchwork- Familie irgendwie stets ein Kraftakt zu sein, wobei Familie doch eigentlich mehr ein Ort sein sollte, an dem man für die Stürme des Lebens Kraft schöpfen kann... Vielleicht geht man/frau doch oftmals heute zu schnell auseinander und wartet zu wenig ab, ob sich das Wellental nicht wieder gibt und man wieder zueinander findet, denn ehrlich, in jeder Beziehung gibt es auf und ab's...

Auch der Satz mit der Liebe -Stiefelternliebe ist wohl nicht so selbstlos, wie die Liebe der biologischen Eltern; - hat mir zu denken gegeben. Wer Kinder hat, sollte sich schon sehr gut überlegen, ob man wirklich verlassen sollte...

Meine Eltern haben viel gestritten und führten nicht die Bilderbuchehe, die man sich wünscht, auch wenn ich das als Kind nicht so sah, sehe ich doch heute, dass dieses Durchhalten auch gut gewesen sein kann, denn wir beiden Geschwister haben glückliche Beziehungen, die schon sehr lange halten, was unser Umfeld oft mit Staunen erfüllt...

Sehe ich ähnlich. Meine Eltern hatten eine furchtbare Ehe, dir glücklicherweise getrennt wurde, aber nie geschieden. Mittlerweile, zwanzig Jahre später, verbringen sie sogar gelegentlich freiwillig Zeit zu zweit und verstehen sich wieder besser, mit gewissem Abstand natürlich. Es ist eine Freundschaft geworden. Darüber bin ich heilfroh.

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