Harald Martenstein Über ein Baby in Lebensgefahr

© Fengel

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ZEITmagazin Nr. 5/2016

Vor ein paar Wochen verließ ich abends mein Büro, um nach Hause zu gehen. Es war noch früh, vielleicht sechs Uhr. In der Eingangshalle, wo sich ein Laden befindet, hatte sich eine Gruppe Menschen versammelt, sieben oder acht Leute. In ihrer Mitte lag auf dem Boden ein Baby, ich schätze, es war sechs Monate alt, es trug eine bunte Wollmütze, ein kleiner Junge. Das Gesicht des Kindes war fahl, nein, hellgrau, so eine Farbe hatte ich noch nie gesehen. Ein älterer Mann kniete auf dem Boden und drückte regelmäßig auf die Brust des Babys, Herzmassage. Neben ihm kniete eine Frau, Ende zwanzig, wahrscheinlich die Mutter. Sie wollte sicher in dem Laden ein Geschenk kaufen. Die Leute redeten durcheinander, die Mutter sagte nichts und schaute nur das Kind an, sie hielt eine Hand des Kindes in ihrer Hand. Es war ein hübsches Kind – warum sage ich das?

Ich stand etwas entfernt. Ich konnte nicht weitergehen, obwohl es für mich nichts zu tun gab. Ein Kollege, ebenfalls auf dem Heimweg, sagte: "Das Kind hat auf einmal aufgehört zu atmen." Der Mann sei ein Arzt, angeblich ein Zahnarzt, der im Nebenhaus seine Praxis habe. Jemand holte einen Sichtschutz und stellte ihn so auf, dass der Blick auf das sterbende Kind verdeckt wurde. Die Mutter konnte ich noch sehen, sie saß nur da. Sie saß da, hielt die Hand, schweigend, wie versteinert.

"Jemand sollte die Chefredaktion benachrichtigen", sagte der Kollege. "Die müssen entscheiden, ob wir was machen. Womöglich steht morgen etwas in der Bild-Zeitung, und wir haben nichts." Er ging, um in der Chefredaktion Bescheid zu sagen.

Ich stand jetzt allein da, starrte und spürte immer noch die Kraft, die mich festhielt. Mich umzudrehen und zum Abendessen nach Hause zu fahren, wo ein anderer kleiner Junge auf mich wartete, ging nicht. Dieser Akt, sich umzudrehen und wegzugehen, eine Tat, die weder nützlich noch schädlich gewesen wäre, sondern einfach nur die Konsequenz aus der Tatsache, dass ich mit dem Sterben oder dem Überleben dieses Jungen nichts zu tun hatte, dass ich nichts tun konnte.

Ein Rettungswagen traf vor dem Haus ein, inzwischen waren höchstens drei Minuten vergangen. Der Bann löste sich irgendwie, ich lief hinaus. Drei Männer, wahrscheinlich zwei Sanitäter und ein Notarzt, waren ausgestiegen und beluden sich gegenseitig mit Ausrüstung, ruhig, ohne Hast. "Beeilt euch doch", schrie ich sie an, "da drin stirbt ein Kind!" In dem Moment, in dem ich das rief, wusste ich schon, dass es dumm war. "Ohne unsere Sachen können wir jar nüscht machen", sagte einer, berlinernd. Meine Bemerkung hatte die Rettungsaktion um zwei, drei Sekunden verzögert, waren das womöglich die entscheidenden drei Sekunden? Nun betrachtete ich von draußen, wie das Team den Zahnarzt ablöste und seine Maschinen zum Einsatz brachte. Durch die größere Entfernung war die Kraft, die mich festhielt, schwächer geworden, ich ging zum Auto.

Am nächsten Morgen fragte ich ein paar Leute, niemand wusste, was aus dem Kind geworden war. Sie haben es in den Rettungswagen getragen. Es stand auch in keiner Zeitung etwas. Dieser Vorfall, dieser mutmaßliche Tod hatte nichts zu bedeuten. Er nützt oder schadet keiner Weltanschauung, man kann nichts daraus lernen und keine wertvollen Tipps davon ableiten, es gab weder Täter noch Opfer, die Umstände hatten nichts Außergewöhnliches, es war der Normalfall. So ist das eben. Ein paar Tage lang musste ich immer an das andere Baby denken, wenn ich meinen Sohn im Arm hielt. Dann fing ich an, langsam zu vergessen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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19 Kommentare

Sie haben genau richtig gehandelt, sehr geehrter Herr Martenstein.
Dieser Moment gehoerte der Mutter und den Helfenden. Er ist so intim und da hat sich jeder sonst rauszuhalten. Egal ob die Hilfe genutzt hat/haette oder nicht, er war nicht fuer die Oeffentlichkeit bestimmt. Danke fuer Ihre Empathie.
MfG
Gabriele295

Ein interessanter Beitrag. Beim Lesen löste diese Beschreibung sehr viele Gefühle aus. Außerdem glaube ich, dass so ein Erlebnis viel bewirkt. Es weckt wieder die Nähe zu unseren Werten. Die Fragen, was wichtig und was unwichtig ist im Leben? Was kann man tun? Wie kann man helfen? Wo ist man hilflos? Solche Momente lassen wieder ganz Mensch sein. Egal welcher Alltagsrolle man sonst angehört. Tief innen bewegt sich etwas. Das ist oft sehr viel Bedeutender als eine Schlagzeile.

Ein Mann unter der Dusche, ein Mann im Wartezimmer eines Zahnarztes, ein Mann auf der Straße...

Ich kenne diese Situationen aus der Zeit meines Zivildienstes, als ich als Rettungssanitäter tätig war. Meist kamen wir recht spät an den Ort, versuchten eine Wiederbelebung, die jedoch zu spät kam. Mit kaum 20 Jahren war dies schon recht belastend. Und auch über 30 Jahre später habe ich die Situationen bildhaft im Gedächtnis verankert. So ist das mit dem Tod. Auch von Menschen, die nicht viel mit dem eigenen Leben zu tun haben. Er lässt einen nicht so schnell los.

Ich finde die Verlinkung zu dem toten Flüchtlingskind in dem nachfolgenden Satz etwas verstörend:

Dieser Akt, sich umzudrehen und wegzugehen, eine Tat, die weder nützlich noch schädlich gewesen wäre, sondern einfach nur die Konsequenz aus der Tatsache, dass ich mit dem Sterben oder dem Überleben dieses Jungen nichts zu tun hatte, dass ich nichts tun konnte.

Wie soll ich das interpretieren?

Danke. Ich bin auch darüber gestolpert.
Zu interpretieren ist es allein mit Auflagen zu Klickzahlen.
Und, doch, Herr M., Sie hätten etwas tun können: Die Frau fragen, ob Sie jemanden für sie benachrichtigen sollen. Zum Beispiel.
Sie ansprechen, für einen Moment aus diesem Wahnsinn holen, den Sie als "eine Farbe", die Sie "noch nie gesehen" hatten, beschreiben.

In dem Moment ist das Quark. Fragen ob jmd Bescheid gegeben werden soll, wenn noch erste Hilfe geleistet wird.
Herr M. beschreibt sehr treffend den Bann und die Abwesenheit von planbaren Handlungen in Momenten zw Leben und Tod. Da steht man da und staunt.

Bitte selbstverständlich nachfragen, ob man jemanden benachrichtigen kann. Sehr gute und umsichtige Idee, falls es einen Vater des Kindes oder Lebenspartner der Frau gibt ist es recht wahrscheinlich, dass sie ihn jetzt braucht, egal ob wie die Wiederbelebung ausgeht.

Zu interpretieren ist das nicht mit Auflagen zu Klickzahlen! Es soll vielmehr zeigen, wie groß erst die Hilflosigkeit und Trauer zigfach an anderen Orten entsteht. Haben Sie Kinder? Stellen Sie sich vor, Sie treiben im Wasser und können Ihr Kind nicht mehr halten. Es stirbt, es ertrinkt. In Ihrem beisein. So ähnlich wird es auch der Mutter ergangen sein, die dort neben ihrem Kind kniete und seine Hand hielt. Und jetzt kommen Sie daher und fragen, ob Sie jemanden benachrichtigen sollen. Was erwarten Sie jetzt? Das die Mutter die Hand ihres Kindes losläßt, zur Handtasche greift, ihr Händy herausfischt und Ihnen die Nummer des Vaters raussucht, damit Sie ihn anrufen können? Sollten Sie mal in so eine Situation kommen, dann tun Sie das bitte nicht. Es sei denn, Sie möchten durch weitere Empathielosigkleit auffallen.

Danke. Auch ich bin über den Link gestolpert. Will Martenstein uns damit sagen, dass wir mit dem Tod von Flüchtlingen nichts zu tun haben?

Oder ist es eine Anklage an die Medien, dass über diesen Jungen aus der Fremde berichtet wurde, über den Jungen, den Martenstein gesehen hat, nicht?

Eine eindringliche Schilderung, die mich berührt hat. Im Grunde verbietet sich dazu jede Bemerkung, aber Sie haben ja etwas dazu bemerkt. Diese merkwürdige Empfindung von Scheu zeigt gerade, dass es sich bei dem Vorkommnis keineswegs um einen "Normalfall" gehandelt hat.
Die Konfrontation mit existenziellen Situationen geht immer an die Grenzen unseres Begreifens. Dass hier keine "sensationellen" Umstände gegeben waren, hielt vielleicht den Chefredakteur davon ab, es "zu bringen". Über die Bedeutung davon mag jeder sich selber ein Urteil bilden.

Sie werden es auch nicht vergessen, so wie Sie etwa vergessen haben, welches Hemd sie letzte Woche Montag anhatten. Sie werden so manches Mal, wenn Sie irgendetwas daran erinnert, die Nähe dieser Grenze spüren. Vermutlich müssen wir alle dies fortwährend verdrängen, die unabweisliche Gegenwärtigkeit unserer Endlichkeit.

Vor wenigen Jahren starb die Tochter eines engen Freundes an einer schweren Krankheit. Sie wurde 29.

Wir empfinden immer noch diese bleierne Hilflosigkeit und die Unfähigkeit, richtige Worte zu finden. Es gibt wahrscheinlich keine richtigen Worte beim Tod eines Kindes.

Danke Herr Martenstein, für das Erzählen ihrer Empfindungen.

Ich finde Ihr Geschriebenes sehr ehrlich und kann mich darin als Mensch wiederfinden. Vor allem, wie Sie die Kraft beschreiben, die Menschen in solchen Situationen festhält, finde ich sehr anschaulich. Da wird immer sehr schnell von Gaffern und Voyeuristen geredet. Aber vielleicht ist es einfach oft so, wie Sie schreiben: die Unfähigkeit das Geschehene einfach zu ignorieren, sich umzudrehen und sich erneut dem banalen Tagwerk zuzuwenden.

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