Krieg Bruchstücke

Von seinen Reisen in Krisengebiete bringt unser Reporter Wolfgang Bauer Gegenstände mit nach Hause. Ob aus Libyen, Mali oder Afghanistan: Jedes Objekt birgt Erinnerungen.
ZEITmagazin Nr. 5/2016

Das erste zerstörte Haus, vor dessen Trümmern ich stand, musste ich mit der Hand berühren. Ich strich mit den Fingern über den zermalmten Stein. Die Wände des Gebäudes waren nach innen gekippt, das Dach war herabgestürzt. Diese Trümmer sahen anders aus als alle, die ich bisher gesehen hatte. Das Haus war nicht nach Plan abgerissen worden, man hatte es über Nacht gesprengt. Nachbarn hatten das getan – Nachbarn, die über viele Jahre friedlich mit den Bewohnern des Hauses Tür an Tür gelebt hatten.

Ich war nach dieser Reise ins zerfallene Jugoslawien 1994 tief verstört und nahm mir vor, nie wieder über Krieg zu berichten. Doch der Hass, zu dem Menschen fähig sind, der sie dazu bringt, sich selbst zu zerstören, ließ mich nicht los. Der Hass klebt an einem wie Teer. Immer noch versuche ich zu verstehen, woraus er genau besteht, von welcher Beschaffenheit er ist. Ich habe mir angewöhnt, Materialproben des Hasses mitzunehmen, die Fragmente von Chaos und Apokalypse, oft nur Zentimeter groß. Auf den folgenden Seiten werden sie gezeigt. Sie sind keine Mitbringsel, die beweisen sollen, dass ich an weit entfernten Orten war, sie sind keine Beutestücke. Sie sind so etwas wie Heilsteine. Ich lege sie zu Hause in Regale, wo sie plötzlich harmlos wie vertrocknete Büropflanzen wirken. Es funktioniert. Meistens. Ein afrikanischer Zauber: Ich lasse den Schrecken hinter mir, indem ich etwas von ihm mitnehme.

Bengasi, Libyen, 2011

Ein Stück Lindenholz, aus dem drei Lilienblätter sprießen, mit einer üppigen Kamelienblüte im Zentrum. Ursprünglich zierte es das Kopfstück des Doppelbettes, in dem der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi schlief, wenn er in Bengasi war. Der Herrscher barg sein Haupt unter einer überbordenden Blütenpracht. Blume um Blume ergoss sich aus einer Vase zu ihm hinab. Als ich im Februar 2011 in Bengasi ankam, hatten Regierungsgegner Tage zuvor die Residenz Gaddafis gestürmt. Der Staat des Obersten schien in schneller Auflösung begriffen zu sein, und die Menschen feierten auf den Straßen. Gaddafi selbst hatte sich noch in Tripolis verschanzt.

Der Palast Gaddafis hatte den letzten Loyalisten als Hauptquartier für die Verteidigung Ostlibyens gedient. Auf dem cremefarbenen Teppich vor dem Bett sahen wir eine große getrocknete dunkle Lache, jemand hatte dort viel Blut verloren. Die meisten der Prunkmöbel hatten die Rebellen zerschlagen. Sie waren erst kurz zuvor von einer italienischen Luxusmanufaktur geliefert worden – die Firma soll auch die Paläste Saddam Husseins im Irak ausgestattet haben. Die drei Lilienblätter mit der Kamelienblüte waren unter den Schlägen der Rebellen vom Prunk des Bettes abgesprungen, ich nahm sie einfach mit.

Dobropolje, Ukraine, 2000

Ein Stück Blech für ein ganzes Leben. Die Fahrmarke. Sie holt der Bergmann vor der Einfahrt in den Schacht ab. Ein uraltes Sicherungssystem. So wissen die Schichtleiter, wer über Tage ist und wer unter Tage. 50 Zentimeter hoch war der Abbaustollen der Mine Almaznaya, aus der diese Marke stammt. Kriechend und hockend arbeiteten die ukrainischen Bergleute in ihm. Die Kleinstadt Dobropolje im Donbass, am Rand der im Ukraine-Konflikt immer wieder umkämpften Region Donezk, lebt seit ihrer Gründung vom Kohlebergbau. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verkamen die Schachtanlagen. Die Arbeitsplätze im ukrainischen Kohlebergbau gelten bis heute als die gefährlichsten Europas. Hunderte Kumpel starben unter Tage, Tausende wurden verletzt. Während meiner Recherche brach der Streckenabschnitt in Teilen zusammen. Die russischstämmigen Arbeiter machten die Misswirtschaft in Kiew für die desolate Lage verantwortlich. "Wir führen Krieg gegen die Kohle", sagte mir ein Minenarbeiter damals, vor 16 Jahren.

Galle, Sri Lanka, 2004

Die rostige Umlenkrolle eines zerschellten Fischerbootes, mit der einmal Teile des Netzes eingeholt wurden. Am 26. Dezember 2004 hatte es der Tsunami an der Südküste Sri Lankas auf eine Straße gespült. Im Schatten des Bootes hatten Rettungskräfte Dutzende Leichen aufgereiht. Die aufgequollenen Körper waren in einem furchterregenden Zustand. Ihre Augen waren aus den Schädeln gedrückt, die Hoden der Männer hatten Fußballgröße. Nicht weit davon entfernt standen Touristen schon wieder auf ihren Surfbrettern. Es gibt Menschen, die sich weigern, das Unglück der anderen wahrzunehmen. Weil sie sich nicht schlecht fühlen wollen. Und wir Journalisten machen es ihnen häufig leicht, unberührt zu bleiben. Trotz der Nachrichtenflut. Weil wir selber unberührt bleiben. "Ein tolles Bild", sagte der deutsche Fotograf neben mir, als er die vielen Leichen sah. In diesem Moment fand ich die Umlenkrolle. Sie passt genau in die hohle Hand, sie ist klein und griffig, eigentlich ein Fingerschmeichler. Man kann sich recht gut an ihr festhalten.

Dongguan, China, 2006

Das Plastikmodell eines Raumgleiters. Dreieckig, flach, scharf an den Kanten, spitz auslaufend. Ein kompromissloser Ausdruck von Aggression. Das Kriegsgerät der Zukunft, so wie es sich jedenfalls Spielzeugdesigner vorstellen. Den Krieg der Gegenwart führten zur Zeit der Recherche Hunderttausende Männer und Frauen in den Fabriken Südchinas, wo sie für die Firmen Mattel und Hasbro in 16-Stunden-Schichten Spielzeug herstellten. Frauen bekamen Medikamente, die die Periode unterdrücken, damit sie noch länger am Band arbeiten konnten. Viele erkrankten an den Atemwegen oder bekamen Krebs. Zehntausende Kinder arbeiteten illegal in den Spielzeugfabriken. Der Raumgleiter stammt aus dem Kellergeschoss einer Fabrik in Dongguan, in dem sich viele Dutzend Arbeiter drängten. Sie besprühten Plastikspielzeug mit Lackfarbe, ohne Atemschutz und Ventilation, aus geringer Entfernung, weil das Spielzeug so klein ist. Die Raumgleiter sollten anschließend nach Deutschland geliefert werden, für wenige Cent das Stück.

Diyala, Irak, 2015

Ein rostiges Dreieck aus schwerem Stahl, zwei Platten, die durch drei große Schrauben zusammengehalten werden. Am unteren Rand die Gelenke eines Scharniers. Es ist ein schwer zu deutendes Objekt. In seiner Rätselhaftigkeit ähnelte es diesem Krieg mit seinen unklaren Fronten, seinen angeblichen Siegen und seinen vertuschten Niederlagen. Das stählerne Teil lag neben dem ausgeglühten Wrack eines T-72-Panzers. Ein Raketentreffer hatte seinen Gefechtsturm vom Rumpf gerissen. Die Kommandeure der schiitischen Miliz, die kurz zuvor diese Gegend von der Terrororganisation "Islamischer Staat" zurückerobert hatte, behaupteten, die irakische Luftwaffe habe den Panzer zerstört. Mit ihm hätten die Islamisten Bagdad angreifen wollen. Genauso gut kann es aber auch sein, dass der Panzer Bagdad verteidigen sollte und die Islamisten ihn bei ihrem Eroberungsfeldzug zerstört hatten. Tatsache ist, in diesem Panzer sind Menschen bei lebendigem Leib qualvoll verbrannt. Der Panzer mit seinem dicken Stahl hat sie nicht schützen können.

Asas, Syrien, 2012

Ein Stahlzylinder, handgroß. Wie herabgefallene Insekten lagen Metallgebilde wie dieses auf den Straßen der Kleinstadt Asas in Nordsyrien. Der untere Teil des Zylinders ist die Düse eines kleinen Raketenmotors, die Flügelchen sind Stabilisatoren, die die Bombe mit 750 Umdrehungen in der Minute auf der Flugbahn halten sollen. Es ist eine Luft-Boden-Rakete vom Typ S-5, eine russische Entwicklung aus der Stalin-Ära. Solche Raketen wurden in Asas von Hubschraubern aus abgefeuert. Die Piloten schossen auf alles, was sich bewegte. Die Aufständischen, darunter viele Bauern und Kaufleute, kämpften mit Gewehren und Panzerfäusten gegen die schwer bewaffnete syrische Armee. In einem Moment größter Angst während der Feuergefechte versuchte ich, Zutritt zu einem der wenigen Keller zu erhalten. Doch die waren für Frauen und Kinder reserviert. Der Fotograf und ich waren in einer Privatwohnung untergekommen, und als wir gerade nicht da waren, schlug in einem Nachbarhaus eine Rakete ein. Später fand ich das Raketenstück im Hof des Hauses.

Khost, Afghanistan, 2007

Fragment des rechten Außenspiegels eines gepanzerten Humvees der US-Armee. Nach einer Explosion lag er im Schotter der Straße, in der Talibankämpfer vier Sprengsätze vergraben hatten. Die Bombenleger hatten die Minen gezündet, als ein Konvoi des US-Geheimdienstes vorbeifuhr. Er gehörte einer Spezialeinheit an, die an jenem Junitag 2007 auf der Suche nach Osama bin Laden war. Die Explosion warf das zweite Fahrzeug gegen einen Hang. Zwei Geheimdienstleute wurden schwer verletzt, einer verlor seine Beine. Ich war mit einem Konvoi unterwegs, der zufällig gleich nach dem Anschlag dort ankam. Mit den Überlebenden räumte ich Wrackstücke auf einen Lastwagen, Teile der Karosserie, Gummileisten und blutige Decken. Der Fotograf machte Bilder des zertrümmerten Fahrzeugs. Das ist eigentlich verboten. Durch Feindeinwirkung entstandene Schäden des US-Militärs dürfen nicht fotografiert werden. Weil man dem Feind nicht die Schwächen des militärischen Geräts zeigen wolle, hieß es. Verboten war vermutlich auch das Mitnehmen der Glasscherbe.

Mubi, Nigeria, 2015

Ein gemein aussehendes Ding aus Metall. Der Deckel mit dem Schlitz kann nach oben geklappt werden, dahinter kommt ein Scheinwerfer zum Vorschein: Tarnlicht eines Mannschaftstransporters aus russischer Produktion, eines BMP-1. Zum Abdunkeln, um nachts nicht gesehen zu werden. Ausgeglüht stand der Panzer auf einer Straße im Nordosten Nigerias. Fernab seiner Herkunft im sibirischen Kurgan tat er seinen letzten Dienst bei den Kämpfern der afrikanischen Terrorbewegung Boko Haram. Fast ein Fünftel Nigerias hatten die Islamisten bereits erobert. Sie führten die Sklaverei wieder ein und verschleppten Bewohner ganzer Dörfer. Boko Haram hatte einst mit Steinschleudern begonnen. Ich weiß nicht, wo die Terrorsekte den Panzer erbeutete. Ob sie ihn gar kaufte, in Mali oder Libyen, wo die Waffenbestände Gaddafis lange unbewacht waren. In Afrika haben Waffen eine lange Haltbarkeit. Das Tarnlicht erinnert mich an eine afrikanische Fetischmaske, deshalb nahm ich es mit. Ein billiger Sieg über den Schrecken: den Dingen eine neue Bedeutung geben.

Überlingen, Deutschland, 2002

Ein winziges rußbedecktes Stück Plastik mit einer ganz zarten Schraube darin. Es lag plötzlich vor mir auf dem Waldweg. Ob ich es überhaupt habe mitnehmen dürfen? Darüber bin ich mir bis heute nicht im Klaren. Eine aus Moskau kommende Tupolew und ein deutsches Frachtflugzeug waren am Abend des 1. Juli in der Luft kollidiert. Das schlimmste Flugzeugunglück auf deutschem Boden seit den siebziger Jahren. In der Morgendämmerung sah ich entsetzliche Bilder. Wir liefen durch die Wälder, und über uns hingen in den Bäumen die toten Kinder – der größte Teil der Passagiere in dem russischen Flugzeug waren Kinder gewesen. Menschliches Versagen, hieß es. Ein Fluglotsenfehler. Warum müssen wir Journalisten über solche Dinge berichten? Was ändern wir damit? Ich fühlte mich als Voyeur, der mit seiner Arbeit den Voyeurismus anderer befriedigte. Oder war ich Teil einer kollektiven Trauerbewältigung? Wieso hetzte ich im Auftrag eines deutschen Magazins durch diese Totenlandschaft, auf der Suche nach Wrackstücken?

Donezk, Ukraine, 2014

Die Spitze eines Zaunpfostens, die Imitation eines Speeres, schwarzes Gusseisen. Die Spitze ist verbogen, an ihrem Ende klafft eine scharfe Bruchstelle. Schulen, die zu Sowjetzeiten gebaut wurden, verschanzen sich bis heute gerne hinter derartigen stachelbewehrten Zäunen. In diesem Fall hat es der Schule nichts genutzt. Mehrere Raketen trafen das Gebäude, mitten in Donezk. Ein Bombensplitter schlug dabei die Zaunspitze ab. Im August 2014 hatten ukrainische Truppen die Hauptstadt der abtrünnigen Rebellenrepublik nahezu umzingelt. Aus der Ferne beschossen sie den Ort mit Artillerie und Raketen. Die Straßenbahn, das Krankenhaus, die Hauptstraße. Sie feuerten offenbar willkürlich, um Terror zu verbreiten. Viele westliche Beobachter konnten es nicht glauben: Die Ukrainer, die bisher als Opfer des Konfliktes galten, wurden zu Tätern. Krieg mag manchmal notwendig sein, ist aber niemals gerecht. Am Ende gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Am Ende hat meist alles die gleiche Farbe angenommen: die von Schmutz und Staub.

Surayaba, Indonesien, 2002

Ein rot-blau lackiertes Stück Holz, Teil einer Bordwand, herausgebrochen aus einem kleinen Fischerboot. Das Geschenk von Julio, einem dreijährigen Orang-Utan-Männchen. Wilderer hatten seine Mutter kurz nach seiner Geburt in den Wäldern von Borneo erschossen. Sie töten Orang-Utan-Mütter, um an ihre Jungen zu kommen, denn in Indonesien gibt es einen florierenden Handel mit Menschenaffen. Orang-Utan-Kinder werden als Haustiere geschätzt. Wenn sie älter werden, beginnen sich ihre Besitzer vor ihrer Kraft zu fürchten und bringen die Tiere oft um. Julio wurde von der wohlhabenden Besitzerin einer Zuckerbäckerei gekauft. Sie unterhielt einen Sommersitz am Strand in der Nähe der Stadt. Julio und ich saßen nebeneinander im Sand. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits bedrohlich groß geworden. Fünf Menschenaffen hatte die Zuckerbäckerin vor Julio gehabt und töten lassen, und auch Julios Tage schienen gezählt. Am Strand schaute er mich irgendwann an und gab mir dieses bunte Stück Holz. Hatte vielleicht nichts zu bedeuten, ich war trotzdem gerührt.

Gujarat, Indien, 2001

Wovon lassen wir uns berühren? In der Welt der Medien gibt es eine grausame Hierarchie der Kriege und Katastrophen. Hilfsorganisationen geben oft viel Geld aus, um aufrüttelnde Bilder zu produzieren. Für fünfstellige Summen chartern sie Kleinflugzeuge, um Fotografen über Katastrophengebiete fliegen zu lassen. Mitleiderregende Bilder entscheiden über die Höhe des Spendenaufkommens. Doch das Leid ist nicht immer sichtbar. Wenn im Kongo Kriegsherren Dörfer abbrennen, stehen da keine Ruinen wie in Bosnien oder Syrien. Hinterher bleibt von jeder Rundhütte aus Lehm nur ein dunkler Ring auf dem Boden. "Was soll ich hier nur fotografieren?", fragte der Fotograf, mit dem ich im Januar 2001 ins Erdbebengebiet im indischen Bundesstaat Gujarat geflogen war. Vor uns sahen wir eine Ebene mit Dutzenden kleinen Erderhebungen. Jeder dieser Haufen war ein Wohnhaus aus Lehm gewesen, das in sich zusammengestürzt war. Aus einen dieser Haufen zog ich dieses Scharnier einer Tür. 20 000 Menschen starben bei der Katastrophe.

Engstingen, Deutschland, 1988

Ein Stahlstift mit Ring, früher mal olivgrün. Der erste Kriegsgegenstand, den ich aufgehoben habe. Selten hat die Industrie dem Tod eine schlichtere Form gegeben. Man steckt einen Finger durch den Ring und zieht den Splint aus der Handgranate. Dann ist sie scharf. Lässt man los, explodiert sie nach vier Sekunden. Fast hätte sie mich getötet. Ich war 17, Zeitsoldat und sollte eine Handgranate benutzen. Ich warf sie nicht weit genug. Ein Hauptmann riss mich zu Boden, Erdklumpen prasselten auf uns herab. Ich war ein miserabler Soldat, und trotzdem hat mich das Thema Krieg nie wieder losgelassen. Nachdem die Mauer gefallen war, dachten viele, das Ende der Kriege sei gekommen. Sie irrten. Es wird so viel gekämpft wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. 1992 zählte das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung 100 kriegerische Auseinandersetzungen, 2014 waren es 414. Altbestände von Handgranaten jenes Typs, der Granate DM 51, liefert die Bundesregierung jetzt an die Kurden im Irak, für den Kampf gegen den "Islamischen Staat".

Timbuktu, Mali, 2013

Verbranntes Papier, der Rand einer Manuskriptseite, zwei mal drei Zentimeter groß. So dünn, dass es beim leichtesten Druck zerbricht. Dieses Stückchen Papier war der letzte Rest eines Buchs, das radikalislamische Kämpfer angezündet hatten. Es lag inmitten eines Haufens aus Asche und halb verglimmten Büchern im Innenhof des Ahmed-Baba-Instituts in Timbuktu. Es waren unersetzliche, jahrhundertealte Schriften, die die Islamisten hier absichtlich vernichtet hatten. Denn der Hass der Gotteskrieger zielt nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Vergangenheit. Der "Islamische Staat" und seine Ableger denken sich den Menschen als eine Art Computer, und für den darf es nur eine Software geben, ein einziges Deutungsmuster für das Verständnis der Welt. Alle anderen Ideen werden von ihnen gelöscht, vernichtet. Sie denken, so können sie den Menschen zu einem willenlosen Geist degradieren, der Vorgaben ausführt, weil er nichts anderes kennt. Sie glauben, sie dienen damit Allah. Tatsächlich dienen sie nur ihrer eigenen zerstörerischen Lust.

Khost, Afghanistan, 2007

Die Fessel des Plastikzeitalters. Ein schwarzer Kabelbinder, strapazierfähiges Nylon. Wird von Polizisten benutzt, aber auch auf Kriegsschauplätzen eingesetzt. Das Einwegprodukt kostet nur wenige Cent und muss bei der Entlassung des Arrestierten aufgeschnitten werden. Es wird meist in China hergestellt, angeblich ist es hygienischer als die herkömmliche Handschelle, behauptet zumindest das New York Police Department. Reste von Blut und anderen Körperflüssigkeiten auf Mehrweghandschellen führten beim Nachnutzer möglicherweise zu Infektionskrankheiten. Der Nachteil: Sind die Fesseln zu eng angelegt, können Finger absterben. Mit dieser Plastikschlinge war ein afghanischer Feldarbeiter gefesselt worden, den die US-Truppen monatelang als Taliban-Verdächtigen inhaftiert hatten. In den Verhören fanden sie nichts Belastendes. Ich sah zu, wie er aus seinem Kerker geführt wurde, mit einer schwarzen Kappe über dem Kopf. Im Hof des Gefängnisses wurde er befreit. Nie werde ich sein Lachen vergessen, als er den Ruck bemerkte, mit dem der Amerikaner seine Fessel durchschnitt.

Tankessi, Elfenbeinküste, 2002

Eine Eisenstange, zu einer Klammer gebogen. Die Innenseite des Eisens ist mit schwarzem Hautfett verkrustet. Sie stammt aus einem Dorf in der Elfenbeinküste, wo sie um das Handgelenk des ehemaligen Beamten Sié Kouane geschlagen war. Fünf Jahre lang hatten ihn seine Verwandten damit gefesselt. So fixiert, saß Kouane in fast völliger Dunkelheit in einer kleinen Hütte. Fünf Jahre, in denen er sich nicht aufrichten oder auf Toilette gehen konnte. Der Dämon habe ihn befallen, sagten die Verwandten. Tatsächlich litt Kouane unter einer psychischen Erkrankung, doch gibt es in der Elfenbeinküste kaum jemanden, der solche Krankheiten diagnostiziert und behandelt. Für die nördliche Landeshälfte sind zwei Psychiater zuständig. Zehntausende Kranke in der Elfenbeinküste und anderen Ländern Afrikas verbringen ihr Leben an einer Kette. Mitglieder einer Hilfsorganisation sägten Kouane vom Eisen. Als wir in die Hütte traten, fragten wir ihn, wer er sei. Er überlegte lange. "Haben Sie schon einmal vom höchsten Wesen gehört?" – "Gott?" – "Ja", sagte er, "das bin ich."

Timbuktu, Mali 2013

Ein Vorhängeschloss, von einem Stemmeisen aufgebrochen. Die französischen Truppen hatten die Islamisten, die monatelang über den Norden Malis geherrscht hatten, im Januar gerade aus Timbuktu vertrieben. Das Gefängnis der Stadt war von Freunden und Angehörigen der Insassen gestürmt worden, die Türen standen offen. Das verschachtelte System aus Vorhöfen, Pforten, Innenhöfen, Überwachungsfluren, Gemeinschaftszellen und Einzelzellen war verlassen. Geblieben war nur erbärmlicher Gestank. Das aufgebrochene Vorhängeschloss hing an der Hauptpforte des Frauentraktes. In den acht Monaten ihrer Herrschaft hatten die Islamisten versucht, die Frauen der Stadt gefügig zu machen. Sie unter den schwarzen Schleier zu zwingen, obwohl bis dahin viele von ihnen nackt im Fluss gebadet hatten. Die Kämpfer der Milizen schlugen sie, wenn sie sich den neuen Regeln nicht beugten, peitschten sie aus, sperrten sie ein – mit diesem Vorhängeschloss. Glaubte ich an die magische Kraft von Talismanen, was ich nicht tue, ich würde als Glücksbringer dieses kaputte Schloss wählen.


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