Deutschlandkarte Die Namen der Möhre

Von
ZEITmagazin Nr. 5/2016
© Laura Edelbacher

Für die orangefarbene Lieblingswurzel der Deutschen existieren im Supermarkt praktisch nur zwei Bezeichnungen: Möhre oder Karotte. Dabei gibt es Gegenden, wo man diese Begriffe im Alltag gar nicht verwendet. Man legt zwar Gemüse in den Einkaufswagen, das als Speisemöhre oder Karotte ausgezeichnet ist – zu Hause spricht man aber von Mohrrüben (im Nordosten), von Wurzeln (im Norden und Nordwesten) oder Gelben Rüben (im Süden). Wer daher ins Schwärmen geraten möchte über die Vielfalt der deutschen Sprache, sollte gewarnt sein: Der Gebrauch von "Möhre" und "Karotte" breitet sich immer weiter aus, während die anderen Begriffe langsam verschwinden. Laut Atlas zur deutschen Alltagssprache ist das Verbreitungsgebiet von "Wurzel", das vor 40 Jahren noch fast den gesamten Norden umfasste, auf rund die Hälfte geschrumpft. Warum? Die Macht der großen Supermarktketten ist gegenüber regionalen Lebensmittelgeschäften und Wochenmärkten in den letzten Jahrzehnten immer mehr gewachsen, auch die Sprachmacht.

Quelle: Atlas zur deutschen Alltagssprache

16 Kommentare

Und jetzt bitte noch eine Deutschlandkarte mit den regionalen Namen für Ackersalat (Feldsalat, Nüsschen, Rapunzel, Sonnewerwele...)
Meine nordhessischen Schwiegereltern verstehen mich, wenn ich das Wort Karotte statt Möhre benutze, wenn ich Ackersalat sage, ernte ich nur verständnislose Blicke

Da sieht man mal wieder, die Südländer haben einfach zuviel Zeit. Gelbe Rübe? Da ist ja der halbe Tag rum, zumindest solange man's ordentlich ausspricht, also norddeutsch. ;P Unsere Möhre ist jedenfalls prägnanter und wenn so'n Ding gelb ist, würde man es hier auch gar nicht essen. Mohrrübe ist halt gleich wieder so Pegidistan... und den Ausdruck "Karrotte" kann ich nicht ausstehen, weil ich dabei immer an die "Garrotte" denken muss (ist so ein Folterinstrument).

Folgerichtig setzen sich, wenn ich das richtig sehe, denn auch die eher norddeutschen Varianten ggü. den südlicheren durch. ("Wurzel" kann man ausnehmen, das sagt - abseits von humoristischer Kolorierung - heute m.W. kein Mensch mehr, ist im Grunde so aus dem Gebrauch gekommen wie das Niederdeutsche überhaupt.) Das ist ja nun nicht immer so. Denken wir z.B. an die Orange. Und ihren Orangensaft. Noch als ich klein war, konnte man bei uns im Norden dazu auch Apfelsine(nsaft) sagen. Apfel aus China. Das war nett, hatte Charme. Nebenbei erlaubte es die klare Distinktion zur Farbe, die immer "orange" hieß. Aber ich meine kaum noch jemand nennt sie Apfelsine, ich auch nicht. Oder es handelt sich um spez. Sorten.

"Da sieht man mal wieder, die Südländer haben einfach zuviel Zeit. Gelbe Rübe? Da ist ja der halbe Tag rum, zumindest solange man's ordentlich ausspricht, also norddeutsch."

Ja - kennt man in Norddeutschland denn nicht die kleine Hex? ;)

Morgens früh um sechs
kommt die kleine Hex.

Morgens früh um sieb'n
schabt sie gelbe Rüb'n.
...

Sie sollten die Karte nochmal richtig betrachten hinsichtlich der Mohrrüben und dem was sie "Pegidistan" nennen.

Apfelsine war übrigens auch in der DDR noch bis 1990 ganz normaler Gebrauch, bis in den Supermärkten überall "Orangen" Einzug hielten.

Ist es nicht im Grunde egal, wie wir ein Objekt nennen? In erster Linie ist Sprache doch ein Kommunikationsmittel und erst danach Kulturgut. Ich spreche und schreibe in erster Linie, um verstanden zu werden. Und solange neder weiß, dass ich in u serer heutigen Zeit den zumeist rot gefärbten Langwurzler meine, muss ich dafür nicht auch noch 5 andere Begriffe dafür kennen. Außerdem ist Sprache etwas, das sich im langsamen aber stetigen Wandel befindet. Sollten also mal wieder nicht orange gefärbte Möhren den Ton angeben, so werden von ganz allein entweder alte oder eben neue Begriffe dafür auftauchen. ;)

Was will uns jetzt dieser Kommentar sagen?

Sprachliche Zeichen, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Sprachwissenschaft, sind arbiträr. Ob wir Wurzel, Karotte oder Wrschtritliputzli sagen ist im Prinzip egal, solange wir uns darauf einigen. Aber das ist eben nur der erste Teil der Geschichte. Die Konventionalität, d.h. die Einigung darauf, dass es eben nicht Wrschtritliputzli heißt, ist der zweite Teil. Man einigt sich in einer Gruppe, die durch regionale Herkunft, Alter, soziale Schicht oder ähnliche Faktoren bestimmt ist.

Dass sich Leute eines Tages entscheiden, "Karotte" statt "gääle Roib" zu sagen, ist ein Phänomen, von dem man viel über die Gesellschaft, ihre Gliederung und das Funktionieren menschlicher Gemeinschaften lernen kann.

Und wenn Sie der Ansicht sind, es reiche "in unserer heutigen Zeit", nur einen Begriff zu kennen, dann zeugt das weniger von Modernität als vielmehr von einem verengten Horizont.

Es wird in der Öffentlichkeit immer entweder über Sprachwandel gemeckert, oder über die Meckerer gemeckert. Dass er einfach ein interessantes Phänomen mit unheimlich vielen Facetten ist, das entgeht den meisten Leuten. Da sind Sie dann immerhin nicht allein.

Interessante finde ich die Verhältnisse in meiner Heimat, unmittelbar nördlich von Frankfurt. Im alten, fast verschwundenen Dialekt heißt es "gääle Roib" (gelbe Rübe), in der Umgangssprache "Karotte" und die meisten Leute unter 30 sagen "Möhre". Vor allem die Generation, von der meistens sprachliche Innovationen ausgehen, nämlich jüngere Mütte, scheinen "Möhre" für das "korrekte" Wort zu halten.

Hier in Wien ist es komplizierter, weil nämlich sowohl "Karotte" als auch "Gelbe Rübe" gebräuchlich sind: Kauft man eine Packung Suppengemüse, dann enthält diese in der Regel neben Sellerie, Petersilie etc. zweierlei einschlägige Wurzelgemüsesorten, eine gelbe und eine orangefarbene. Erstere läuft unter "Gelbe Rübe", letztere unter "Karotte".

Ich hatte in den letzten Jahrzehnten schon öfter den Verdacht, dass ich die Sage Kinvig des Wurzeleintopfs sein könnte. Aber ich habe es auf die sprachliche Diaspora geschoben.
Nun: man nehme einen Bund Wurzeln aus dem Garten (oder vom Markt), schrappe sie unter fließendem Wasser mit dem Kartoffelschälmesser -
Weiß noch jemand, was "schrappen" bedeutet? Oder wie man ohne Sparschäler Kartoffeln schält?
Vermutlich nicht. Das mit dem Schälen war schon bei Nora Ephron in den 80ern romantische Nostalgie.
Aber es gibt noch Windmühlenmesser, sogar die für Kartoffeln!
Also: schrappen, klein schneiden, Kartoffeln schälen und auch kleinschneiden, in Butter anschmoren, mit Brühe aus Beinscheibe (die braucht vorher für den Geschmack mind. 1,5 Std.), Salz und Pfeffer 15 Min. kochen. Und dann gehackte Petersilie dazu.
Für den großen Hunger: die Beinscheibe hineinschneiden. Pinkel passt genial. Für mäkelige Nicht-Vegetarier: zuerst Hackfleisch in der Butter anbraten. Für Vegetarier: es geht auch mit Gemüsebrühe. Für Veganer: geht eher nicht.

Ein wenig schade ist es ja schon, wenn die Regionalvarianten schwinden.
Zum Anderen bleiben uns dann Diskussionen über den politisch korrekten Gebrauch des Wortes "Mohrrübe" erspart ...

Vielen Dank für den Link auf ein interessantes Projekt.

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