Stilkolumne Durchsichtige Tricks

Von
© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 5/2016

Es ist nicht leicht, jemanden davon zu überzeugen, sich mit einer Plastikfolie zu bekleiden. Plastik ist ein unangenehmes Zeug: Sperrig, und die Haut kann nicht atmen. Und man sieht meist nicht einmal gut aus damit.

Kleidung aus PVC war vor nicht allzu langer Zeit hauptsächlich ein Fall für die Fetisch-Szene, für Menschen, die dem mangelnden Komfort des Materials etwas Aufregendes abgewinnen konnten. Mittlerweile sind solcherlei Vorlieben keine Voraussetzung mehr, um Kunststoff anzuziehen: PVC ist fester Bestandteil der neuen Kollektionen. Im nächsten Sommer wird es außerdem ziemlich durchsichtig. Bei Maison Margiela gibt es Hüte aus transparentem Plastik, die an explodierte Hotelduschhauben erinnern. Christopher Kane zeigte bei seiner Show für den Sommer Kleider mit Einlagen aus farbig-transparentem Kunststoff. Bei Loewe präsentierte J.W.Anderson sogar komplett transparente, gerade geschnittene Hosen aus Plastik und dazu passende durchsichtige Handtaschen. Es sah aus, als hätte er eine Kollektion aus Frischhaltefolie geschneidert. Für Chanel hat Karl Lagerfeld Plateauschuhe und schwarze Jacken im Plastik-Look entworfen.

Einstmals wurde Luxus mit wertvollen Materialien identifiziert. Weil etwas selten war, galt es als wertvoll. Dinge waren umso kostbarer, je weiter man fahren musste, um sie zu finden – etwa die Wolle der Ziegen aus der Kaschmir-Region. Inzwischen gibt es Kaschmirwolle in allen Preislagen, sie ist Teil der Fast Fashion. Fast alles, was einmal als Symbol großen Wohlstands galt, ist heute auch in einer Günstig-Version erhältlich. Und mit den wenigen Materialien, die wirklich schwer zu bekommen sind, gibt es oft ein moralisches Problem. Wer möchte heute gerne noch in einem echten Pelzmantel oder Stiefeln aus Krokodilleder gesehen werden? So kommt es, dass Luxus immer weniger mit Material identifiziert wird als vielmehr mit Auffälligkeit. Wer sich in einem durchsichtigen Nichts von Loewe bei einem Abendanlass blicken lässt, kann sich einiger Aufmerksamkeit sicher sein. Und etlicher Likes auf Instagram ebenfalls. Gewissermaßen ist die Mode damit wieder bei ihrer hergebrachten Repräsentationsfunktion angekommen. So wie die Damen des Großbürgertums es einst hinnehmen mussten, Kleider zu tragen, in denen sie wie ein Napfkuchen aussahen, um den Wohlstand ihrer Männer auszustellen. Vielleicht war der Tragekomfort damals trotzdem größer, als wenn man sich in ein Material kleidet, in das sonst Hacksteaks im Supermarkt eingeschweißt werden.

Foto: Jacke mit Plastik-Optik von Chanel, 7.720 Euro 

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