Gesellschaftskritik Über die Sonntagabend-Talkshow

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 6/2016

Genau genommen wünschen auch wir Leistungsträger der Mediengesellschaft uns bisweilen Stunden, in denen die Welt auf einen Sessel und eine Tasse Hagebuttentee zusammenschnurrt, und deswegen ist uns der Sonntag der liebste unter den Tagen. Und das sagen wir sogar auf Partys. Schließlich ist der Sonntag der Tag, an dem alles eiserne Müssen zu einem samtenen Wollen wird und man nicht so richtig aus dem Quark kommt, weil man es ja auch nicht muss. Und falls einem doch magistralisch zumute wird, tritt man vor die Tür und trifft ähnlich träge Gestalten auf dem Weg zu einem anständigen Stück Kuchen.

Das ist der Sonntag. Er erinnert in seiner Andachtsstille an Zeiten, in denen Mutti in der Küche das Palmin knickte, während man Eichendorff las, in dessen Gedicht über den Sonntag Wörter wie "froherschrocken" vorkommen, oder man einen Film ansah, in dem es um einen galanten jungen Offizier ging, der durch die Uckermark reitet, was heute ja nicht mehr geht, unter anderem wegen der Cabriofahrer, die "echt mal ’ne Pause von der Stadt" brauchen. Überhaupt wird sonntags ziemlich viel an früher gedacht, womit auch der Zeitraum gemeint ist, in dem es noch keine Talkshows gab, die, nachdem im Tatort der Mörder gefasst wurde, Deutschland besorgt den Blutdruck messen.

Nun ist über Günther Jauch bereits alles von allen gesagt, insbesondere, dass mit Anne Will jetzt alles besser werde am Sonntagabend: keine Bosbachs mehr, keine Prechts, keine Kornblums. So lautete, grob gesagt, die Hoffnung. Aber wer sich dann ins Sturmgetwitter der sozialen Medien wirft, erkennt sogleich, dass die Sonntags-User auch während Anne Will in der labradorischen Tonleiter heulen, wie schlecht das alles ist: wo denn die Anschlussfragen seien? Ob es in den Kühltruhen der ARD wirklich keine anderen Gäste gebe? Und wieso überhaupt wieder nur eine Frau als Gast!!! Natürlich ist der Sonntag ebenfalls der Tag, an dem sich der kleine, unwegsame Alltag auf existenzielle Ebenen wuchten kann. Und vermutlich, denken wir nun froherschrocken, gab es hervorragende Gründe, warum einst Menschen am Sonntag ein Stummfilm gewesen ist, der übrigens ohne Faktencheck und Beatrix von Storch auskam. Im Grunde jedoch gilt für alle Stuhlkreisgäste und alle daheim in ihrem Sessel seit je der versöhnlichste und damit sonntäglichste Satz von allen: Hauptsache, wech vonne Straße.

Kommentare

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> So lautete, grob gesagt, die Hoffnung.
Das im Zusammenhang mit ARD und ZDF ist, gelinde gesagt, vergebene Liebesmüh. Sinkende Quoten, und das seit Jahren (Sport-Events und alle Vollmond mal ein gutes Fernsehspiel ausgenommen, wie etwa am Samstagabend mit dem Barschel-Thriller).

Herr Hugendick, glauben Sie, Frau Will sucht sich ihre Gäste alleine aus? Ich denke, sie darf Vorschläge machen, Wünsche äußern. Darüber sitzt ein Redakteur. Darüber vermutlich der Infotainment-Chef und der von ARD aktuell. Darüber…wissenschon. Es hat schon seinen Grund, daß bei ARD und ZDF gleichermaßen jedes Talkformat nach Belieben austauschbar ist.

> wir Leistungsträger der Mediengesellschaft
Oh je. Finden Sie das wirklich, Herr Hugendick? Oder ist das ironisch gemeint? Ich fände etwas mehr Demut vor dem Publikum angebracht, gerade in Zeiten von »Lügenpresse«-Rufen. A propos Barschel. Damals… DAS waren noch Journalisten. Und Chefredakteure.

"DAS waren noch Journalisten. Und Chefredakteure." Mir scheint, Sie haben die abgründige Ironie des Barschel-Thrillers nicht recht verstanden. Wohin dieser Impetus von erfolgssüchtigen Rechercheuren führen kann, hat bereits Dietl in "Shtonk" bis an die Grenze des Absurden und darüber hinaus vorgeführt. Die beiden "Waterkantgate"-Jungstars sind nicht erst am Ende entweder paranoid oder Geheimdienst-IM.

"... Sonntagabend: keine Bosbachs mehr, keine Prechts, keine Kornblums. So lautete, grob gesagt, die Hoffnung. "
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Im Medienzeitalter 2016 wird das öffentliche rechtliche Fernsehen immer mehr zur Randerscheinung. Die Zeiten, wo man sich mangels Alternativen mit der ganzen Familie vor dem ÖRR versammelt hat, sind passé. Diese Tagesschau/Tatort/Taklshow-Infusion erreicht immer wenger Zuschauer. Auch im I-Net ist nicht alles gut, richtig. Aber vielleicht ist das Publikum kritischer geworden, weil es Plattformen gibt sich darüber auszutauschen. Daran wird sich auch der Rundfunk gewöhnen müssen, solange es ihn noch gibt.