David Grossman © Gonzalo Fuentes

Das war meine Rettung David Grossman

Der Schriftsteller David Grossman sucht Zuflucht bei den Charakteren seiner Geschichten. Von

ZEITmagazin Nr. 6/2016

ZEITmagazin: Herr Grossman, wann trafen Sie die Entscheidung, Schriftsteller zu werden?

David Grossman

62, ist in Jerusalem geboren. Der Autor ist eines der bekanntesten Gesichter der linken Friedensbewegung in Israel. Sein neuestes Werk Kommt ein Pferd in die Bar ist auf Deutsch bei Hanser erschienen

David Grossman: Das weiß ich noch ganz genau. Ich hatte eine Freundin, wir waren beide in der Armee, aber wir hatten bereits eine gemeinsame Wohnung. Wir waren sehr glücklich. Eines Tages bekamen wir Streit. Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging. Jedenfalls packte sie am nächsten Tag ihre Sachen in einen kleinen Rucksack und kehrte zu ihren Eltern in Haifa zurück. Sie hatte mich verlassen, und ich dachte, mein Leben sei zu Ende. Ich liebte sie über alles, und ich wusste nicht, wie es ohne sie weitergehen sollte.

ZEITmagazin: Was haben Sie getan, um aus dieser Krise herauszukommen?

Grossman: Ich war so verzweifelt, dass ich anfing, eine Geschichte zu schreiben. Es ging um einen amerikanischen Soldaten, der während des Vietnamkriegs desertiert und nach Österreich flüchtet. Er lebt dort isoliert, die Militärpolizei ist hinter ihm her, er ist der einsamste Mensch überhaupt. Die einzige Zuneigung, die er erfährt, bekommt er von ein paar Eseln. Er liebt diese Tiere und bringt ihnen einmal in der Woche etwas Futter. Ich schrieb diese Geschichte auf, und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich richtig gut. Ich schob die Geschichte spontan in einen Briefumschlag und schickte sie meiner ehemaligen Freundin nach Haifa. Sie las sie, kam zu mir zurück und sagte, die Geschichte sei unwiderstehlich. Nun sind wir seit 41 Jahren verheiratet.

ZEITmagazin:  Sie haben viel über Krisen geschrieben, gar über den Tod Ihres Sohnes.

Grossman: Der Verlust meines Sohnes Uri hat den größten Einfluss auf mein Leben. Es ist jetzt neun Jahre her, und es passierte, als ich den Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht schrieb – die Geschichte einer Mutter, deren Sohn zur Armee geht und die eine starke Vorahnung hat, dass er sterben wird. Deshalb beschließt sie, nicht zu Hause zu bleiben, sondern wegzugehen, damit der Kurier mit der Schreckensnachricht sie nicht erreichen kann. Sie hat die seltsame Vorstellung, wenn sie nicht aufzufinden ist, wird das Schreckliche nicht geschehen. Dann widerfuhr uns genau das, unser Sohn fiel im Libanonkrieg. Am Morgen nach der Schiv’a, der siebentägigen Trauerzeit bei uns Juden, kehrte ich an den Schreibtisch zurück und fuhr mit dem Roman fort. Ich hatte das Gefühl, wenn ich schon dazu verurteilt bin, in dieses Exil zu gehen, auf diese Insel der Trauer, dann will ich beschreiben, wie es dort aussieht. Ein Exil, so habe ich die Trauer empfunden. Ich fragte mich, wie es sein kann, dass wir in einem so entscheidenden Moment, in dem wir die Worte so nötig hätten, keine präziseren Worte haben, um unsere Gefühle und unsere Situation zu beschreiben. Erst da habe ich verstanden, dass Trauer kein Stein ist, der einem auf den Kopf fällt und einen zerschmettert. Im ersten Moment scheint es so zu sein, aber Trauer ist ein dynamischer Zustand mit vielen Schattierungen.

ZEITmagazin: Wie fanden Sie ins Leben zurück?

Grossman: Das war sicher die schwierigste Zeit, die ich je durchgemacht habe. In meinen Werken gibt es einen Hang zur Trauer, und dagegen kämpfe ich an. Man muss sich etwas ausdenken, man braucht Fantasie und Vorstellungskraft. Man fühlt sich zerschmettert, aber dennoch muss man seine Charaktere mit Leben füllen, mit Anekdoten, mit einem Sinn für Humor, mit Libido und Liebe. Das war ein täglicher Kampf, aber auf seltsame Weise wurde mir auch klar, dass diese Geschichte, die ich schrieb, die einzige Sicherheit war, die ich in meiner unmittelbaren Realität fand; alles andere war zerstört, aber die Geschichten waren mir als Zuflucht geblieben. Ich fühlte mich zu Hause, es war wirklich eine Möglichkeit, mich an mich selber zu erinnern und einen Weg zurück ins Leben zu finden.

ZEITmagazin: Sind Sie ein religiöser Mensch?

Grossman: Ich bin nicht gläubig, ich bin Atheist, daher kann ich keinen Trost in dem Gedanken finden, dass wir uns in einem Leben nach dem Tod wiedersehen werden. Wir haben nur dieses eine Leben, und wir sollten auf dieser Welt das Beste daraus machen. Es gibt keine zweite Chance. Die Literatur gibt einem manchmal eine zweite Chance. Der Ort, an dem Tod und Leben einander für mich am nächsten sind, ist die Kunst. Die Kunst ist der Ort, an dem wir die Leere, die Nichtigkeit und den Schrecken des Todes und zugleich die Ganzheit des Lebens denken und fühlen können. Ich fühle mich viel lebendiger, wenn ich schreibe. Es ist meine Weise, in dieser Welt zu sein.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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