Harald Martenstein Über Spielplätze und andere Orte der Diskriminierung

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ZEITmagazin Nr. 6/2016

Heute ist dies eine Nachrichtenkolumne, mit sexualpolitischen Nachrichten aus Deutschland. Sie sind alle echt.

Münster. In der Stadt Münster werden jetzt die Kinderspielplätze darauf untersucht, ob sie geschlechtergerecht sind. Die Stadt überprüft mithilfe der Universität 40 bis 50 Spielplätze. Dabei soll ermittelt werden, ob die Spielgeräte ein Geschlecht bevorzugen oder benachteiligen. Die antisexistische Untersuchung dauert ein Jahr, billig wird das bestimmt nicht. Leider steht in der Lokalzeitung kein Wort über die Kriterien, mit deren Hilfe man herausfinden könnte, ob eine Schaukel eher Sympathien für Jungs hat oder eher auf Mädchen steht. Und wenn sich herausstellt, dass ein bestimmtes Gerät, etwa das Klettergerüst, vor allem von Jungs benutzt wird – wie reagieren sie dann in Münster? Werden alle Klettergerüste abgebaut und verboten, wegen Sexismus, Machismus und Chauvinismus? Müssen in Zukunft mindestens 30 Prozent der Kletternden weiblich sein, ansonsten bleibt das Gerät gesperrt?

Regensburg. In Regensburg hat der Stadtplanungsausschuss darüber abgestimmt, ob in den städtischen Bussen die Geschlechtertrennung eingeführt werden soll. Der Antrag kam vom Stadtrat einer freien Wählergruppe. In den Bussen sollte es "Lady-Zonen" geben, in Pink, wo sich kein Mann hinsetzen darf. Der Antrag wurde abgelehnt.

Freiburg. In Freiburg haben einige Clubs Eintrittsverbote für Flüchtlinge erlassen. Es soll dort aus diesem Personenkreis sexuelle Übergriffe gegeben haben, auch über Vergewaltigungsversuche wurde berichtet. So ein pauschales Verbot ist natürlich rechtswidrig. Was können die Clubbesitzer tun? Die Lokalzeitung interviewte dazu die Chefin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders. Sie sagt erwartungsgemäß, dass niemand wegen seiner Herkunft an einer Clubtür zurückgewiesen werden darf. Allerdings sei es möglich, jemandem mit der Begründung den Eintritt zu verwehren, dass er ein Mann sei und schon zu viele Männer im Club sind. Zitat: "Bei Diskriminierungen wegen des Geschlechts lässt das Gesetz einen sachlichen Grund zu. Allerdings muss das dann für alle Männer gelten und nicht nur für Nordafrikaner."

Der Wirt muss also für jeden Flüchtling, den er nicht hineinlässt, gleichzeitig auch einen eindeutig urdeutsch aussehenden Mann zurückweisen, dann ist es juristisch wasserdicht. Wahrscheinlich engagieren jetzt die Freiburger Wirte für ein angemessenes Honorar zwei, drei blonde Jungs, die sich irgendwo in der Nähe in einer Boy-Zone verstecken, bei Bedarf herbeikommen und sich neben den Flüchtling stellen, um sich gemeinsam mit ihm zurückweisen zu lassen, mit der einzigen legalen Begründung: "Ihr dürft hier nicht rein, und zwar nur deshalb, weil ihr Männer seid." Für zehn Euro die Stunde lassen sie sich ununterbrochen zurückweisen.

Da entsteht ein neues Berufsbild. Die blonden Jungs könnten sagen: "Mein Job ist es, ein aus sachlichen Gründen diskriminierter Mann zu sein." Das geht aber nicht, weil der Beruf "diskriminierter Mann" ja für Frauen nicht offensteht und insofern ein sexistischer Beruf ist. Das findet alles in einer Grauzone statt. Von der Süddeutschen Zeitung kam, bezogen auf Regensburg, der Vorschlag, das Geschöpf "Mann" einfach insgesamt zu verbieten. Rechtlich wäre dies möglich, denn Frauen oder Migranten werden durch so ein Gesetz nicht diskriminiert, nur Männer aus sachlichem Grund. Die Männer könnten sich nach dem Verbot von der Gesellschaft einfach ein neues Gender sozial konstruieren lassen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Als männlicher Flüchtling würde ich mich zu einem Tanzkurs anmelden. Die sachlichen Gründe wären mal interessant zu hören.

Übrigens könnten Flüchtlinge und sachlich zurückzuweisende blonde Jungs aus Deutschland da ein Geschäft draus machen. Wo kein Flüchtling Einlass begehrt, das muss nämlich auch kein Profi in der Schlange stehen. Na gut, von 10 Euro die stunde ist jetzt nicht die große Provision drin, aber es ist ein Einstieg.

Der Tanzkursanbieter wird Ihnen als Flüchtling das Tanzen beibringen, wenn Sie den Kurs bezahlt haben und genügend Taxitänzerinnen frei sind. Außerdem wird im Tanzkurs auch nicht so viel Alkohol getrunken, der am häufigsten Grund für Ärger unter Männern wie Frauen ist. Allerdings kennt der Tanzkursanbieter keinen Spaß, wenn die Taxitänzerinnen belästigt werden, dies ist für den Kursanbieter geschäftsschädigend. Dann heißt es Kündigung.