Ich habe einen Traum Susanne Wolff

"Sollte ich je meinen Beruf wechseln müssen, dann möchte ich Gangster werden"

Von
ZEITmagazin Nr. 6/2016

In einem wiederkehrenden Traum muss ich die Fassade eines sehr hohen Hauses hinaufklettern. Es macht mir keinerlei Freude, ich klettere eher widerwillig, aber todesmutig los. Ich fühle mich regelrecht nach oben getrieben – in dem Wissen, dass das Grauen zunehmen wird, je höher ich komme.

Oben angekommen, ziehe ich mich über die Dachrinne hoch und presse mich dann mit dem Rücken flach an das extrem steile Dach. Würde ich mich nur zehn Zentimeter nach vorne beugen, ich würde das Gleichgewicht verlieren und hinunterstürzen. Ich entwickele eine riesige Angst. Sie ist so groß, dass ich gar nicht über einen möglichen Weg hinunter nachdenken kann. Dann stürzt neben mir jemand vom Dach. Bis ich erwache, bleibt die Situation ungelöst: Ich selber stürze nicht, aber es ist auch keine Rettung in Sicht.

Susanne Wolff

42, ist in Bielefeld geboren und aufgewachsen. Nach ihrer Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover spielte sie zunächst vor allem am Thalia Theater in Hamburg, bald auch in zahlreichen TV- und Kinofilmen. Seit 2009 gehört sie zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Zuletzt brillierte sie in der weiblichen Hauptrolle der ZDF-Serie Morgen hör ich auf

Ähnliche Erfahrungen habe ich auch im Wachen gemacht. Mir wird schnell schwindelig. In einer Höhe, die anderen keine Probleme bereitet, fühle ich mich unwohl. Aber mein Ehrgeiz treibt mich weiter hinauf.

Vielleicht hat dieser Drang auch mit meiner Abneigung gegenüber dem Stillstand zu tun. Monotonie und Lethargie regen mich auf. Ich hatte eigentlich gedacht, das würde im Laufe der Jahre besser werden, aber inzwischen habe ich den Eindruck, dass es eher schlimmer wird. Ich brauche Bewegung, Aufregung um mich herum – nur dann werde ich selber ruhig. Wenn man mich irgendwo in die Landschaft stellt oder zur Untätigkeit verdammt, macht sich Unruhe in mir breit. Um mich lebendig zu fühlen, brauche ich Impulse, ich brauche Intensität. In der Ruhe bin ich nicht bei mir.

Deshalb ist die Schauspielerei tatsächlich mein Traumberuf. Sie bedeutet ständige Veränderung, immer neue Herausforderungen, intensive Erregung. Nur die Art und Weise, wie über uns Schauspieler geschrieben wird, ärgert mich. Viele Journalisten arbeiten sich an oberflächlichen Dingen ab, am Aussehen beispielsweise – was mehr über die Autoren aussagt als über die Schauspieler. Ich würde mir wünschen, die Kritiker müssten alle Passagen über Äußerlichkeiten aus ihren Texten herausstreichen. Es wäre spannend, zu sehen, was dann noch übrig bliebe.

Sollte ich je meinen Beruf wechseln müssen, dann möchte ich Gangster werden und im Untergrund leben. Ich wäre wohl ganz gut darin, schließlich bin ich ja lange auf die Schule der Verstellung gegangen. Eine falsche Identität annehmen, in ein Drogenkartell einsteigen und dann dort aufsteigen – das wäre ein Traum!

Ich würde gerne nach Ciudad Juárez in Mexiko ziehen, das ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Wahrscheinlich würde ich nach einer Dreiviertelstunde schreiend darum betteln, wieder nach Hause zu dürfen, aber die Vorstellung, dort zu sein, finde ich großartig: diese Energie, die es dort geben muss, dieses Erregungslevel – eben das Gegenteil von Stillstand und Langeweile.

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