Harald Martenstein Über die Kunst, mit dunklen Momenten zu leben

© Fengel

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ZEITmagazin Nr. 7/2016

Es war Sonntag, ich hatte Pläne gemacht, außerdem gab es unglaublich viel zu tun. Aber dann habe ich etwa vier Stunden lang einfach nur dagesessen. Wo habe ich hingeschaut? Ich weiß es nicht mehr. Was habe ich gedacht? Nichts. Ich muss den Hund gefüttert haben, aber ich erinnere mich nicht.

Angeblich geht es sechs Millionen Deutschen manchmal so, es ist also gesellschaftlich relevant, ein Massenphänomen sogar. Morgens ist es besonders schlimm, man wird früh wach, aber aufstehen will man nicht. Man würde am liebsten im Bett bleiben – nein, das ist falsch, so etwas wie "am liebsten" gibt es nicht mehr. Man will gar nichts, außer vielleicht, sich auflösen und in ein Gas verwandeln. Oder in Gras. Man will sich selbst nicht mehr haben. Nichts tun, nichts sagen, nichts hören, stattdessen in ein dunkles Kellerloch von zwei mal zwei Metern schlüpfen und auf Befreier warten, an deren Ankunft man allerdings nicht glaubt.

Ich gehe nur noch selten ans Telefon, nur wenn es unbedingt sein muss, alles andere liegt brach. Jede Mailantwort stellt eine Herausforderung dar, als müsse ich die Bibel bis übermorgen ins Portugiesische übersetzen. Man hat Angst vor allem, das ist so ein Grundgeräusch, das geht manchmal tagelang keine Sekunde weg. Nichts ist selbstverständlich, nichts ist Routine. Nichts ist erfreulich, alles macht nur Mühe.

Natürlich durchschaue ich diesen Zustand, es gibt ein Wort dafür, es ist nur mein Gehirn, das mir das Leben schwer macht. Objektiv betrachtet ist alles okay. Deshalb kommt ein Schuldgefühl hinzu, warum reiße ich mich nicht einfach am Riemen? Es ist doch eine Willensfrage. Das stimmt nicht, ich weiß. Aber man sagt sich das eben, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt. Ich verwende deswegen so oft das Wort "man" statt "ich", weil das beherrschende Gefühl in dieser Stimmung eben eines der Ohnmacht ist, als sei das "Ich" vertrieben worden und schaue dem ganzen Schlamassel fassungslos von außen zu, mein Ich ist ein Coach, der an sein Team nicht mehr herankommt.

Millionen von Menschen haben solche Probleme. Es gibt gute und schlechte Tage, gute und schlechte Jahre. Alkohol hilft. Es hilft auch, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, manchmal tue ich das, aber vorsichtig, damit nichts Ernstes passiert. Schmerz ist auf jeden Fall eine angenehme Ablenkung. Mein Tipp, falls Sie ähnlich drauf sind: Gehen Sie in die Sauna, und bleiben Sie so lange drin sitzen, bis Sie das Gefühl haben, zu verbrennen.

Jetzt denken Sie, warum hört er nicht auf mit der Schreiberei. Er sollte kürzertreten. Tatsächlich ist das Schreiben die einzige Tätigkeit, die mich aus dieser Lage mit einer gewissen Zuverlässigkeit wieder herausführt, das Schreiben und auch das Vorlesen. Da habe ich eine erstaunliche Disziplin. Ich gerate in einen Flow und vergesse alles. Schon als Kind war ich so, ich habe mir, wenn es kam, selber Geschichten erzählt, und es wurde besser. Deshalb bin ich Autor, andere haben andere Rezepte, vielleicht müssen sie als Schauspieler auf einer Bühne stehen, oder singen, oder einen Konzern leiten, oder sie brauchen jeden Tag einen anderen Sexpartner. Es gibt diese eine Zone, in der du dich gut auszukennen glaubst, in der du dein Leben im Griff hast und wo dir nicht mal die Angst etwas anhaben kann. Wenn ich glaube, etwas Gutes geschrieben zu haben, bin ich eine Stunde lang zufrieden, richtig zufrieden, ich bin dann im Umgang bestimmt sehr angenehm. Und dann geht alles wieder von vorn los.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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10 Kommentare

Großartig! :)

Besser kann man es nicht beschreiben. Ich glaube, das ist der Grund, weswegen so viel meiner Freunde mit Anfang Dreißig noch so kompromisslos ihre Nächte mit Computerspielen verbringen. Und ich würde dazu gehören, wenn mich äußere Umstände nicht zu anderem zwängen.

Danke für diese hervorragende Kolumne, Herr Martenstein!
Ich bin immer wieder überrascht, wenn jemand es schafft, diesen Zustand des "bleiernen Mantels" so präzise zu beschreiben. Ist man innerhalb solch abstruser Phasen doch eher geneigt zu glauben, kein anderer Mensch könne diesen seelischen und geistigen Zustand je erlebt haben geschweige denn nachvollziehen. Mir hilft in solchen Phasen gute Lektüre.
Ich freue mich auf ihre Lesung am 18. März in Solingen und hoffe, sie geraten dort in einen Ihrer Flows!

Hallo und guten Tag, Herr Martenstein,

wenn man jünger ist, fragt man nicht nach dem Sinn. Man macht einfach. Und es macht meistens großen Spaß. Es passieren neue Dinge - interessante Dinge. Wenn man etwas weniger jung ist, hat man vieles schon erlebt. Und dann stellen sich ein paar typische Problemchen ein:

1) Man hat nicht mehr beliebig viel Lebens-Zeit.
2) Man fragt nach dem Sinn.
3) Man hat weniger Vitalität.

Die Kombination ist lästig und kann etwas anstrengend sein. Sie sprechen von "dunklen Momenten im Leben". Das ist deutlich übertrieben, finde ich. Sagen wir lieber "etwas weniger helle Momente".

Männer wollen natürlich keine Tipps oder Ratschläge. Ich gebe Ihnen trotzdem welche. :-)

Wegen 3: Sport. Fangen Sie an, Sport zu treiben. Langsam - denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Dann mehr. Sie werden nach ein paar Wochen merken, dass Sie sich damit deutlich vitaler fühlen. Sport hat, darüber hinaus, viele andere gute Nebenwirkungen. Sie können ja einen Kumpel mitnehmen oder sich von Ihrer Freundin einen Fitness-Kurs zu Ostern schenken lassen. Dann geht es einfacher anzufangen. Danach läuft es von selbst.

Wegen 1 und 2: Wenn Sie eine helle Periode haben: Überlegen Sie (mit Ihrer Freundin), was Sie gerne machen würden oder was Sie eigentlich *nicht* machen wollen. Wo und wie wollen Sie (beide mit dem Kinder oder so) leben und arbeiten? Und dann machen Sie es.

Außerdem kommt bald der Sommer... und es kommen auch schöne Momente. Gruß, SK

Vielen Dank für diesen mutigen Text! Ich bin beeindruckt. Ich mag das Wort "Trost", und hier trifft es genau zu auf all die Leser, die sich ein wenig in Ihrer Kolumne wiederfinden und spüren, dass auch ein Herr Martenstein ein naher Verwandter in Gemüte ist: Nicht allein mit uns'ren Nöten, gepeinigt von so manchem Gedanken, liebenswert und großartig.
Der Frühling kommt!

Jetzt schreib ich hier das Unwort hin. "Depression" Morgens quält man sich aus dem Bett, schleicht ins Bad, Frühstück- nein danke, die scheint, na und? Bleibt mir weg mit all den guten Ratschlägen! Nachmittags wird es etwas besser und abends ist man fast wieder der Alte, und dann, am nächsten Morgen, wieder diese Qual.
Dauert das an, wird es vielleicht noch schlimmer mit Angst bis Panikattacken, der Körper spielt verrückt, dann ist es wirklich an der Zeit zum Psychiater zu gehen. Da beginnt schon das nächste Elend. Einen schnellen Termin gibt es vielleicht, wenn man privat versichert ist.

Gerade habe ich die beiden Sätze: " Wenn ich glaube, etwas Gutes geschrieben zu haben, bin ich eine Stunde lang zufrieden, richtig zufrieden, ich bin dann im Umgang bestimmt sehr angenehm. Und dann geht alles wieder von vorn los." meiner Freundin vorgelesen. Worauf wir im Duett ausriefen: " Kommt Dir das bekannt vor?"
Ein Text mitten aus dem typisch bipolaren Leben von Künstlerexistenzen, immer oszillierend zwischen "Ich bin der Allergeilste" und "Alles nur Schrott".

"The opposite of depression is not happiness, but vitality. [...] Everything there was to do, seemed like too much work. I would come home and I would see the red light flashing on the answering machine. And instead of being thrilled to hear from my friends I would think: What a lot of people that is to have to call back."

http://www.ted.com/talks/...

Lieber Herr Martenstein, ich freue mich jedes Mal, einen Text von Ihnen zu lesen. Auch wenn es nicht immer fröhliche Themen sind, so haben ihre Artikel eine Ehrlichkeit, die man oft vergeblich sucht.

Noch unfreundlicher wird dieser Zustand, wenn man eine Art imaginärer Watte hinter der Stirn spürt, die einen bei Gesprächen den roten Faden verlieren lässt, die kurze Blackouts erzeugt, so dass man die richtige geistige Schublade nicht mehr findet. Und so was kann passieren, obwohl man keinerlei materielle Sorgen hat und eine liebe Familie und gute Freunde.
Aber gut: immerhin ist dieser Zustand nicht physisch schmerzhaft. Und man kann immer noch mit Genuss Musik hören, Essen und Trinken. Das Leben ist trotzdem schön.

Disziplin hilft wirklich (wie der Autor bezüglich des Schreibens selbst einräumt). Wer sich täglich zur gleichen Zeit ohne zu zögern aus dem Bett schwingt, der kann gar nicht länger darin liegen bleiben, da die innere Uhr den Organismus in Erwartung des Üblichen eigenmächtig auf Tagesmodus hochfahren läßt. Und bei „Keine Lust zu gar nichts“ empfehle ich, einfach aus dem Haus zu gehen (bei jedem Wetter!) und sich treiben zu lassen, sei es zum Flanieren oder (besser noch) zum Sporttreiben. Bewegung hält Leib und Seele zusammen – anders übrigens als Alkohol.

Soweit meine erprobte Küchenpsychologie.

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