© Vassilis Karidis

Paris Haute Culture

Mode als Kunstwerk, bekannt als Haute Couture, gibt es nur in Paris. Wir blicken auf ihre reiche Geschichte und zeigen das Beste aus den neuen Kollektionen Von

ZEITmagazin Nr. 7/2016

Wenn in Paris die Schauen zur Haute Couture gezeigt werden, ist die Stadt ganz bei sich. Zwar stellen gerade mal 27 Modehäuser vor ausgesuchtem Publikum Kleider von höchster handwerklicher Kunstfertigkeit vor, und Mode wird längst auf der ganzen Welt gezeigt, in New York, Hongkong und London. Doch Haute Couture, Mode als Kunstwerk, gibt es nur in Paris. Der Stadt, deren Seele die Mode ist. Paris hat die Mode erfunden, weil Paris die Freiheit erfunden hat – erst mit der Abschaffung der feudalen Ordnung konnte die Kleiderwahl zu einer Frage des persönlichen Stils werden.

Wie keine andere Stadt der Welt ist Paris mit der Couture verbunden. Mode ist hier nicht nur eine Branche unter vielen. Wenn es der Couture gut geht, geht es der Stadt gut. Und wenn Paris Hoffnung schöpfen muss, schöpft sie diese aus der Mode. Kleidung wird hier nicht nur entworfen, sie wird gelebt. An ihr hängt ein riesiges Netzwerk aus Agenturen, Fotografen, Model-Bookern – und Nähern in unzähligen Ateliers. Um die Mode drehen sich die Gespräche der Stadt, sie gehört zum Selbstverständnis von Paris.

Niemand weiß, ob die handgefertigten Kleider sich wirklich rechnen oder nur eine teure Eitelkeit großer Modemarken sind. Doch darum geht es bei der Couture auch gar nicht. Vielmehr geht es um die Möglichkeit, sich durch Schönheit auszudrücken. Und um die Freiheit, sich das zu gestatten.

Einst war Kleidung nicht der Ausdruck von Stil, sondern von Stand. Der Sonnenkönig Ludwig XVI. engagierte einst die besten Handwerksmeister Europas, um seinen Hof mit dem gewünschten Pomp auszustatten. Damit begründete er die Tradition feinsten Kunsthandwerks von Nähern, Schuhmachern und Blütenstickern, die noch heute dafür Sorge tragen, dass die betörendsten Kleider aus Paris kommen. Schon zu Zeiten des Absolutismus war der französische Stil in Europa tonangebend.

Nachdem in Paris die königlichen Köpfe gerollt waren, übernahm das Bürgertum die Macht – und erlernte schnell die Kunst, sich schön zu kleiden. Statt auf den Stand kam es nun auf den Verstand an. Wer in den entscheidenden Kreisen verkehren wollte, musste verstehen, sich anzuziehen. Die Mode wurde zum Ausdruck des Bürgersinnes, und dazu gehörten auch das Essen, das Ausgehen – alle Bereiche der Selbstkultivierung. Die französische Lebensweise ist das Vorbild des europäischen Lebensstils.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Schneider, der individuelle Kleidung herstellte, vom Couturier abgelöst. Dieser fertigte nicht mehr ein Kleid für eine bestimmte Frau an, sondern entwarf verschiedene Modelle, die er seinen Kundinnen anbot. Somit war zweierlei geboren: die Modekollektion als Ausdruck des Zeitgeistes – und die Modenschau als gesellschaftlicher Anlass.

Fortan ließ die Art, wie man sich kleidet, Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Entwicklung zu, die Wahl der Garderobe sagte etwas über die politische Verortung. Ohne Freiheit und Demokratie wäre Mode heute undenkbar. Und Demokratie ohne Mode auch nicht (die Feinde der Freiheit – wie die Terroristen, die im November Paris angegriffen haben – sind eben auch Feinde der freien Kleiderwahl).

Mode und Gesellschaft haben sich in Paris schon immer gegenseitig beeinflusst: So feierte die Modeschöpferin Madeleine Vionnet vor dem Ersten Weltkrieg mit ihren luftig um den Körper geschneiderten Kleidern das natürliche Körperideal und machte so der Einschnürung der Frauen in ein Korsett ein Ende. Coco Chanel entdeckte dagegen für ihre Frauenkollektionen die Männerkleidung als Vorbild, denn Männerkleidung war die Kleidung der Macht.

Manch historischer Augenblick Frankreichs ist mit der Pariser Mode verbunden. So etwa der Circus Ball von Versailles am 1. Juli 1939. Der Ball war das letzte große gesellschaftliche Ereignis in Frankreich vor dem Krieg. Eine Vorahnung der schrecklichen Jahre, die kommen würden, lag längst in der Luft, aber das Land feierte sich in aller Pracht. Ein Kleid auf diesem Ball war besonders außergewöhnlich, es wurde von der brasilianischen Gesellschaftsdame Aimée de Heeren getragen und stammte aus dem Atelier des Couturiers Robert Piguet. Entworfen hatte es ein junger Designer namens Christian Dior. Frankreich versank bald in Blut, und Christian Dior zog in den Krieg. 1946 wurde er von dem Textilfabrikanten Marcel Boussac engagiert, um als Modeschöpfer die künstlerische Leitung für ein neu zu gründendes Haute-Couture-Haus in Paris zu übernehmen.

Dior schuf Mode, mit der er an die goldenen Zeiten erinnerte. Er erweckte den Stolz der Stadt wieder zum Leben. Diors Kleider waren nicht modern, sondern betont fraulich mit schmalen Taillen und weit schwingenden Röcken, er verordnete dazu Handschuhe und Wagenrad-Hüte. So schuf er eine Opulenz, die die kommenden großen Jahre der Pariser Mode vorwegnahm: durch den verschwenderischen Umgang mit Stoffen, die nach dem Krieg noch knappe Ressourcen waren. Nach der Blütenkelch-Linie schuf Dior die Bleistift-Linie, die H-Linie und die A-Linie. Damit hat er auch das hohe Tempo, die Atemlosigkeit der modernen Mode erfunden. Wer die Produkte der letzten Saison trägt, ist von gestern. Dior wurde zum Inbegriff des Couturiers, der im Mittelpunkt des Pariser Lebens stand und vorgab, woran sich die Damen der Stadt zu halten hatten. Auch das gehört zu Paris. Hier Freiheit und Gleichheit, da der Modefürst als Nachfolger des absolutistischen Herrschers – zumindest in der Welt des guten Geschmacks. Eine Tradition, die bis heute gepflegt wird: Mit Karl Lagerfeld, der bei den Haute-Couture-Schauen von Chanel mit Puderfrisur und Zopf auftritt und Hof hält.

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