Ich habe einen Traum Isobel Bowdery

"Ich stellte mir jedes einzelne Gesicht vor und flüsterte: Ich liebe dich"
ZEITmagazin Nr. 7/2016

Was ich am Abend des 13. November im Bataclan erlebt habe, ist ein real gewordener Albtraum. Darüber zu reden ist für mich immer noch sehr schmerzhaft. Andererseits hilft das Reden, weil sich das Geschehene dadurch besser einsortieren lässt.

Isobel Bowdery

22, ist gebürtige Britin, sie wuchs in Südafrika auf. Vergangenes Jahr zog sie zum Studieren nach Paris. Mit ihrem Freund war sie am 13. November im Konzertsaal Bataclan, wo islamistische Attentäter 89 Menschen töteten. Ihre Erlebnisse schilderte sie in einem Facebook-Post, der weltweit millionenfach gelesen und geteilt wurde

Wenn ich über den Abend spreche, konzentriere ich mich auf die sachlichen Informationen. Erst wenn ich allein bin, im Garten sitze oder am Strand spazieren gehe, sehe ich wieder die Bilder aus dem Konzertsaal vor mir. Die Toten, das Blut. Dann kommen mir die Tränen. Ich fühle mich hilflos, weil ich nichts tun konnte, um das Attentat zu verhindern. In diesem Bewusstsein lebe ich. Was bescheuert ist, denn eigentlich müsste ich doch einfach nur froh sein, überlebt zu haben. Therapeuten bezeichnen das als Überlebensschuld.

Seit dem Angriff habe ich manchmal Albträume. Ich sehe mich im Bataclan neben meinem Freund Amaury, im Traum sind auch Freunde und Verwandte dabei, ansonsten ist die Situation wie im November: Um uns herum wird geschossen, Menschen schreien und fallen zu Boden. Es ist grauenhaft.

Über meine Albträume spreche ich mit einer Psychologin, die auf die Behandlung traumatisierter Menschen spezialisiert ist. Natürlich könnte ich auch mit meiner Schwester und meinen Eltern darüber reden – auch sie helfen mir sehr, das Geschehene zu verarbeiten. Aber ich spüre, dass meine Geschichten sie überfordern. Sie suchen nach den richtigen Worten, aber welche Worte soll man für diesen Irrsinn denn finden? Es macht mich traurig, zu sehen, dass meine Erlebnisse auch sie so mitnehmen.

Als Amaury und ich den Angriff überlebt hatten, haben wir einen Pakt geschlossen: Wir werden so normal wie möglich weiterleben. Das sind wir den Opfern schuldig. Wir wollen uns im Alltag nicht einschränken lassen. Gleich nach den Anschlägen sind wir erst mal nach Südafrika geflogen, ich wollte bei meiner Familie und meinen Freunden sein. Zwei Monate sind wir nun schon hier, in ein paar Wochen geht es zurück nach Paris, dort werde ich mein Studium fortsetzen.

Auf einem Konzert bin ich seit jenem Abend nicht mehr gewesen. Auf den Tag genau einen Monat danach habe ich es versucht: Amaury und ich wollten in einen Club gehen, aber dann bekam ich eine Panikattacke, und wir kehrten um. Jetzt habe ich Karten für ein Konzert von Mumford & Sons. Keine Ahnung, ob ich es diesmal schaffe. Ich hoffe es.

Wenn es einen Traum gibt, den man nach einem solchen Erlebnis haben kann, dann geht er so: Die Menschen auf der Welt orientieren sich mehr an der Liebe als am Hass. Das waren auch meine Gedanken, als ich im Bataclan auf dem Boden lag und mich tot stellte. Ich dachte an all die Menschen, die mir etwas bedeuteten. Ich stellte mir jedes einzelne Gesicht vor und flüsterte: Ich liebe dich. So wurde das Ausharren erträglicher. Um mich herum war der Horror, mein Körper war im Schock erstarrt. Aber mein Herz war von Liebe erfüllt.

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Kommentare

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Überleben ist manchmal schwer.
Weiterleben ist ein Signal an die Welt da draussen.
Ich lebe, das Böse ist unfähig, alle zu töten.
Ihr da draussen: Lebt weiter, das Böse kann Euch nicht alle holen.
Lebt, lacht, liebt!
Lebt das Gute.
Lacht dem Bösen ins Gesicht.
Liebt einander.

Danke für diesen sehr schönen Bericht.
Ich wünsche Isobel, dass sie die Dämonen besiegen und wieder leben kann.