Laetitia Casta "Ich ernähre mich von Schönheit"

© Collier Schorr

Sie lebt seit Langem in Paris, für viele ist sie das Gesicht Frankreichs. Ein Gespräch mit Laetitia Casta über ihre Heimat und ihre Regiekarriere nach 20 Jahren Mode. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 7/2016

ZEITmagazin: Frau Casta, Sie sind eines der bekanntesten Models Frankreichs, aber auch eine Art nationale Ikone, seitdem Sie 1999 zum Modell für die Marianne gewählt worden sind.

Laetitia Casta: Ja, ich war stolz, sie verkörpern zu dürfen. Die Marianne ist das Symbol der Revolution, sie kämpft für die Freiheit. Ich war stolz, Französin zu sein. Und ich fühle mich seitdem mehr verantwortlich für das, was ich tue und sage.

ZEITmagazin: Sie waren damals erst 21 Jahre alt. Die jüngste Marianne, die es je gab. Eine Büste nach Ihrem Konterfei stand in jedem Rathaus.

Casta: Das machte mich sehr verlegen. Ich konnte nicht verstehen, warum all die Leute mich wollten. Aber dann merkte ich, dass ich plötzlich nach meiner Meinung gefragt wurde. Und dann nahm ich meine Rolle sehr ernst.

ZEITmagazin: Sprechen Sie immer noch für Frankreich?

Casta: Nein, ich spreche für mich.

ZEITmagazin: Sie leben in der Stadt, die für die ganze Welt Frankreich repräsentiert. Seit wann wohnen Sie in Paris?

Casta: Ich kann gar nicht genau sagen, seit wann ich wirklich hier lebe. Ich bin so viel gereist. Ich bin vor allem wegen meiner Familie in Paris. Ich bin überall gern.

ZEITmagazin: Welche Orte mögen Sie in der Stadt?

Casta: Ich liebe das Musée Rodin, mehr noch den Skulpturengarten. Und die Cathédrale Notre-Dame. Nicht weil ich religiös bin, ich liebe Schönheit.

ZEITmagazin: Und welche Orte meiden Sie?

Casta: Keine. Aber jeden Aufzug. Ich habe Platzangst.

ZEITmagazin: Wir treffen uns für dieses Interview in einer traditionellen Brasserie. Besuchen Sie solche Orte nun mit einem anderen Gefühl als vor den Attentaten im November?

Casta: Ja, niemand wird das je vergessen. Die Anschläge gehören nun zur französischen Geschichte. Es ist so schrecklich, was passiert ist, wie könnte man weiterleben wie vorher? Wenn ich daran denke, kommt mir alles so vor wie der 11. September in New York. Als ob sich die Geschichte wiederholen würde. Es gibt eine Zeit davor und eine ganz andere Zeit danach.

ZEITmagazin: Was haben Sie an diesem Tag gemacht?

Casta: Ich war nicht in Paris, ich war in Portugal. Ich schaute mir gerade einen Schwarz-Weiß-Film mit Warren Beatty an, als man mich anrief und erzählte, was passiert ist. Ich versuchte, Freunde und Familie zu erreichen. Meine Kinder waren in Paris. Ich war schockiert von der Brutalität. Ich schaute die ganze Nacht Nachrichten und suchte nach einer Antwort. Aber es gab keine.

ZEITmagazin: Haben die Anschläge Paris verändert?

Casta: Ja. Es begann mit Charlie Hebdo. Aber das war anders, das berührte damals nicht alle, sondern vor allem intellektuelle Kreise, es ging um die Freiheit des Wortes. Am 13. November waren alle betroffen. Jeder hätte dort sein können. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der betroffen ist. Es hat die Menschen wieder zueinandergebracht. Nun fühlen sie, dass sie zusammengehören. Ich liebe Paris jetzt mehr als je zuvor.

ZEITmagazin: Haben Sie Angst?

Casta: Ja. Ich fürchte, es wird wieder passieren, es ist wie Krieg.

ZEITmagazin: Hat sich etwas für Sie geändert?

Casta: Als ich ein Kind war, guckte ich Fernsehen – aber alles schien mir so weit weg zu sein. Heute ist das anders: Meine Kinder reden über die Anschläge in der Schule, und sie reden mit mir darüber, die Anschläge sind Teil ihres Lebens. Ich frage mich, wie soll das weitergehen? In welcher Zukunft werden meine Kinder wohl leben?

ZEITmagazin: Sind Sie ein politischer Mensch?

Casta: Nicht im herkömmlichen Sinne. Ich gehe nicht in Talkshows, um über solche Dinge zu reden. Ich will etwas beitragen. Zum Beispiel drehe ich gerade einen Film für das französische Fernsehen. Er handelt von einer Schule in einem Problembezirk mit Migrantenkindern, deren Eltern meist arbeitslos sind. Dort herrschen schlimme Zustände, oft werden sogar Lehrer zusammengeschlagen.

ZEITmagazin: Warum haben Sie eine Schule als Schauplatz gewählt?

Casta: Weil sie für mich Frankreich repräsentiert. Diese Kinder sind Frankreichs Zukunft. Was wird aus ihnen, was werden wir für sie tun?

ZEITmagazin: Was denken Sie?

Casta: In meinem Film zeige ich ein Beispiel. Sie bekommen von der Pariser Oper Instrumente geliehen. Sie spielen Beethoven auf der Violine.

ZEITmagazin: Sehen Sie darin einen Weg, die französische Gesellschaft wieder zusammenzuführen, im gemeinsamen Spiel?

Casta: Wir sollten mehr Möglichkeiten für diese Kinder schaffen. Wir sollten ihnen Zugang zur Kunst verschaffen. Vor allem sollten wir sie mehr beachten, sie wahrnehmen. Wenn jemand das Gefühl hat, dass er wahrgenommen wird, kann das sein Leben verändern.

ZEITmagazin: Warum sind die Gräben in der französischen Gesellschaft so tief geworden?

Casta: Ich glaube, es liegt an der Form des Kapitalismus. Es geht nur noch um Geld, wirtschaftliches Wachstum und Karriere. Ich glaube, dass sich Barack Obama in den USA mehr um den sozialen Zusammenhalt bemüht. Ich finde, dass auch Deutschland das besser macht. Die Deutschen haben die Flüchtlinge ins Land und sogar in ihre Häuser gelassen. Ich hatte in letzter Zeit nicht viel Grund, stolz auf Frankreich zu sein.

ZEITmagazin: Was stört Sie?

Casta: Frankreich will für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stehen. Aber Frankreich verschließt sich, die Menschen haben Angst. Und deshalb werden sie kleingeistig. Es wird viel darüber geredet, wer Franzose ist und wer nicht. Aber es ist doch eher die Frage: Was ist Frankreich?

ZEITmagazin: Was ist Frankreich für Sie?

Casta: Für mich bedeutet Frankreich Meinungsfreiheit. Frankreich war früher eher linksliberal, wir waren bereit, die Freiheit zu verteidigen. Das ist vorbei. Sogar auf Korsika, woher ich stamme. Dort haben ein paar Jugendliche, einige von ihnen Muslime, einen Notruf ausgelöst und anschließend die Feuerwehr mit Steinen beworfen. Sie wurden von Korsika verbannt, und eine Moschee wurde verwüstet. Das war so widerwärtig. So etwas wäre früher vielleicht in Pariser Vororten passiert. Aber nicht auf einer Insel. Dort hielten die Leute früher zusammen.

ZEITmagazin: An einem Strand auf Korsika wurden Sie mit 15 Jahren entdeckt. Wollten Sie damals eigentlich Model werden?

Casta: Nein, aber mit 14 Jahren wollte ich mein Leben in die eigenen Hände nehmen. Ich sehnte mich nach neuen Erfahrungen. Diese Sehnsucht spüre ich immer noch: Ich sehe meinen Job nicht als Job, eher als Lebensexperiment. Ich bin dankbar dafür. Früher hatte ich große Schwierigkeiten, mich auszudrücken, ich war zu schüchtern. Ich war als Kind melancholisch und einsam. Die Mode, die Bilder – die künstlerische Welt hat mein Leben gerettet.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"... die Menschen haben Angst. Und deshalb werden sie kleingeistig. ... war früher eher linksliberal, wir waren bereit, die Freiheit zu verteidigen."

Beim Lesen fällt mir wieder ein, warum ich es immer vorgezogen habe, mich als Westeuropäer und nicht als "Deutscher" zu sehen. Ob in den Sätzen jetzt "Frankreich" steht oder "Deutschland" - was spielt es für eine Rolle? Es sind meine europäischen "Werte", die ich in vielen ihrer eher persönlichen Sätze entdecke. Merci, Mme. Casta.

Und: Wie wäre es mit einer neuen Büste? Diesmal nicht mehr als Marianne, sondern als Europa?