Modedesigner Rebellion mit Reflexion

© Bertrand le Pluard

Wer sind die Pariser Designer, die bald die Mode prägen werden? Von

ZEITmagazin Nr. 7/2016

Christelle Kocher

Im Oktober 2015 zeigte Christelle Kocher ihre Mode in der Metro-Station Les Halles, einem der wohl ungastlichsten Orte der Stadt. Es kamen Reporter der amerikanischen Vogue und von Women’s Wear Daily, und Topmodels wie Molly Bair und Lineisy Montero präsentierten die Entwürfe. Zuschauen konnte der Guerilla-Show jeder, der gerade vorbeikam. Als Rebellin sieht sich Kocher trotzdem nicht: "Rebellion ohne Reflexion hat keinen Sinn", sagt sie. "Ich bin kein Teenager mehr. Ich bin bloß Teil einer Generation, die das hierarchische System der Modewelt infrage stellt."

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Christelle Kocher kommt aus der Straßburger Banlieue. Sie arbeitete unter anderem für Sonia Rykiel, Dries Van Noten und Bottega Veneta, seit 2010 ist sie Kreativchefin der Maison Lemarié, einer Traditionsmanufaktur für Federn und Seidenblüten, die auch das Haute-Couture-Atelier von Chanel beliefert. In den Entwürfen ihres 2014 nebenher gegründeten Labels Koché trifft Schneiderkunst auf verwilderte Lässigkeit. Kocher kombiniert weiße Rüschenblusen mit grasgrünen Lederhosen und rosa Spitzennegligés mit weiten Männerjeans. "Couture to wear" nennt sie ihre Mode. Sie vereint die Ateliertradition mit der Straßenkultur der Herumhänger. Kochers Mode öffnet die Grenzen zwischen dem Oben und dem Unten von Paris.

Vanessa Seward

Vanessa Seward wurde in Buenos Aires geboren, wuchs in London auf und kam als Zwölfjährige nach Paris. Heute, 34 Jahre später, sieht sie aus wie eine Französin aus dem Bilderbuch: glänzendes Haar, Netzstrumpfhose, burgunderfarbener Rock. "Ich mache Mode für Fußgängerinnen", sagt sie, "für Frauen, die sich wohlfühlen und gut aussehen wollen, ohne albern zu wirken." Seward findet, dass Frauen in weißen Hosenanzügen gut aussehen, in Trenchcoats aus dunkelblauem Denim, in Hemdblusenkleidern und in Pullovern mit Volants am Rollkragen. Eine ihrer beiden Boutiquen liegt in einer Seitenstraße der Rue de Rivoli. Im Sommer wird sie ein drittes Geschäft in Los Angeles eröffnen.

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Seward hat im Atelier von Chanel gearbeitet, bei Yves Saint Laurent und als Kreativchefin bei Azzaro, sie hat auch eine Kollektion für A.P.C. gemacht. Seit vergangenem Jahr führt sie ihr eigenes Label. Vanessa Sewards Kleider sind keine Trendstücke, sondern Kleider, in denen man morgens ins Büro und abends zum Rendezvous gehen kann. Manche erinnern an Entwürfe Yves Saint Laurents in den siebziger Jahren. "Warum sollen Kleider immer total neu und verrückt sein? Ich glaube nicht an die Möglichkeit der modischen Verwandlung in diese oder jene Kreatur. Ein Kleid sollte nie die Frau überstrahlen, die es trägt."

Johanna Senyk

Das Label der Designerin Johanna Senyk heißt Wanda Nylon. Der Name Wanda ist eine Anspielung auf ihre polnischen Wurzeln, Nylon ist eines ihrer Lieblingsmaterialien. Bei ihrer jüngsten Show zeigte sie schwarze PVC-Overalls mit Trenchcoat-Elementen, überlange Kapuzenpullover mit Aussparungen an den Schultern, Sport-BHs aus Vinyl und transparente Regenmäntel. "Meine Kleider sind nichts für das typische Pariser Mädchen, das mit einem Zahnarzt verheiratet ist und in Saint-Germain-des-Prés in einer Altbauwohnung wohnt", sagt Senyk. Dieses Milieu langweile sie.

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Johanna Senyk kam als 17-Jährige nach Paris. Sie assistierte zunächst beim Casting für die Shows von Givenchy, später suchte sie freiberuflich Models für Häuser wie The Row und J. W. Anderson aus. Ihr eigenes Label gründete sie 2012. Das Entwerfen hat sie sich von anderen abgeschaut und selbst beigebracht. So antielitär ihre Mode auch sein mag: Die großen Pariser Modehäuser bewundert sie dennoch. "Als ich nach Paris kam, lernte ich jemanden kennen, der in der Druckerei arbeitete, wo die Einladungskarten für die großen Modenschauen gedruckt wurden. Wir druckten heimlich ein paar Karten mehr und schlichen uns dann überall rein. Ich war bei Dior, bei Givenchy – es war unglaublich!"

Rabih Kayrouz

Das Atelier von Rabih Kayrouz am Boulevard Raspail war früher ein Theater. Das Stück Warten auf Godot von Samuel Beckett wurde hier uraufgeführt. Rabih Kayrouz verbindet architektonische Präzision mit orientalischer Sinnlichkeit. Ein von ihm entworfener dunkelblauer Mantel aus Wolle ist an den Seiten geschlitzt – wenn sich die Frau darin bewegt, umweht sie der Mantel wie ein Cape. Zehn Jahre lang hatte er in Beirut maßgeschneiderte Mode für die libanesische Oberschicht gemacht. "Aber eigentlich wollte ich immer Sachen entwerfen, die auch tatsächlich getragen werden, nicht nur Roben für besondere Anlässe."

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Der Libanon ist seit der Kolonialzeit eng mit der französischen Kultur verbunden. Auch der junge Rabih fühlte sich früh von Frankreich angezogen. "Mit zwölf habe ich entschieden, dass ich Modedesigner werden will", erzählt er, "und es war klar, dass ich dafür einmal nach Paris ziehen würde." Anfang der neunziger Jahre studierte er dann Modedesign in der französischen Hauptstadt. Als der libanesische Bürgerkrieg zu Ende war, ging er zurück nach Beirut, um dort ein Schneideratelier zu gründen. Erst 2009 zog er zurück nach Paris, bis heute pendelt er zwischen den Städten. Vor einem Jahr lud er erstmals zur Präsentation in sein Atelier. Das ehemalige Theater wird wohl noch mehr bedeutende Premieren sehen.

Amélie Pichard

"Ich liebe Klischees", sagt Amélie Pichard einen Tag nach der Präsentation ihrer neuen Schuh-Kollektion, die sie gemeinsam mit Pamela Anderson entworfen hat: rote Kunstleder-Pantoletten, High Heels aus Jeans-Patchwork und Plexiglas, Plateau-Badelatschen mit "Pamela"-Schriftzug. Amélie Pichard stammt aus Chartres, sie gründete ihr Label 2011. "Ich bin das Mädchen vom Land. Meine Familie ist sehr einfach." Amélie Pichard, die bei dem orthopädischen Schuhmacher Eric Lomain ihr Handwerk lernte, liebt alles, was dem ästhetischen Konsens widerspricht: klobige Sohlen, bunt gefärbtes Fake-Krokodilleder, High Heels mit plüschigem Fellbezug – und eben Pamela Anderson. Immer wieder bezieht sie sich auf die amerikanische Popkultur.

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Amélie Pichard befeuert und ironisiert mit ihrem Design traditionelle Frauenbilder. Sie mixt Nostalgisches mit schräger Moderne. In namhaften Läden wie Colette und Opening Ceremony ist sie schon vertreten. Richtig geheuer ist ihr der Hype nicht. "Die Industrie verlangt jede Saison nach etwas Neuem", sagt Amélie Pichard. "Aber das will ich gar nicht – mich jede Saison neu erfinden. Ich möchte etwas schaffen, das man nur mit Amélie Pichard verbindet, etwas Zeitloses." Vielleicht ist sie da ja dank Pamela Anderson auf dem richtigen Weg.

1 Kommentar

Frankmreich ist ein zivilisiertes Land. Da werden keine Mädchen verheiratet. Deshalb ist der Satz "Meine Kleider sind nichts für das typische Pariser Mädchen, das mit einem Zahnarzt verheiratet ist und in Saint-Germain-des-Prés in einer Altbauwohnung wohnt" idiotisch.

Offensichtlich weiß Beermann nicht, was Nylon ist, nämlich ein Polyamid. Sie faselt von "Vinyl", obwohl sie anscheinend PVC, also Polyvinylchlorid meint. Es ist peinlich, Fachbegriffe zu verwenden, die man nicht versteht.

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