Nur wenige Tage nach den Anschlägen im November 2015 : Eine Frau weint angesichts der Blumen, Zeichnungen und Kerzen, die zum Gedenken an die Opfer der Attentate aufgestellt wurden. © Lionel Bonaventure / Getty

Paris Die verletzte Stadt

Unsere Autorin erinnert sich an den Tag, an dem sich Paris verwandelt hat. Ihr Leben nimmt seitdem neue Wege. Von

ZEITmagazin Nr. 7/2016

"Was machst du? Wo bist du? Die Kinder? Fabrice? Schießereien in ganz Paris: scheiße!" Es war ein kurzes Gespräch am Handy. Wie alle Pariser werde ich mich für immer an diesen Freitagabend erinnern, an den 13. November.

Wie so oft ging ich mit Freunden aus, etwas trinken. Wir entschieden uns für eine Bar in einem alten Hotel, dem Regina. Es war ungefähr halb zehn abends. Wir hatten uns vorher Dutzende SMS geschickt, um einen Treffpunkt auszumachen. Das Flore? Zu spießig, zu touristisch. Das Costes? Zu bling-bling.

Wie üblich war ich die Anspruchsvollste von uns allen. Ich hatte die Hotelbar vorgeschlagen. Ich finde, dass diese Bars immer so gemütlich sind. Wir führten ein Gespräch, wie es Pariserinnen in den Vierzigern halt so führen. Wir sind mondän, aber nicht zu mondän, immer auf dem Laufenden, aber zu faul, um uns nach draußen zu begeben. Wir waren nicht bereit, einfach ins Café um die Ecke zu gehen. Wir wollten aber auch nicht dorthin, wo die Musik spielt. Ohne wirklich zu wissen, wer oder was die Ausgeh-Orte und die Pariser Sitten diktiert, liebe ich es, diese Gesetze zu missachten. Oder eher – vorzugeben, dass ich die Gesetze breche: Ich verweise auf meine Liebe für die längst vergessenen Orte der Stadt, die angesagten Hotspots verschmähe ich. Über dem Getümmel schweben oder danebenstehen: Das ist meine Fasson, so lebe ich als Pariserin.

Die Holzmöbel, der altmodische Charme, die Besucher, die weder jung noch modisch sind: Das Hotel Regina ist wie für mich gemacht. Es liegt im Zentrum, im 1. Arrondissement, paradoxerweise aber weit weg von der Hektik der Stadt. Ein Ort wie aus den Romanen von Marcel Proust, ganz provinziell. Mit einer Portion Humor weiß man ihn zu schätzen.

Marie-Pierre Lannelongue

46, ist Chefredakteurin von M, dem wöchentlichen Magazin der Tageszeitung Le Monde. Sie lebt seit 25 Jahren in Paris. Gemeinsam mit M hat das ZEITmagazin vor drei Jahren eine deutsch-französische Ausgabe veröffentlicht

Wenn man mich nach all meinen Lieblingsadressen in Paris fragen würde, ich würde sie ohne Zögern teilen. Ich wäre dann sehr stolz, nicht das Flore zu nennen, so wie alle anderen. In den letzten Jahren wurden die Notizhefte der Pariser mit Geheimtipps und Empfehlungen zu einem eigenen literarischen Genre. Inès de la Fréssange oder Caroline de Maigret, zwei ehemalige Models, haben Bestseller geschrieben. Ihre Gebrauchsanweisungen erklären Frauen aus aller Welt, wie man eine Chanel-Weste zu ausgewaschenen Jeans trägt. Sie ermutigen die Frauen, eine Überquerung der Seine zu wagen, um einen Kaffee auf der anderen Seite zu trinken. Drüben im Flore. Verrückt! Mutig! Originell!

Ja, ich mache mich darüber lustig, und ich bin verärgert über das Bild, das diese Pariserinnen von ihrer Stadt zeichnen, dieses Postkartenbild. Mir liegt das nicht. "Wenn es darum geht, das Café Flore zu empfehlen, das könnte sogar eine deutsche Touristin übernehmen", verspotte ich sie und ziehe einen verächtlichen Schmollmund. Ein bisschen versnobt bin ich auch. Sogar noch versnobter als die Kunden des Flore. Weil ich ins Regina gehe, ein Insider-Tipp.

Am besagten Freitagabend, als das Gespräch schon dieses gewisse Stadium der Leere und Sinnlosigkeit erreicht hatte, kam der Anruf. Es war, als würde er mich in zwei Hälften teilen. Einen Teil für das Leben davor und einen Teil für das Leben danach.

Eine Menge Leute hatte geahnt, dass so etwas passieren würde. Einige Tage nach dem Attentat auf Charlie Hebdo am 7. Januar gab es diese riesige Kundgebung, bei der viele von uns – nicht alle – auf die Straße gegangen sind und die Marseillaise gesungen haben; wir waren erstaunt, die Wörter auswendig zu kennen. Wir haben gefühlt, dass es nicht vorbei war. Wir wussten, dass dies nur der Anfang sein konnte.

Eine Woche nach der Kundgebung, exakt um die gleiche Zeit, schrieb mir eine Freundin, die mit im Regina war, eine E-Mail: "Ich sehe vor meinen Augen Dein Grinsen und Deine zitternde Stirn." So sieht es also aus, wenn man sich zweiteilt.

Schnell sind wir an jenem Abend wieder nach Hause gefahren. Es war noch sehr früh. Wir waren ja weit weg vom Epizentrum des Erdbebens. Ein Teil der Stadt wusste noch gar nicht, was da gerade passiert war. Der Taxifahrer schaltete das Radio an. Als ich zu Hause ankam, verkündete das Fernsehen eine Geiselnahme im Bataclan. Per SMS erfuhr ich, dass ein Freund in einer Bar eingeschlossen war, nicht weit von der Konzerthalle, die Menschen hatten sich dort in Sicherheit gebracht. Ich höre aber jetzt auf. Ich bin eine der Privilegierten, die in dieser schrecklichen Nacht keine Angehörigen verloren haben.

Fast alle Bewohner der Stadt haben an diesem Drama irgendwie teilgenommen. Ein Journalist von Le Monde wurde schwer verletzt, als er jemandem bei der Flucht aus dem Bataclan half, er wohnt in der Straße nebenan. Die Freundin einer Freundin wurde auf der Rue de Charonne getötet. Ich hatte sie eine Woche vorher kurz kennengelernt, auf einer Kostümparty. Sie und ihr Mann waren beide als Dracula verkleidet.

Ich war noch nie auf einem Konzert im Bataclan, das bereue ich bitter. Ich werde hingehen, wenn es wieder öffnet. Ich war aber schon mal im Carillon. Ich kenne das Viertel im 11. Arrondissement gut. Ich habe unweit der Rue de la Fontaine de Roi gewohnt, dort wurde eine Bar angegriffen. Viele meiner Freunde leben dort, auch die meisten meiner Kollegen.

Mein Standesdünkel besteht darin, dass ich am linken Ufer lebe, aber ich fahre immer wieder ans rechte Ufer. Das bringt mich ins Gleichgewicht: in einer ruhigen, bourgeoisen Gegend wohnen und in den bohemehaften, alternativen, volkstümlichen Vierteln ausgehen. Es ist nicht mein Zuhause, aber ich bin am richtigen Ort. In einem alten arabischen Café, einer alternativen Bar, einer neuen Location, wo bärtige Kerle jungen Mädchen in Jeans mit hoher Taille Cocktails servieren. Die Straßen und Plätze bilden dort eine nette Unordnung, es ist ein Paris der Träume: Reiche und Arme, Juden und Araber, Junge und Alte, Migranten und Hipster. Auch das schätzen die Touristen, das Viertel ist längst ein Postkartenklischee wie das Flore.

Wie die meisten Pariser bin ich in der südfranzösischen Provinz, in Toulouse, geboren. Ich bin dann nach Paris aufgestiegen. Ich war 22 oder 23, in einem Alter, in dem man sein Leben gestalten will. Es gibt Tausende jedes Jahr, die wie ich nach Paris ziehen. Sie lernen, wie die Stadt funktioniert.

Das Café de Flore kennt jeder Pariser, früher oder später. © Ludovic Marin / Getty

Zunächst passieren sie ein wenig erstaunt das Flore. Es ist so, als stünden sie an Weihnachten als kleine Kinder vor dem Schaufenster eines großen Ladens. Sie gehen am Ende nicht rein, vielleicht bestellen sie sich auf der Terrasse so nonchalant wie möglich einen Kaffee. Nach einigen Monaten tun sie keinen Schritt mehr dorthin, denn die Farben der Postkarte erscheinen ihnen nun zu grell. Sie gewöhnen sich an ihr Leben auf der anderen Seite der Seine, in all diesen Vierteln im Osten von Paris, wo die Atmosphäre lockerer ist.

Am Anfang erscheint die Stadt so groß, am Ende wird einem klar, dass sie sehr klein ist. Meistens braucht man nicht länger als 20 Minuten mit der Metro, um vom einen Universum ins andere zu reisen. Man entdeckt dann, dass die Viertel eigentlich Dörfer sind, man findet schnell etwas Provinzielles wieder. Paris ist keine dramatische Stadt, im angelsächsischen Sinne. Sie ist leicht. Sehr weich im Kern.

Seit dem 13. November bin ich kaum noch in den Osten von Paris zurückgekehrt. Wie viele andere auch laufe ich Umwege, um die Blumen, die Kerzen, die Zeichnungen nicht sehen zu müssen. Die Zeichnungen verblassen und liegen verwaschen vor den Tatorten. Ich weiß nicht, warum ich diese Umwege mache. Bestimmt habe ich Angst vor meinen Gefühlen und vor den Gefühlen der anderen, die tatsächlich jemanden verloren haben. Oder ich habe Angst, dass ich, die ja nicht direkt betroffen ist, die anderen in ihrem Schmerz stören würde.

Komisch ist: Das ist alles so nah, und trotzdem fühle ich mich sehr weit davon entfernt. Ich will vielleicht nicht sehen, was sich verändert hat. Ich will die Wunden der Stadt und ihrer Bewohner nicht wieder aufreißen. Wenn man die Ereignisse im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung darüber gelesen hat, grübelt man wohl mehr über sie nach, als wenn man direkt betroffen war.

Das Militär ist überall, vor allem in meiner Straße, weil ich neben der großen Moschee von Paris lebe. Die Präsenz der Soldaten erinnert mich daran, dass sich alles verändert hat. Ich denke daran, wenn ich meine Augen nach oben richte und an den Fenstern viele Frankreichfahnen sehe. Sie hängen da seit dem Nationaltrauertag für die Opfer. Wie die Marseillaise bei der Kundgebung im Januar 2015 lassen mich diese Fahnen etwas erstaunt zurück. Dieser Patriotismus, das sind nicht wir, das ist nicht Paris, das ist nicht meine Stadt. Auch von den Albträumen habe ich genug. Ich habe sehr oft von Attentaten und Geiselnahmen geträumt. Ich kann mich nie an Details erinnern.

Ich bin nicht an den Ort zurückgekehrt, an dem ich mich zweigeteilt habe, in die Bar des Hotels Regina. Da will ich noch weniger hin als ins 11. Arrondissement. Es geht nicht darum, dass es mich an das Schlimme erinnert, im Gegenteil: Es wären gedämpfte, geschützte, läppische Erinnerungen. Wir waren so weit vom Bataclan, so weit von der Rue de la Fontaine au Roi entfernt. An diesem Abend hörten wir nicht die Geräusche des Schmerzes und des Entsetzens.

Viele Attentäter waren junge Franzosen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Eindruck, dass sie Paris nicht kannten. Sie sind in der Banlieue aufgewachsen, im Unglück. Sie waren so weit weg. Im wahrsten Sinne abgeschlagen. Die Milde und die Leichtigkeit waren ihnen wirklich fremd.

Übersetzt von Mohamed Amjahid

Kommentare

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Liebe ZEIT: Wenn Sie mal wieder jemanden brauchen, der Ihnen französische Texte ins Deutsche übersetzt - dann wenden Sie sich doch einfach vertrauensvoll an mich ;-). Dann braucht man als Leser nicht länger Adressen teilen. Und muss auch nicht unbedingt nach Paris "aufsteigen" wie der Heilige Geist.....

Und à l'attention de Madame Lannelongue: Es ist keineswegs so, dass die meisten Pariser in der südfranzösischen Provinz geboren wurden. Wer hat Ihnen denn das erzählt?

Für mich als weniger mondäner Pariser teilt sich die Zeit in Paris nicht in ein vor und nach dem 13.11.
Ich bin seitdem in den "Ligue des droits de l'homme" eingetreten, die einsame Stimme der Vernunft in der allgemeinen Hysterie, sonst hat sich in meinem Leben nicht viel verändert.
Hat sich das Leben der Deutschen verändert, als ein depressiver Pilot etwa gleich viel Menschen ermordete?

Auch ich lebe seit 14 Jahren schon in Paris, habe mir als Deutscher die Stadt zur Wahl-Heimat gemacht. Ein Titel wie « Paris - Die verletzte Stadt » macht also neugierig, umso mehr als dass für den nicht direkt Betroffenen das Leben doch recht schnell wie gewohnt weiterging. Ja, es gibt nervige Taschenkontrollen selbst in kleinen Läden. Das war’s aber auch. Vor allem hat eigentlich kaum jemand Zeit zum verletzt-sein. La vie se passe vite, der Alltag ist teuer, das Arbeitsleben für viele aufreibend und hart umkämpft. Im rapiden Internet-Zeitalter und in einer multikulturellen Großstadt vielleicht noch mehr ? Ich kann’s nicht sicher sagen.

Also suche ich in Marie-Pierre Lannelongue’s Artikel nach der « verletzten Stadt » und den erwähnten neuen Wegen der Autorin. Aber schon nach einigen Zeilen wird klar : Aha, « la Parisienne ». Ein Zeitvertreib, bei dem aus Entscheidungen, ob man heute « rive droite » oder « rive gauche » ausgeht, zum Drama mit Stil werden. « Über dem Getümmel schweben oder danebenstehen », die permanente Small-Talk-Mademoiselle, Touristin im Dekor schöner Läden, die angesagte Hotspots vermeidet, aber « Locations, wo bärtige Kerle jungen Mädchen in Jeans mit hoher Taille Cocktails servieren » aussucht und sich dort schick fühlt. Die JETZT bereut, nie im Bataclan gewesen zu sein. Uuuaaargh… das ist so ziemlich genau das Paris, das manche Leute aus den Banlieues regelrecht hassen…

WER ist da eigentlich verletzt ? Die Autorin schonmal nicht. Interessanter wäre