Stilkolumne Leicht zu durchschauen

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 7/2016

Kleidung soll nicht immer verhüllen. Manche Kleidungsstücke scheinen den Körper mehr zur Geltung zu bringen, als wenn man nackt wäre. In der Mode gilt zurzeit ein Transparenzgebot: Bei Givenchy, Valentino, Balenciaga, Akris oder Céline etwa tauchen Kleider, Blusen und Röcke auf, die aus feinem Chiffon und durchscheinender Spitze gefertigt sind. So zeigt man beim Tragen nicht nur die jeweilige Modemarke in der Öffentlichkeit, sondern auch die eigene Haut.

Früher verwies Transparenz allein auf Sexiness. Wenn eine Frau oder ein Mann sich in durchsichtigen Kleidungsstücken zeigte, unterstellte man sexuelle Freizügigkeit: Hier möchte sich jemand als erotischen Leckerbissen präsentieren – oder warum sonst würde man so etwas tragen? Transparente Stoffe konnte man denn auch nur als Nachtwäsche beim Erotikversand bestellen, anderswo waren sie kaum zu bekommen.

Die aktuelle Transparenzmode hat dagegen nur noch wenig mit sexuellen Verlockungen zu tun. Wer ein durchscheinendes schwarzes Kleid von Valentino anzieht, will sich nicht anbieten. Solche Mode zeigt, wie sich die Rolle des Körpers verändert hat: Nackte Haut wird präsentiert, nicht mehr versteckt. Davon erzählt auch die stetig wachsende Menge von Tattoos, die sich Menschen stechen lassen. Waren sie einst Zeichen von Exzentrik, gehören sie mittlerweile zum Mainstream. Wo Haut zum Kapital wird, verändert sich auch die Rolle der Kleidung. Einst hatte sie die Funktion, dem Körper zu schmeicheln. Heute soll sie ihn in Szene setzen. Wie in die Mode investiert man heute in Gesundheit und Fitness. Man möchte nicht mehr nur perfekt erscheinen, man möchte perfekt sein. Wer sich einen solchen Körper erarbeitet hat, der präsentiert ihn wie ein Statussymbol – in einer Mode, die möglichst wenig davon ablenkt. Man könnte dies nudistische Mode nennen.

Den Begriff gab es schon Ende des 18. Jahrhunderts. Damals ersetzten Frauen Reifrock und Korsett durch Kleidung, die sich an die natürlichen Körperformen schmiegte und die Haut durchschimmern ließ. So befreite man sich von einem Kleidungsdiktat, das den Körper in künstliche Formen presste. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte die Modeschöpferin Madeleine Vionnet dann Transparenz auf besonders edle Weise um: Sie nutzte durchscheinende Stoffe, um elegante Abendkleider zu entwerfen. Heute verlangt die nudistische Mode erst einmal die Disziplin, den Körper in Form zu bringen.

Foto: Transparentes Kleid von Valentino

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