Marlene Dietrich The Dietrich

Drei Jahre lang sang Marlene Dietrich für amerikanische Soldaten. Wie hat die Zeit an der Front sie verändert? Von
ZEITmagazin Nr. 8/2016

 Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Als der Krieg zu Ende war, setzte sich Marlene Dietrich in ein überfülltes Militärflugzeug voller amerikanischer Soldaten und flog nach Hause. Im Flugzeug war es still; die deutsche Passagierin mit dem amerikanischen Pass stellte fest, dass die Soldaten sich nichts zu sagen hatten, obwohl sie den Krieg gewonnen hatten. Sie waren vollkommen erschöpft. Und als das Flugzeug in New York landete, wurde ihr klar, dass sie gar nicht wusste, wo das denn sein soll: zu Hause.

Am Flughafen La Guardia wurde sie grußlos durchsucht wie jeder einfache Soldat, sie hatte kein Geld, schaffte es aber, sich zu ihrem Lieblingshotel in Manhattan durchzuschlagen. Sie nahm das erste Bad seit langer Zeit, legte sich ins Bett und schlief nicht ein. Wenn sie irgendwo verwurzelt war, so dachte sie sich, dann dort, wo sie gerade herkam: mitten im europäischen Krieg.

Sie ist der einzige Weltstar, den Deutschland je hatte, und wo fühlt sie sich geborgen? An der Front. Im Krieg, den die alte und die neue Heimat gegeneinander führten. Sie zog in die Schlacht, weil sie sich verantwortlich fühlte für das, was in deutschem Namen unter Hitler geschah: Sie wollte mit ihren Mitteln dafür sorgen, dass es schneller zu Ende ging.

Wieso begab sie sich in Gefahr? Marlene Dietrich sagt, der Galgenhumor mache ihr Leben erträglich. Und wenn man sich Porträts von ihr ansieht, könnte man den Kalauer wagen, Marlene sei eine Galgenschönheit: Sie wirkt, als käme sie erst in Not und Unsicherheit ganz zu sich. In dem Hollywood-Film Entehrt von 1931 findet diese todesverachtende Erotik ein großes Bild. Marlene spielt eine Hure, Magda, die durch Füsilieren hingerichtet werden soll. Der kommandierende Soldat ruft: Stopp – das Urteil solle nicht vollstreckt werden. Was tut Marlene? Sie grinst, zückt einen Lippenstift und malt sich die Lippen an. Im nächsten Augenblick, als wüssten sich die Soldaten in ihrer Begierde nicht anders zu helfen, wird sie doch erschossen. Marlene aber gewinnt aus dieser Szene eine Macht, einen Zeitgewinn, der ihr Image prägt: Die Sekunde des Selbstgenusses, in der sich Magda, gebannt von Gewehrläufen, der eigenen Schönheit widmet, hat sie dem Tod abgetrotzt; diesen Triumph wird ihr keiner nehmen.

Die Kälte im Angesicht des Unheils, der von keinem Wimpernschlag gestörte Blick: Hier inszeniert sich eine Stoikerin, die jedes äußere Geschehen unter ihre innere Zeitlupe zwingt, um es in unendlicher Ruhe zu begutachten. Diese betörende Dame ist selbst nicht zu betören. Auch die eigene Attraktivität scheint sie eher kühl zu ertragen, als sie heiß zu genießen: Ein Mensch, von fremden Interessen zerrissen, das ist eine schöne Frau wohl immer, aber diese Deutsche weiß mit den Kräften, die an ihr zerren, durchaus klaren Kopfes zu arbeiten. Als sie in Hollywood war, warb Goebbels um sie, denn er wollte sie wieder in Berlin haben, er wollte sie mit einer Willkommensparade empfangen. Sie lehnte ab, nicht nur, weil ihr Mann Jude ist. Sie ist ein von Haus aus befehlstreuer Mensch, aber von Hitler wollte sie sich nichts befehlen lassen, ihn verachtete sie.

"Verstrickt" will sie partout nicht sein – nicht in nationale, ideologische und politische, aber auch nicht in familiäre und geschlechtliche Zwänge. Denn verstrickt zu sein bedeutet ja: begrenzt zu sein. Die schöne Dame mit den hohen Wangenknochen und den erstaunt-gebogenen Brauen hat etwas Asketisches. Und unter ihrer Grazie ahnt man die Beweglichkeit einer androgynen Tänzerin. So zeichnet diese Deutsche in Hollywood – zusammen mit dem Filmregisseur Josef von Sternberg – die Silhouette und das im Halbschatten liegende Gesicht der modernen Frau, am Ende nur beleuchtet von der Glut der eigenen Zigarette.

Dass diese Frau in den Krieg zog, war konsequent: Was sie in den Ateliers der Filmindustrie erprobt hatte, prüfte sie nun im wahren Leben. Ihr Ehrgeiz war groß. Sie wollte mit ihren Mitteln den Krieg gegen die Deutschen verkürzen.

Marlene Dietrich war, als sie Hollywood verließ, eine der bestbezahlten Schauspielerinnen der Welt. Nun unterhielt sie die amerikanischen Soldaten, die gegen Nazideutschland kämpften. Gerade noch hatte sie luxuriöse Damen dargestellt, im Film Kismet spielte sie in einem schweren goldenen Kostüm und war mit mehreren Schichten Goldfarbe bedeckt. Dann beendete sie diesen Akt ihres Lebens und begann einen völlig anderen. Sie gab die Divenexistenz auf, als wäre sie geradezu erleichtert, das alles loszuwerden: "Das Leben wird einfach sein", sagt sie sich selbst, "ich werde nicht mehr denken oder entscheiden müssen – weder für mich selbst noch für andere."

Drei Jahre lang unterhielt sie die amerikanischen Truppen, in Afrika, Italien, Grönland, Island, Frankreich, Belgien, Holland – und in Deutschland. Der erste Flug ihres Lebens führte sie nach Casablanca (bis dahin hatte sie den Atlantik stets mit dem Schiff überquert). Von dort ging es weiter nach Europa. Mit einem kleinen Trupp amerikanischer Unterhaltungskünstler ließ sie sich von einer Kriegsstellung zur nächsten fahren: Sie war dauernd in Lebensgefahr, aber ihre Begleiter beschrieben sie als glücklich.

Sie spielte gegen die instinktive Feindseligkeit der Soldaten an, die jeden, der nicht an vorderster Front kämpfte, erst einmal verachteten. Sie musste es dulden, dass ihr Soldaten beim Duschen zusahen (so war an manchen Frontabschnitten der Handel: Eine Frau, die zwei Eimer frisches Wasser wollte, musste sich zusehen lassen), sie stellte sich auf Panzer und Lastwagenpritschen, um zu singen, sie ließ sich von Soldaten begrapschen (stets suchte sie die Nähe von Brillenträgern, die sie als weniger zudringlich erlebte), sie begann den Tag mit Calvados auf nüchternen Magen (gegen Darminfektionen), in den Ardennen erfroren ihr Hände und Füße, sie hatte mit Rattenplagen und Filzläusen zu kämpfen, sie spielte unter Feuer und bei Gefechtslärm, sie trat unter Darmkoliken und Durchfall im Abendkleid vor einer von derselben Infektion gequälten Garnison auf und sagte lachend ins Mikrofon: Sollte ich gleich von der Bühne verschwinden, so wisst ihr, woran es liegt ...

Sie eroberte mit der US-Armee ihr eigenes Heimatland, welches sie, wie sie immer wieder sagt, nie dauerhaft verlassen hätte, wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre. Rasch lernte sie die entscheidenden Dinge: schlafen, essen, in Deckung gehen – und die Angst der Truppe vertreiben. Sie genoss das Glück der Männer, welches darin bestand, einen Weltstar aus der Nähe zu sehen – allerdings handelte es sich um Männer, die vielleicht ein paar Stunden später schon tot sein würden.

An der Front erlebte sie, was sie so noch nicht gekannt hatte: Kameradschaft, Verlässlichkeit, Vertrauen, hervorgepresst unter dem Druck der extremsten Situation. Die preußische Offizierstochter erfüllte ihre Pflicht, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass sie auf der richtigen Seite stand. Sie dürfe bei ihren Auftritten keinesfalls Todesangst zeigen, sagte ihr ein amerikanischer General, denn dann wäre sie die Falsche für diesen Job. Vor dem Tod habe sie keine Angst, antwortete sie, Angst habe sie nur vor der Gefangenschaft.

Direkt nach dem Krieg fand sich Marlene Dietrich buchstäblich im Niemandsland wieder. Sie ist voller Verachtung für den typischen Hinterlandsamerikaner – einen unerwachsenen, dickbackigen Wohlstandsnarren, der nie einen Krieg erlebt hat und die aus Europa zurückgekommenen amerikanischen Soldaten hinter seinem dampfenden Steak hervor unwillig mustert, weil ihr Anblick ihm den Appetit verdirbt.

Sie selbst wird getrieben von unergründlicher Courage – der Unfähigkeit, es sich bequem zu machen. Und sie hasst schmeer, das Broadway-Wort für Getue, Schmierentheater – sie hasst es auf der Bühne und im Leben. Es ist, so schreibt sie, "a supply of anger in me", ein Vorrat an Wut, der ihr bleibt.

Als Marlene im Herbst nach Deutschland zurückkehrt, stirbt kurze Zeit später im November ihre Mutter; sie lässt sie in einem Sarg beerdigen, der aus Schulbänken gezimmert wurde. Mit der älteren Schwester kommt es zum Zerwürfnis: Sie hatte in der KZ-Stadt Bergen-Belsen mit ihrem Mann ein Kino für die NS-Offiziere geleitet, das sie auch nach Kriegsende noch führte.

Und sie spürt, wie "beese" die Deutschen auf sie sind, jedenfalls viele Deutsche. Unter den Beschimpfungen, die man in der alten Heimat für sie hat, ist "Verräterin" noch eine der milderen. "Beese" – Marlene Dietrich spricht das Wort aus, als sei der Hass auf sie ein Stück deutscher Folklore.

"Was für ein angenehmes Gefühl: auf Befehle warten", sagt sie über ihre Zeit im Krieg. Jetzt gibt es niemanden mehr, von dem sie sich Befehle erteilen lassen will.

Der Krieg hat sie gelehrt, jedes Publikum "live" zu erobern, selbst eines, dem der Tod bevorsteht. Sie hat, wenn sie im Licht steht, eine ungeheure Macht, aber zugleich wirkt sie allein. Sie bleibt Exilantin, die Veteranin ihres eigenen Krieges, eine Frau von der Front, die in keinem Hinterland mehr zu Hause sein will: in Amerika nicht, dessen Unerwachsenheit sie wütend macht, in Deutschland schon gar nicht, weil dieses "beese" und blöde Land nicht das gelernt hat, was sie gehofft hat.

Es beginnt gerade eine Zeit, in der sich Schauspielerinnen, zum Zweck der Verführung, entblößen. Sie selbst tut es nicht; sie entblößt mit ihrem Blick die anderen. Immer sind es ihre Augen, die am Ende verraten, wie stark sie ist. Die Unbeweglichkeit eines Deadpan- Komikers ist manchmal in ihrem Gesicht; und darunter liegt eine Neugier, die gar nicht fassen kann, was Menschen alles tun, um sich in der Nähe einer schönen Frau zu behaupten.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.