Tagebücher "Sehnsucht nach Leben"

Wie haben unsere Töchter und Söhne das Kriegsende und die ersten Monate im Frieden erlebt? Wir durften in ihre Tagebücher schauen. Von

ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

14. April 1945

Margrit, 16, Pfarrerstochter aus Satteldorf bei Schwäbisch Hall

Am 6. April kamen die Amerikaner zu uns. Frau Bürgermeister kam und meldete: "Panzer rollen auf Blaufelden. Die Sperren sind zu schließen. Der Volkssturm soll ausrücken." Doch der Volkssturm mochte nicht. Die Männer wollten bei ihren Familien bleiben. Sehr wenige gingen. Man hörte Geschieße am Ortseingang und ein rasselndes Geräusch. "Das sind Panzer", sagte Papa ernst. Ich ging nun auch in den Keller. Plötzlich kam Papa die Treppe herunter: "Scheiterlein ist verwundet, kommt herauf und helft verbinden!" Mama und Hilde gingen. Nach einer Weile brachte man ihn herunter. Das verwundete Bein war notdürftig verbunden. Man legte ihn auf eine Bahre. Er röchelte, er war bleich, sein Puls ging langsam und sehr unregelmäßig. Der Frost schüttelte ihn, er schien fest in der Hand des Todes. Schließlich sagte Papa: "Wenn wir Hilfe bekommen können, dann nur von feindlicher Seite. Probieren wir es." Und ging hinauf. Irgendetwas zog mich an seine Seite, und so begleitete ich ihn.

Es war schon im Dämmerlicht, als wir vorsichtig aus dem Haus traten und uns einem nicht weit entfernt stehenden Panzer näherten. Seine Besatzung stand drum herum, fast lauter große, kräftig gewachsene Männer. Wie suchten ihnen den Grund unseres Kommens und unseren dringenden Wunsch klarzumachen. Einer der Soldaten wurde weggeschickt und kam in kurzer Zeit mit einem Doktor wieder. Auch zwei Sanitäter waren zur Stelle. Ohne Weiteres gingen sie mit uns in den Keller hinunter. Mit solcher Freude sind wohl selten feindliche Soldaten empfangen worden. Nach menschlichem Ermessen war Scheiterlein gerettet. Er wurde glänzend verbunden und gespritzt. Die Helfer ließen sich ein Glas Cognac geben. Dann wünschten sie uns freundlich gute Nacht und gingen. Wir fühlten wohl, wie ein Höherer hier geholfen hatte, und ich glaube, es war eines der tiefsten Erlebnisse meines Lebens.

20. April 1945

Jürgen, 15, Berlin-Nikolassee

Am Abend kam plötzlich ein Russe zur Hintertreppe herein. Oma hielt er die Pistole vor, dann wies er Frau Köppe mit der Hand, die die Waffe führte, den Weg in ihre Wohnung. Hinter ihr schloss er die Türe ab. Bange Minuten vergingen. Dann kamen die beiden wieder. Der Russe stieg in sein Auto und brauste davon. Frau Köppe, ziemlich aufgelöst, packte ihre Sachen. "In diesem Haus bleibe ich keine Minute länger: Ich gehe zu Krugs." Und weg war sie. Ich schloss die Türe ab und legte mich schlafen. Was der Mann mit ihr angefangen hat, weiß ich nicht. Später erzählte Frau Köppe, dass alles noch gut abgegangen sei.

26. April 1945

Margrit, 16

Mit der Zeit merkte man, dass sich die Front wieder mehr näherte. Die Partei, die vor den Amis ausgerissen war, erschien nun wieder bei Nacht und Nebel und suchte zu erfahren, wer sich nicht heldisch benommen hatte. Mehrere Bürgermeister, die lediglich verhütet hatten, dass ihre Gemeinden zerstört wurden, wurden von der SS zum Tode verurteilt. Meistens wurden die Urteile sofort und manchmal durch Erhängen ausgeführt. Ein Mann, der einige Soldaten verraten haben soll, wurde geholt und von der SS am Ortsausgang niedergeknallt. Es durfte kein Gebet an seinem Grabe gesprochen werden. Diese Atmosphäre war mir schier unerträglich, und heimlich, so unpatriotisch es war, sehnte ich die Rückkehr der Amis, die doch kommen musste, herbei. Diesmal hatten wir alle große Angst, denn viel Militär war in der Umgegend, Crailsheim sollte bis zum letzten Haus verteidigt werden usw. In Crailsheim war außerdem SS, die gefährlichste aller Gefahren. (Sooft ich den Namen SS hörte, grauste mir’s.)

8. Mai 1945

Monika, 17, Flüchtling aus Leipzig, jetzt in Reutti bei Ulm

Es ist unfassbar, dass der Krieg nach 5 ¾ schrecklichen Jahren zu Ende sein soll u. alles Blut umsonst geflossen ist! Man hat zwar schon lange auf diesen Ausgang gewartet, aber da er nun da ist, ist es einfach scheußlich, u. ganz bes. die Aussichten auf die Zukunft. Wann werden Pappi und Schorschi zurückdürfen, u. wo können sie augenblicklich sein? Ach, es ist grässlich, in dieser Zeit so von der Umwelt abgeschnitten zu sein, da wir weder Strom noch Zeitungen haben, hören wir alles nur gerüchteweise.

9. Mai 1945

Jürgen, 15

9. Mai!! Omas Geburtstag! Oma machte einen Kochkuchen, und Frau Köppe buk so kleine Kuchen auf der Pfanne. Es war ein ganz wunderschöner Tag. Wir saßen dann, als der Besuch gegangen war, im "Fremdenzimmer", tranken ein Schnäpschen, rauchten und sahen bis in die Dunkelheit dem Freudenfeuerwerk der Russen zu; denn ab heute ist FRIEDE IN EUROPA.

10. Mai 1945

Monika, 17

Mitternacht vom 9. zum 10. Mai 45 wurden die Friedensverträge unterzeichnet! So sieht nun bei uns der Frieden aus, dass bei uns nicht einmal die Dorfglocken läuteten, während sonst überall in der Welt, in Paris, London, Moskau u. wo es auch sei, Siegesfeste in einem Freudenrausch gefeiert werden.

(ohne Datum)

Theodor, 8, Schüler, aus Berlin, evakuiert nach Amberg in Bayern

Vielleicht ist Hitler auch gar nicht tot, sagen viele Leute. Um Gottes willen, sagt meine Mutter. Ich habe ihn einmal in Berlin gesehen. Das hat mir gefallen. Wer Hitler sagt, flüstert dabei. Wir sind keine Nazis, sagt meine Mutter, aber die Amis sagen zu uns auch Nazis. Ich habe keine Angst vor den Amerikanern, weil ich ja Englisch kann. Die Mädchen gehen nur mit den Amerikanern. Bei den Russen laufen sie weg. Kiss me belami, singen die Ami-Schicksen. Ich habe noch ein Hitlerbild versteckt. Früher haben alle "Heil Hitler" gerufen und die Hand gehoben, und jetzt darf man Hitler nicht mehr laut sagen. Ich weiß, wer ein Nazi in der Gabelbergerstraße ist. Oder in der Marienstraße oder in den anderen Straßen.

16. Mai 1945

Jürgen, 15

Ich ging heute um 8.00 los, die Kartenverteilung sollte um 9 Uhr losgehen. Es dauerte nicht lange, da war die schöne Ordnung futsch. Die Leute strömten nach vorne und bildeten einen wüsten Haufen. Anordnungen hin, Anordnungen her. Im Nu war eine Panik unter Hunderten, ja Tausenden. So ging es fast 3 Stunden. Schließlich stellte es sich heraus, dass überhaupt keine Lebensmittelkarten mehr vorhanden sind. Da stellte sich ein Professor mit einem Pack weißer Blätter und einer riesigen Schere an das Fenster, schnipselte eigenhändig kleine Zettel und beschrieb sie mit Zahlen. Somit wollte er Nummern für Hunderte von Menschen anfertigen, um "eine geregelte und reibungslose Verteilung zu sichern". Ein alter, unfähiger Mann wagte sich nach einer Stunde unter die Menge, um die ersten hundert Zettel auszugeben. Da ging es erst richtig los. Im Nu war der Ärmste von einer tosenden Masse umringt, und hundert Arme streckten sich ihm wie Polypenfänge entgegen. So flutete die Masse hin und her, Frauen schrien und heulten, Männer schlugen um sich, es war ein enormes Chaos.

Heute ereignete sich ein sehr tragischer Unglücksfall. Einige Jungen spielten in der Nähe des Strandbades mit einer scharfen Panzerfaust. Den näheren Umstand des Unglücks kenne ich nicht. Jedenfalls muss die Waffe so unglücklich explodiert sein, dass alle 3 Jungen tödlich verletzt wurden. Ich kenne sie alle. Es ist Kiko G., Horst H. und (was mich am meisten trifft) mein alter netter Freund Otto R. Alle sollen entsetzlich verstümmelt gewesen sein.

19. Mai 1945

Monika, 17

Der schönste Tag seit vielen Wochen war heute, da er uns unseren Pappi wiederbrachte! Ganz plötzlich stand er vor dem Franzosenhäusel, in zerlumptem Zivilanzug, völlig erschöpft und kaputt. Wir schrien auf, als wir seine Stimme hörten, und konnten es gar nicht fassen, dass alle Sorge um ihn zu Ende sein sollte. Nun warten wir sehnlichst auf Schorschis Rückkehr.

22. Mai 1945

Margrit, 16

Der Krieg ist nun aus. Manche Leute, die vor einem Jahr noch in hoher Stimmung waren, schimpfen nun fürchterlich über Hitler und seine Helfer. Andere sind unglücklich, weil ihre Zeit vorbei ist. Obwohl wir den Krieg vollständig verloren haben, uns alle Schuld daran aufgebürdet wird (nicht unbegründet) und wir jeden Tag am Radio haarsträubende Berichte aus den Konzentrationslagern vorgesetzt bekommen, ist der Waffenstillstand ein Lichtschimmer in der dunklen Gegenwart.

(ohne Datum)

Theodor, 8

Ich bin unehelich, deshalb darf ich nicht ministrieren. Im Amt muss ich an der Tür stehen bleiben, damit ich nicht hören kann, wenn meine Mutter flüstert, der Junge ist unehelich. Aber mein Vater kommt doch manchmal zu uns. Dann erzählt er mir Geschichten von Afrika. Unehelich ist eine Schande. Ich sage immer, mein Vater ist verreist. Ich will Priester werden. Pater Voit hat gesagt: "Armer Junge." Vielleicht darf ich nicht Priester werden, weil ich unehelich bin. Niemand sagt mir die Wahrheit.

1. Juni 1945

Jürgen, 15

Gleich eine erfreuliche Nachricht: Für Schüler und Studenten über 15 Jahre wird statt Kartengruppe 5 (für sonstige Bevölkerung) Gruppe 3 (für Angestellte) ausgegeben. Danach bekomme ich pro Tag: Fleisch 40 gr., Fett 10 gr., Nährmittel 40 gr., Zucker 20 gr., Brot 400 gr., Kartoffeln 400 gr. Pro Monat: Bohnenkaffee 60 gr., Kaffee-Ersatz 100 gr., echter Tee 20 gr., Salz 400 gr. Jetzt geschieht nicht mehr so viel in meinem Leben, da der Vormittag jeden Tages mit Schulunterricht ausgefüllt ist.

19. Juni 1945

Margrit, 16

Man geht wieder unbehelligt seiner Arbeit nach und weiß, dass sie wieder einen Zweck hat. Zwar ist unser Deutschland kein Deutschland mehr. In jedem Gebiet herrscht ein anderer Sieger. Unsere Städte und viele Dörfer sind zerstört. Wir sind arm, sehr arm. So tief sind wir noch kaum einmal gestanden. Die Alliierten halten uns unsere Verbrechen während des Krieges in Deutschland und den von uns besetzten Ländern vor. Ich glaube, dass die SS und andere Parteieinrichtungen sich sehr viel haben zuschulden kommen lassen. Doch wie weit das wahr ist, was wir durch Radio und Presse jetzt erfahren, können wir leider nicht feststellen. Wir sind von unseren so angelogen worden, dass wir auch den andern nicht restlos glauben können. Und dann betonen die Alliierten ihre Freundschaft mit Russland. Sowjetrussland!! Schlimmer wird das Nazideutschland wohl nicht gewesen sein. Freilich können wir nicht sagen, wie viel wahr ist, was man uns von Sowjetrussland, allerdings auch von vertrauenswürdiger Seite, erzählt hat. Dann die Freundschaftsversicherungen der Alliierten mit Russland. Sie sind manchmal so, dass man das Gegenteil glauben könnte. Sollte wieder ein Krieg entstehen?

25. Juni 1945

Was es heißt, ein befreites Volk zu sein, müssen wir allmählich lernen. Es ist komisch, wie einstige "Hundertprozentige" sehr geknickt einherschreiten, andre aber schon gut Freund mit den Amerikanern sind. Da erklärt einer, der auch sehr kriecherisch veranlagt war, er sei schon von jeher Sozialdemokrat gewesen. Junge Frauen, die den Führer schier anbeteten und an das ewige, unbesiegbare Deutschland des Dritten Reiches glaubten, halten nun Zusammenkünfte mit amerikanischen Soldaten. Ein Zeitungsmensch, der immer dem Kreisleiter nachrannte und fürchterliche Artikel schrieb, war schon lange Freimaurer. Dann zeigen die Leute einander bei den Amerikanern an. Es ist viel Unschönes gegenwärtig zu hören und zu sehen.

4. Juli 1945

Vor einiger Zeit veröffentlichte Montgomery in einer Zeitung einen Artikel: Warum keine Verbrüderung? Darin heißt es, wir hätten uns wohl gewundert, dass die "Siegersoldaten" uns nicht anlächelten, sich nicht freundschaftlich mit uns unterhielten und nicht mit unsern Kindern spielten. Das könnten sie nicht, weil wir veranlasst hätten, dass ihre Städte in Trümmer gesunken, ihre Frauen und Kinder gehungert hätten usw. Doch das werde nicht immer so sein. Sie seien ein Volk, das gern lache; sie seien christlich und würden gerne verzeihen usw. Überhaupt sei von jetzt ab das Freundschaftsverbot gegenüber Kindern aufgehoben.

Erstens, dass Montgomery überhaupt so etwas in die Zeitung setzen mag. Doch das ist vielleicht englischer Geschmack. Dann die Trümmerstädte und hungernden Kinder. Ich glaube, niemand hat mehr Städte in Trümmer sinken sehen als Deutschland. Ja, darüber hinaus haben die feindlichen Flugzeuge Jagd auf die Zivilbevölkerung gemacht. Doch da will ich lieber erst gar nicht anfangen. Dann ist das "in Trümmer sinken" eben einmal Gesetz des Krieges, und wir haben uns gegenseitig keine Vorhaltungen zumachen. Ich glaube aber auch, dass das Hungern in England nicht so schlimm war. Doch darüber bin ich nicht informiert und möchte also nichts behaupten. Hoffentlich liest mein Geschriebenes niemand, wahrscheinlich ärgere ich mich in Kürze selber darüber, aber es ist mir alles so gekommen, und ich habe halt geschrieben.

8. Juli 1945

Evamaria, 17, Flüchtling aus Liegnitz, jetzt in Niederbayern

Einsamkeit – Traurigkeit – Sehnsucht – so müsste man den Inhalt der Wochenenden hier überschreiben. Wie oft denke ich an Liegnitz zurück, wie schön immer der Sonnabend war. Wie ist es aber hier? Ich könnte dir seitenlang schreiben, wie wenig hier ist, dass es meistens Familienkrach gibt oder Ärger sonst wie, oder aber kann ich dir kurz sagen, es ist für mich traurig. Mit 17 Jahren ist man nicht wählerisch, man findet an vielem Freude und Abwechslung, aber meistens wenn mehr Jugend zusammen ist. Die fehlt hier ganz. Ich verstehe es nicht, wie ich es jetzt schon 5 Monate so ausgehalten habe. Zzt. bin ich aber so weit, dass ich sage, es geht gleich nicht mehr. Wenn ich für mich mal allein bin, dann fühle ich mich so allein, dass mich wieder eine Sehnsucht packt, die kaum zu bändigen ist. Sehnsucht – nicht nach der Heimat, wie du denken wirst, nein, nach Leben. Das ist nicht das Leben, das für uns da ist, das ist ein Schleichen durch die Zeit. Immer, wenn einer dieser Tage wie der andere vergangen ist, könnte ich am Abend dann im Bett schreien: Wieder ist ein Tag der so schönen Jugend vorbei, ohne etwas zu bringen. Freilich, ich darf mir vom Leben nicht zu viel erwarten, später ist auch ein Tag wie der andere – aber doch ist es anders. Da freust du dich auf einen Sonntag, der die Erholung bringt, oder es erwartet dich mal ein lieber Mensch, mit dem du reden kannst, vielleicht winkt dir ein Konzert, Kino- oder Theaterbesuch. Schon das Leben in der Stadt ist anders als hier. Aber hier? – Ich darf gar nicht denken, überall stößt man da an, man kommt nicht weiter. Die Zukunft liegt verhüllt da, du kannst dir einfach keine Zeit setzen, auf die du zusteuern kannst. Das brauche ich aber, ich bin kein Mensch, der sich dauernd mit Für und Wider, Wenn und Aber, ob und vielleicht beschäftigen kann.

(ohne Datum)

Theodor, 8

Immerfort machen die Amis Razzia. Ich renne hin, weil das spannend ist. Dann kommen sie mit den Jeeps an und springen raus und stürmen rein. Manchmal kommen sie mit nackerten Weibern raus. Die haben eine Decke umhängen. Oder Männer mit geklauten Zigaretten. Manchmal klauen die Amis auch was. Meine Mutter sagt, die dürfen das, weil sie die Sieger sind. Wenn ich zu nah bei der Razzia stehe, schreit einer: Hau ab, you facken boy. Meine Mutter sagt, das ist was Unanständiges.

20. Juli 1945

Evamaria, 17

Wie viel Tage hat eine Woche? 7? O, nein: Wenn man aufs Ende der Woche wartet – voller Ungeduld und Spannung, dann hat sie bestimmt 10 oder noch mehr Tage. Es ist furchtbar, wie sich da die Stunden ausdehnen. Ja, morgen ist nämlich eine Entscheidung. Da höre ich, ob ich in Passau einen Posten bekomme oder nicht. Wenn die Hoffnung auch sehr gering ist, unbewusst klammert man sich ja doch daran. Ich bin schon sehr kribbelig und unruhig, dauernd ertappe ich mich dabei, wie ich mir ausdenke, was nun für ein Leben beginnen könnte.

(ohne Datum)

Theodor, 8

Mein Vater hat endlich mal geschrieben. Die Engländer passen jetzt auf, dass ihn die Russen nicht nach Sibirien verschleppen. Mein Vater hat auch einen 2-Mark-Schein in den Brief gelegt. Er will uns besuchen. Meine Mutter hat nur geseufzt.

22. Juli 1945

Evamaria, 17

Ich bin mal an einem Ende! Ja, ich fasse es kaum, dass dieser Tag heute, auf den ich die ganze Woche wartete, so trübe für mich sein wird. Ich kann nicht klagen und viel weinen, mich nicht ärgern oder schimpfen, alles ist so ausgelöscht in mir, ich denke fast gar nicht. Ich bin gar nicht in mir selber, es ist komisch, so etwas zu hören, aber wer es selbst mal fühlt, der weiß, wie hart das ist. Ich will einfach nicht wahrhaben, dass mir ein Strich durch die Rechnung gegangen ist, dass es doch Widerstände gibt, dass einem nicht alles gleich in den Schoß fällt, auch nicht einer Eva, die am 13. geboren ist. Ja, was ist denn nun eigentlich los? Nun, ich bin von meinen Träumen mit einem Schwung in die Wirklichkeit befördert worden und kann es noch nicht wahrhaben. Ja, ja, die Eva, die nach außen hin so fest auf beiden Beinen steht, träumt so viel und lebt ein Leben für sich. Ja, heute habe ich erfahren, dass der Herr noch keine Stellung in Passau für mich besorgt hat! Da wollte ich nun natürlich mich sofort allein aufmachen, um mir dort etwas zu suchen; ja, aber vorläufig gibt es keinen Passierschein, also wieder ein Aufschub. Aber diese dauernden Aufschübe hasse ich.

August 1945

Theodor, 8

Jetzt ärgert sich Frau Lieret, dass wir alle silbernen und goldenen Papierhakenkreuze vernichtet haben, bevor die Amerikaner kamen, denn jetzt könnte man ein gutes Geschäft machen, hat sie gesagt. Weil die Amis so was als Andenken mitnehmen. Sie sagen, sie erschießen einen, wenn sie was finden, weil man dann ein Nazi ist. Ich habe aber heimlich welche weggenommen und versteckt. Ich sage immer, ich habe das Zeug gefunden, wenn ich mit den Amis schacher. Sie wollen immer wissen, wo mein Vater ist, aber ich sage ihnen nicht, dass er im OKW* war, weil sie sonst denken, er war auch ein Nazi, aber wir waren keine, weil wir unter Hausarrest waren und die SS meinen Vater erschießen wollte. Jetzt haben ihn die Russen erschießen wollen, aber er hat sich in Berlin versteckt. Meine Mutter hat auf der Kommandantur gleich eine Bescheinigung bekommen, dass wir keine Nazis waren, aber das wissen die Russen nicht.

4. August 1945

Evamaria, 17

"Mit Hoffnung fuhr ich nach Passau, musste sie aufgeben und kam dennoch freudig wieder zurück." Wer kann sich das zusammenreimen? Ja, ganz kurz will ich diese Fahrt als Erlebnis in diesem kärglichen Leben hier berichten. Ganz Hals über Kopf erfuhr ich, dass in Schönberg am 2.8. früh ein Auto nach Passau fahren sollte. Mittags war meine ergebnislose Stellungssuche schon beendet. Ziemlich deprimiert aß ich Mittagsbrot und ging dann auf Suche nach einer Fahrgelegenheit in Richtung Schönberg. Das Glück war mir endlich hold, ich fuhr bis nach Tittling. Von da aus musste ich zu Fuß weiter. Bei dem amerikanischen Posten, dem Ausweiskontrolleur, hielt ich mich schließlich 1 ½ Stunde auf. Ich kam mit ihm ins Gespräch, wir verstanden uns auf Englisch vorzüglich. Leider werden wir uns nie mehr sehen, da er weit weg in Quartier ist. Er hat es furchtbar bedauert, ich auch. Er war 21 Jahre, dunkel, schlank, höflich und nett. Ich glaube bald, ich habe mich ein bissl verknallt. Na, damit Schluss, ich kann es halt nicht ändern. Dann ging es weiter, 5 km zu Fuß, bis mich schließlich wieder ein Lkw mitnahm. So, das ist alles, und trotzdem war ich mal für einige Stunden glücklich. Warum? Antworten kann ich da nicht viel, aber wenn ich sage, dass ich so frei war, so ungebunden, dass ich aus dieser Atmosphäre voll stinkendem Alltagskram heraus war, dass andere Menschen um einem waren, andere Gesprächsstoffe und nicht zuletzt das Gespräch mit einem netten jungen Mann. (Ob Amerikaner oder nicht, ist in diesem Fall gleich, aber das prickelnde, unruhige Gefühl war da, ohne dem das Zusammensein mit jungen Männern stupide ist.)

5. September 1945

Margrit, 16

Am letzten Freitag wurden wieder drei Gemeindeglieder von den Amis verhaftet. Herr Scheiterlein, Herr Frank und Herr H.; Herr Scheiterlein mit seinem amputierten Bein, der gewiss in politischer Hinsicht harmlos war, Herr Frank, der oft so über die Nazis schimpfte, dass man Angst um ihn haben konnte, Herr H., dem zwei Söhne gefallen und zwei vermisst sind. Er war allerdings ein übler Denunziant im Dritten Reich. Gestern kam dann Herr Scheiterlein zurück, dafür holten sie aber Lehrer Hammerbacher.

8. September 1945

Monika, 17

Nach reiflichen Überlegungen und Erwägungen waren Zitti und ich zusammen mit Elfriede beim Tanz mit Amerikanern. Erst hatten wir es völlig abgelehnt, konnten uns dann aber nur ärgern, wenn die Tanzmusik und die laute gute Stimmung zu uns drang und wir kein Vergnügen hatten. Wir hatten ausgemacht, nur auf Einladung hinzugehen u. nicht einfach so zu erscheinen. Wir hatten aber keine Amis am Tag gesehen u. fanden uns schon damit ab, wieder wie gewöhnlich ins Bett zu gehen, als Elli kam und wir mit ihr noch zum Bürgermeister ins Dorf gingen. Plötzlich standen wie aus der Erde gewachsen 2 Amis vor uns, von denen Zitti und ich einen schon kannten. Sie redeten uns an, u. als wir englisch antworteten, waren sie selig und bestürmten uns so lange, noch zum Tanzen zu kommen, bis wir versprachen, in 10 Minuten umgezogen wieder unten zu sein. In fliegender Eile huschten wir also in andere Kleider, Schuhe u. Strümpfe u. jagten wieder runter. Also kamen wir an und wurden auch gleich von dem einen der beiden inviter empfangen u. in den Saal geführt. Kaum saßen wir, als auch schon der andere inviter, ein Medizinstudent, kam u. sich mit Zitti unterhielt. Dann kam ein mir bekannter Amerikaner, den ich schon auf Spaziergängen manchmal gesehen hatte. Er kam an unseren Tisch und erkundigte sich dann schon bald, ob ich tanze. Ich sagte einfach ja. Von da an tanzten wir jeden Tanz zus., er nicht einmal mit einem anderen Mädchen u. ich kein Mal mit einem anderen Ami. Um ½ 11 fragte mich ein anderer Ami, ob ich ihm wohl beim Sandwichrichten helfen könnte, u. so hetzte ich mit Zitti in die Küche. Erni kam natürlich auch mit, u. so strichen wir in rasender Geschwindigkeit Berge von herrlichstem Weißbrot, dick Butter u. Wurst. Oben war inzwischen eine Pause eingeschoben worden, u. so verzehrte jeder mit sichtlichem Appetit die Sandwiches. Dazu gab es Bier u. von den Amis angebotene Zigaretten. Auch Erni bot mir immer wieder an, u. so konnte ich schließlich nicht nein sagen u. rauchte die erste Zigarette meines Lebens! Allerdings nur ein paar Züge, dann steckte ich die sehr ansehnliche Kippe ein und brachte die Mami mit. Dann gingen wir auch etwas Luft schnappen, u. er war ob Kälte od. Pfützen etc. rührend besorgt. Es war dies mein 1. richtiger Tanzabend, u. ich genoss ihn bis zum darauffolgenden sonntagmorgendlichen Kater aus tiefstem Herzen. Früh standen wir dann ca ½ 10 auf und mussten feststellen, dass wir den Eindruck v. "I am feeling bad" machten ...

16. September 1945

Wieder war großer Schwof bei Lehner, u. Erni u. ich tanzten ausschließlich zusammen u. verstanden uns sehr, sehr gut. Als mir vom vielen Tanzen ganz drehig war, gingen wir bei herrlich klarem Sternenhimmel spazieren. – Dann haben wir weitergetanzt, u. es geht jetzt wirklich prima bei mir. Abends spät bzw. morgens früh war schließlich Schluss u. Zitti wurde v. Rick u. ich von Erni nach Hause gebracht. Oben an der Hausecke blieben wir dann stehen u. verabschiedeten uns ... Es war ein herrlicher Abend, und ich habe wieder manches zum 1. Mal erlebt ...

4. Oktober 1945

Margrit, 16

Ich freue mich so sehr auf Weihnachten, obwohl es noch eine gute Zeit dauert, bis es so weit ist. Kommt das wohl daher, dass dies das erste Nicht-Kriegsweihnachten (Friedensweihnachten kann man nicht sagen) nach langer Zeit sein wird? Oder weil dies wieder unser altes trautes Weihnachten sein wird, ohne das künstliche Gemache von dem höher steigenden Sonnenwagen und der sich verjüngenden Erde. Im Mittelpunkt werden wieder der Christbaum und die Krippe stehen. Man wird wieder unsere wunderschönen Weihnachtslieder singen, ohne dass der Text verändert wird oder man sie durch Hohe Nacht der klaren Sterne zu ersetzen sucht. Trotz allem: Es ist uns mit der Niederlage viel geschenkt worden. Kürzlich sagte ein Bekannter von uns: "Wir haben den Krieg nicht verloren, sondern gewonnen."

13. Oktober 1945

Monika, 17

Wieder mal ein rauschendes Fest mit ziemlich vielen Amis u. Deutschen u. einer fantastischen Kapelle aus Weißenhorn. So wurde fast ununterbrochen bis 2 h getanzt. Dieser 13. war der letzte nette Abend mit Erni, der dann bald nach Bad Mergentheim versetzt wurde u. jetzt angeblich schon in Amerika sein soll. Vorher hatte ich ihn noch 1 oder 2x bei Lehners getroffen, aber kaum mit ihm gesprochen, da er irgendwie recht verändert u. komisch war. So endete alles ziemlich sang- und klanglos, aber ich bin ganz froh, denn anders hätte es mich nur umsonst belastet. So geht es vorüber, plötzlich wie es gekommen ist, u. man hat noch lange die Erinnerung an viele schöne Stunden und Abende.

13. November 1945

Margrit, 16

Auf dem Government wurde Isolde nicht angenommen, weil sie früher Jungmädelführerin war!!! Jetzt kann ich froh sein, dass ich nicht Führerin wurde. Damals, als ich mit der Nachricht überrumpelt wurde, ich sei in die F-Schar aufgenommen, hatte ich momentan schon Lust dazu. Nicht gerade, weil ich für die Sache war, sondern weil ich mich über das Gesalbader meiner Führerinnen ärgerte, dass ich am liebsten davongelaufen wäre und es auch manchmal von einer zu spüren bekam, wie sehr sie es verachtete, wenn jemand nicht ihrer Anschauung sei, was bei mir der Fall war. Und dann hatte man auch im Sonstigen als Führerin manche Vorteile. Nebenbei gesagt war ich in unserer Klasse das einzige Pfarrerskind, das nicht aktiv und führend in der HJ war. Also ich hatte Lust. Aber Papa war mit aller Kraft dagegen, und heute bin ich ihm dankbar dafür. Es hat sich jetzt gezeigt, wie unrecht es ist, wenn man etwas gegen seine Überzeugung, nur um äußerer Vorteile willen tut.

Weihnachten 1945

Theodor, mittlerweile 9

Meine Mutter sagt, wir sind arm. Ich weiß das nicht. Ich habe immer ein Essen. Nur keine guten Schuhe. Meine Füße tun mir oft weh. Ich laufe immer barfuß rum. Meine Mutter ist traurig, weil wir evakuiert sind. Die Russen sind jetzt in Berlin in unserer Wohnung. Sie haben alles weggenommen oder kaputt gemacht, hat Annuschka geschrieben. Unsere Papierkrippe ist schön. Ich bin auch ein bisschen traurig. Lieber will ich jetzt in unserer Wohnung in Berlin sein mit meiner Mutter, mit meinem Vater, mit Annuschka, Tante Heide und Aimee und Großvater. Wo werden jetzt die andern sein, sagt meine Mutter und weint, denn wir wissen nicht, ob der Onkel Ernst, Karl, Max und Hans mit den Familien noch leben.

1. Januar 1946

Vor einer Woche oder 14 Tagen fuhren wir nach Nürnberg. Wir mussten ein Paket aus Chile abholen. Wir gingen durch ewige Schuttberge. Meine Mutter sagte: Krieg ist was Schreckliches. Die Amis in Nürnberg waren nicht so freundlich wie in Amberg. Wir wurden öfter kontrolliert. Ganz Nürnberg bestand aus Ruinen. In einer halben Ruine bekamen wir unser Paket, aber es fehlte was. Meine Mutter traute sich nichts zu sagen, aber ich sagte: Sie, da fehlt was! Da sagte der Mann wütend: Entweder das oder gar nichts! Wir nahmen schnell das Paket und gingen weg. Draußen jammerte meine Mutter, dass das eine Unverschämtheit ist, aber dass man nichts machen kann. Jeder sieht, wo er bleibt, sagt meine Mutter. Im Zug haben alle Leute sehr sehnsüchtig auf unser Paket geschaut. Zu Hause waren wir sehr froh, vor Weihnachten so ein Paket.

Überall suchen die Flüchtlinge was zu essen. Wir sind keine Flüchtlinge, sondern Evakuierte. Wir haben immer was zu essen. Brot, Kunsthonig, Margarine, 50 Gramm Butter im Monat, die esse ich auf einem Brot, auf einer Schnitte auf einmal auf, und da streue ich noch Zucker drauf. Sonst haben wir Margarine. Und auch Äpfel und Kraut. Die alte Brucknerin steckt meiner Mutter fast jeden Tag zwei oder drei Semmeln zu. Dann schreit ihr Sohn, dass er uns alle aus dem Haus schmeißen will. Da sagt der Rudi, dem sein Sohn halt, der spinnt. Am Nachmittag spielen wir in der warmen Backstube. Der Lothar, der Peter, die Helga, der Grau Peter und ich. Wenn wir Hunger haben, holt der Rudi Brot. Das stibitzt er im Laden von seiner Mutter. Ich esse dann nicht alles auf und bringe meiner Mutter was mit.

Margrit, 16

Nun ist das Jahr 1945 mit all den vielen Ereignissen freudiger und ernster Art ins Meer der Vergangenheit gesunken. Was hat es uns nicht alles gebracht! Die Brandnacht im März und die sich jagenden Ereignisse im April, die mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben werden. Dann der Mai. Der war wirklich der schönste Monat im Jahr. Da waren der ganze Rumpel und die Fliegergefahr vorbei, und von den neuen unangenehmen Dingen wusste man noch nichts. Ich kann auf dieses Jahr nicht ohne heiße Dankbarkeit zurückblicken, trotz all dem Schweren. Wie sind wir doch bewahrt geblieben in den tausendfachen Gefahren um uns her, haben Heim und Haus behalten dürfen und sind vor allem uns selbst erhalten geblieben. Und dann haben wir auch innerlich viel erlebt, sind reifer geworden im Denken und Fühlen, auch ist unser Mut gewachsen, der Mut gegenüber dem Unrecht und der Gottlosigkeit, denen ihre Ziele gesetzt sind, wie wir es ja an unserem Volk verspürt haben, auch der Mut gegenüber dem Neuen und Unbekannten, da wir weiter des Beistands und der Hilfe Gottes gewärtig sein dürfen.

* Oberkommando der Wehrmacht


Veröffentlichung der Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen 

2 Kommentare

Anonyma. Eine Frau in Berlin

Wer erfahren will, wie es wirklich war, wird sich an die Frauen halten müssen. Denn die Männer haben sich in den Ruinen als "das schwächere Geschlecht" gezeigt. So sieht es die Autorin dieses Buches, die das Ende des Krieges in Berlin erlebt hat. Ihre Aufzeichnungen sind frei von jeder Selbstzensur. Ohne die geringste Retouche sind sie 1959 in einem kleinen Schweizer Verlag erschienen. Seitdem waren sie nicht mehr zugänglich; erst nach dem Tod der Verfasserin ist eine Neuausgabe möglich geworden. Nicht das Ungewöhnliche wird in diesem einzigartigen Dokument geschildert, sondern das, was Millionen von Frauen erlebt haben: zuerst das Überleben in den Trümmern, ohne Wasser, Gas und Strom, geprägt von Hunger, Angst und Ekel, und dann, nachder Schlacht um Berlin, die Rache der Sieger. Von jenem Selbstmitleid, an dem die geschlagenen Deutschen litten, fehlt hier jede Spur. Illusionslose Kaltblütigkeit, unbestechliche Reflexion, schonungslose Beobachtung und makabrer Humor zeichnen das Tagebuch aus. Lakonisch stellt die Autorin fest: "Die Geschichte ist sehr lästig."

Anfang Mai 1945
Jürgen fast 9, kann noch nicht schreiben, da er 2 tolle Jahre schulfrei in einem mainfränkischen Dorf hatte.

"Der Feind kommt."
Wir - meine Mutter, meine Schwester, meine beiden Großmütter und ich - fliehen mit einem Leiterwagen aus der Stadt. Zuerst kampieren wir draußen, dann finden wir eine Scheune. Am nächsten Tag wird der dilettantische Fluchtversuch abgebrochen.
Wir hängen weiße Bettlaken aus den Fenstern. Nazi-Literatur hatte eine der Großmütter schon vorher im Kochherd verbrannt, obwohl meine Eltern nicht dazugehörten.
Dann kamen sie, die Amis: Eine motorisierte Kolonne mit weißen Soldaten fuhr von Süden nach Norden durch den Ort, dann folgte ein Zug schwarzer Soldaten, von denen wir Schreckliches gehört hatten, von Norden nach Süden am Haus vorbei.
Ein Schuss fiel und eine Scheibe war zertrümmert. Das Dorf war erobert.
Ich habe ein paar Tage später den Amerikanern eine Kabelrolle geklaut. Meine Mutter befahl mir, sie zurückzubringen. Ich habe sie aber in der Scheune versteckt. Dafür bekam ich von meinem Vater, der Monate später abgerissen und grau aus der Gefangenschaft kam, ein großes Lob. Den Tabak, den ich aus Kippen der Soldaten für ihn gesammelt hatte, wollte er allerdings nicht rauchen. Dann habe ich es eben selbst getan.

Anfang Mai 1945
Jürgen fast 9, kann noch nicht schreiben, da er 2 tolle Jahre schulfrei in einem mainfränkischen Dorf hatte.

"Der Feind kommt."
Wir - meine Mutter, meine Schwester, meine beiden Großmütter und ich - fliehen mit einem Leiterwagen aus der Stadt. Zuerst kampieren wir draußen, dann finden wir eine Scheune. Am nächsten Tag wird der dilettantische Fluchtversuch abgebrochen.
Wir hängen weiße Bettlaken aus den Fenstern. Nazi-Literatur hatte eine der Großmütter schon vorher im Kochherd verbrannt, obwohl meine Eltern nicht dazugehörten.
Dann kamen sie, die Amis: Eine motorisierte Kolonne mit weißen Soldaten fuhr von Süden nach Norden durch den Ort, dann folgte ein Zug schwarzer Soldaten, von denen wir Schreckliches gehört hatten, von Norden nach Süden am Haus vorbei.
Ein Schuss fiel und eine Scheibe war zertrümmert. Das Dorf war erobert.
Ich habe ein paar Tage später den Amerikanern eine Kabelrolle geklaut. Meine Mutter befahl mir, sie zurückzubringen. Ich habe sie aber in der Scheune versteckt. Dafür bekam ich von meinem Vater, der Monate später abgerissen und grau aus der Gefangenschaft kam, ein großes Lob. Den Tabak, den ich aus Kippen der Soldaten für ihn gesammelt hatte, wollte er allerdings nicht rauchen. Dann habe ich es eben selbst getan.

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