Demna Gvasalia Der Neue

ZEITmagazin Nr. 9/2016
Der Balenciaga-Designer Demna Gvasalia ist der erste Deutsche seit Karl Lagerfeld an der Spitze eines großen Pariser Modehauses. Wie hat er das geschafft? Von

ZEITmagazin: Herr Gvasalia, es ist lange her, dass in Paris ein Designer Stadtgespräch war, der einen deutschen Pass hat.

Demna Gvasalia: Ja, ich bin in Georgien geboren, habe aber die deutsche Staatsangehörigkeit. Meine Eltern zogen im Jahr 2000 nach Düsseldorf, weil mein Vater da beruflich zu tun hatte. Sie wohnen bis heute dort. Jedes Mal, wenn ich zu Weihnachten nach Düsseldorf komme, fühle ich mich wie zu Hause, dabei habe ich dort selbst nur eineinhalb Jahre gelebt. Die Weihnachtsmärkte finde ich wunderschön. Da ist Deutschland für mich wie ein Märchenland. Ich habe auch viele Freunde in Deutschland, vor allem in Berlin.

ZEITmagazin: Kommen Sie oft nach Berlin?

Gvasalia: Ja, ich war gerade neulich erst da, an Silvester. Wir hatten eine tolle Nacht: Weil sich ein Freund von uns den Knöchel gebrochen hatte und nicht herumlaufen konnte, mieteten wir einen Partybus und fuhren damit durch die Gegend. Mitten in der Nacht waren wir irgendwo in Potsdam auf der Autobahn. Es war herrlich. Wenn ich in Berlin bin, habe ich immer das Gefühl, dass alles möglich ist. Ich hoffe, dass sich die Stadt diese Stimmung bewahrt.

ZEITmagazin: Zurzeit machen Sie allerdings in Paris einiges möglich. Gerade wurden Sie zum Chefdesigner von Balenciaga ernannt. Im März zeigen Sie Ihre erste Show. Vor zwei Jahren haben Sie mit sechs anderen Designern das Label Vetements gegründet und sind damit schnell bekannt geworden.

Demna Gvasalia

1981 geboren, studierte Mode-Design an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen. 2014 gründete er mit sechs weiteren Designern das Label Vetements. Im Oktober 2015 wurde er zum neuen Kreativchef von Balenciaga ernannt

Gvasalia: Ich glaube, viele Leute können sich mit Vetements identifizieren, weil wir so direkt sind. Unsere Entwürfe sind verständlich. Wer gerne Bomberjacken trägt, findet bei uns eine gute Bomberjacke. Wir machen Kapuzenpullover, Jeans und T-Shirts, Kleidungsstücke, die einer gewissen Haltung entsprechen. Vetements hat einen sehr klaren Standpunkt. Ich finde es sinnlos, den Models für die Modenschauen etwas anderes anzuziehen als das, was letztendlich in den Läden verkauft wird. Für Vetements entwerfen wir Kleidung, die die Leute auch wirklich kaufen und anziehen können.

ZEITmagazin: Wie war es, in Georgien aufzuwachsen?

Gvasalia: Ein Abenteuer. Ich wurde im Westen des Landes geboren, eine wunderschöne Gegend in der Nähe vom Meer. Als der Bürgerkrieg begann, mussten meine Familie und ich das Leben dort aufgeben. Wir zogen in die Hauptstadt Tbilissi, wo ich nach der Schule auch Wirtschaft studierte. Das war allerdings die Idee meiner Eltern. Ich wollte immer an eine Kunstakademie oder auf eine Modeschule, aber in den Augen meiner Eltern war das keine anständige Ausbildung. Überhaupt wird ein Mann, der auf die Kunstakademie geht, in Georgien schief angesehen.

ZEITmagazin: Warum?

Gvasalia: Mode wird dort nicht als ein seriöses Betätigungsfeld betrachtet, sondern eher als ein Hobby für reiche Töchter. Ich habe mich in Georgien immer wie ein Außenseiter gefühlt. Das Land war für mich nie ein Zuhause. In Europa erlebte ich dann die große Freiheit. Ich konnte hier auf Konzerte gehen, Leute treffen – internationale Leute, keine Georgier! Ich war hungrig, ich wollte alles entdecken und kennenlernen. In dieser Zeit wurde mir auch klar, was ich wirklich wollte: Mode-Designer werden.

ZEITmagazin: War die Mode in Ihrer Jugend auch eine Zuflucht?

Gvasalia: Das kann sein. Kleidung hat mich immer schon fasziniert. Als Kind zog ich mich mehrmals am Tag um, ich wollte immer wieder einen neuen Look ausprobieren. Meine Mutter machte das wahnsinnig. Aber meine Großmutter verstand mich. Sie hat einen großartigen Stil. Sie ist jetzt 75 Jahre alt und trägt immer noch Plateauschuhe. Früher fragte sie mich ständig nach meiner Meinung zu ihren Kleidern. Meine Großmutter gab mir erstmals das Gefühl, etwas von Mode zu verstehen.

ZEITmagazin: Hat Sie denn auch der Stil der Georgier beeinflusst?

Gvasalia: Die Leute in Georgien kleiden sich meistens ganz in Schwarz – ein bisschen düster und dramatisch. Der georgische Stil hatte für mich immer etwas Nostalgisches. Aber inwiefern er auch meine Arbeit als Designer beeinflusst, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich glaube, mein eigener Stil ist von einer Mischung aus all meinen Erfahrungen in Georgien, Belgien, Deutschland und jetzt Frankreich geprägt.

ZEITmagazin: Sie haben in Paris unter anderem für die Avantgarde-Marke Maison Martin Margiela gearbeitet. Was haben Sie während dieser Zeit über Mode gelernt?

Gvasalia: Nach meinem Studium in Antwerpen wusste ich nichts über mich und die Richtung, die ich als Mode-Designer einschlagen wollte. Erst durch die Zeit bei Margiela kam ich zu der Philosophie, nach der ich auch heute arbeite: Es geht beim Entwerfen um das Kleidungsstück selbst, um seine Struktur und Passform – nicht darum, mit den Kleidern Geschichten zu erzählen oder die Person, die sie trägt, zu verkleiden.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet in Paris ein neues Label zu gründen? Viele halten das für aussichtslos ...

Gvasalia: Ein Label erfolgreich aufzubauen ist immer schwierig. Und hier in Paris ist es definitiv am schwersten. Als wir zum ersten Mal über Vetements sprachen – damals noch in meinem Schlafzimmer –, überlegten wir sogar, das Label in Berlin zu gründen. Wir alle haben Freunde dort, und in Berlin wäre es wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten sicherlich einfacher gewesen, ein großes Atelier zu finden und sich langsam zu etablieren. Aber weil wir alle noch bei anderen Modehäusern angestellt waren und das Geld brauchten, konnten wir Paris nicht verlassen. Dafür können wir uns jetzt ein Pariser Label nennen, was sicherlich auch von Vorteil ist.

ZEITmagazin: Sie werden in dieser Saison erstmals eine Herrenkollektion für Vetements zeigen. Ist es schwieriger, Mode für Männer zu entwerfen als für Frauen?

Gvasalia: Ja, denn in der Männermode ist man viel limitierter. Die meisten Männer halten sich fern von ausdrucksstarker Kleidung. Wahrscheinlich deshalb, weil sie Angst davor haben, sich lächerlich zu machen und nicht männlich auszusehen. In meinen Augen ist das totaler Blödsinn, immerhin leben wir jetzt im Jahr 2016. Aber so ist es nun mal. Außerdem sind Männer in ihrem Stil viel beständiger. Sie wollen ihren Look nicht jede Saison ändern.

ZEITmagazin: In der Damenmode geht es zurzeit sehr darum, Frauen stark und emanzipiert aussehen zu lassen. Gibt es ein solches Ideal auch in der Männermode?

Gvasalia: Ja – Macht! Männer wollen immer noch mächtig aussehen. Allerdings ist mir aufgefallen, dass Männer heute mehr denn je einkaufen. Nicht nur Kleidung, auch Parfums und teure Kosmetik. Vor zwanzig Jahren besaß ein Mann höchstens eine Nivea-Creme. In diesem Sinne sind die Männer den Frauen ähnlicher geworden: Sie achten mehr auf ihre Pflege. Aber trotzdem ist Macht immer noch das wichtigste Ideal – vielleicht gerade deshalb, weil sich das Kräfteverhältnis zwischen Männern und Frauen in den letzten zwanzig Jahren so stark verschoben hat.

ZEITmagazin: Was halten Sie eigentlich vom Stil der Deutschen?

Gvasalia: Ich liebe die Art, wie sich die Deutschen kleiden: pragmatisch und bodenständig. Manchmal vielleicht etwas trocken, aber auch das finde ich inspirierend. Der Stil der Deutschen interessiert mich viel mehr als der Stil der Italiener oder Franzosen. Die Deutschen ziehen sich so an, wie sie sich benehmen: ordentlich und strukturiert. Mir gefällt diese Mentalität. Manchmal wünschte ich, ich hätte in Deutschland eine Schneiderlehre gemacht. Es gibt dort die besten Schulen dafür, sie sind sehr technikorientiert. Leider fehlt mir wohl die Geduld.

ZEITmagazin: Der langjährige Lanvin-Designer Alber Elbaz hat einmal gesagt, dass er nach Fertigstellung einer Kollektion immer in eine Depression verfällt, weil die Kleider dann nicht mehr ihm gehören. Geht es Ihnen manchmal ähnlich?

Gvasalia: Nein, nie. Ich bin überhaupt nicht sentimental. Kleider sind dazu da, angezogen und abgenutzt zu werden. Du trägst sie, du wäschst sie, du gibst sie jemand anderem. Nur einmal hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis: Ein paar Tage vor der Show war ich nachts im Atelier. Dort hingen bereits alle fertigen Entwürfe. Es war ganz dunkel, nur durch das Fenster fiel Mondlicht ins Zimmer. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, die Kleider wären lebendig. Es war sehr poetisch. Eine Art Erleuchtung.

ZEITmagazin: Künftig entwerfen Sie sechs Kollektionen im Jahr, zwei für Vetements, vier für Balenciaga. Fürchten Sie sich vor der Situation?

Gvasalia: Es ist sehr wichtig, sich der Gefahr der Überlastung bewusst zu sein, um sich gezielt Freiräume schaffen zu können. Aber wahrscheinlich ist das einfacher gesagt als getan. Und gerade Zeitmangel tötet die Kreativität. Man kann Kreativität nicht erzwingen. In diesem Punkt muss sich die Mode-Industrie radikal ändern, ansonsten frisst sie sich irgendwann selbst auf.

ZEITmagazin: Wie gehen Sie denn mit dem wachsenden Zeitdruck um?

Gvasalia: Ich habe mir selbst die Regel auferlegt, dass ich am Wochenende nicht arbeite. Es ist sehr wichtig, ein Leben abseits der Arbeit zu haben. Ich möchte Zeit dafür haben, meine Freunde zu sehen, im Café zu sitzen oder spazieren zu gehen. Oder einen Film zu schauen, so was wie Natürlich blond.

ZEITmagazin: Sie mögen Kitsch-Komödien?

Gvasalia: Oh ja, herrlich. Der Film ist schrecklich, aber er hilft mir, abzuschalten. Die reinste Meditation.

ZEITmagazin: Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?

Gvasalia: Am liebsten mag ich die Anproben im Atelier. Im Hintergrund läuft Musik, und es geht nur um die Kleider. Deshalb mache ich Mode: für den perfekten Schnitt und die perfekte Passform.

ZEITmagazin: Herr Gvasalia, Sie kritisieren immer wieder, dass es in der Modewelt heute mehr um Show als um gute Kleidung gehe. Sehen Sie sich als Rebell?

Gvasalia: In gewisser Weise sehe ich mich in der Modewelt immer noch als Außenseiter. Diese Position hilft mir, vieles infrage zu stellen. An den Dingen zu zweifeln sorgt für Fortschritt. Ich zweifle ständig an allem. Je mehr ich infrage stelle, desto mehr entwickle ich mich weiter. Aber ein Rebell? Überhaupt nicht! Manche Leute finden uns rebellisch, weil wir einfach so aus dem Untergrund aufgetaucht sind und unsere Kollektionen an ungewöhnlichen Orten zeigen – letztes Jahr zum Beispiel in einem Sexclub. Oh, ein Sexclub, sagten alle. Aber tatsächlich war mindestens die Hälfte der Leute, die zur Show kamen, garantiert vorher schon mal in einem Sexclub gewesen!

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