Gesellschaftskritik Über Wiedervereinigungen

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© Ethan Miller/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 9/2016

Axl und Slash. Der Typ mit dem Stirnband und den kurzen, knackengen weißen Radlerhosen und der andere Typ mit dem filzigen Zylinder über der dichten, schwarzen Lockenmähne. Im April geben sie wieder gemeinsam Konzerte, zum ersten Mal seit über 20 Jahren. Kalifornien, Vegas, Mexico City – und die Fans von damals orakeln: Folgt eine große Tournee? Kommen sie nach Deutschland? Nehmen sie ein neues Album auf?

Von einer Wiedervereinigung der Guns N’ Roses zu sprechen ist aus rein entertainmentstatistischer Sicht falsch. Sie haben sich ja nie aufgelöst nach ihrem ebenso rausch- wie rüpelhaften Höhenflug Anfang der neunziger Jahre. Damals waren sie die vielleicht größte Band auf Erden: mit dem bestverkauften Debütalbum der Rockgeschichte (Appetite for Destruction) und mit den Zwillingsplatten Use Your Illusion I + II. Die heute Jungen können ja mal auf Spotify nachhören. Den damals Jungen brachten die fünf vulgär-virilen Langhaarigen mit diesen Alben nicht nur zeilenweise explizite Lyrics in die Jugendzimmer, sondern als visuelles Zitat in Rot-Gelb oder Blau-Lila auf Covern, Postern und T-Shirts auch Raffaels Schule von Athen. Das Fresko aus dem Vatikan? Fuck, yeah! G N’ R waren globalisierter Rock-Kommerz und irgendwie auch warholeske Konsumkunst. Und im Zentrum des Sturms diese beiden, Sänger Axl und Gitarrist Slash. Weil 1996 der Erstere den Letzteren mit der restlichen Band sitzen ließ, ist es also doch richtig, wenn es jetzt heißt: Wiedervereinigung, reunion, back together. Zwei Fragen folgen daraus, die auch dem Nicht-Rockstar vertraut sind: Erstens, soll man wirklich aufhören, wenn es am schönsten ist? Mit dem echten Leben wäre das wenig kompatibel, man denke an all die schönen Ehen, Jobs, Urlaube ...

Auf der Bühne hingegen, wo der Gestus des Moments zählt, muss aufhören, wer oben ist, sofern er in dieser Höhe erinnert werden will. Soll aber, womit wir beim Zweitens wären, wer einmal einen Schlussstrich gezogen hat, dies wirklich irgendwann rückgängig machen? Hier lautet die Antwort im Rock ’n’ Roll wie im Real Life: Besser nicht. Was uns Normalos im Publikum Großmutters Lebensweisheit ist, nach der keine aufgewärmte Suppe so gut schmeckt wie eine frisch gekochte (direkter sprachen Großmütter ja nie über unsere Nicht-mehr-Exfreundinnen), das ist auf der Bühne das quasiphysikalische Gesetz von der Halbwertszeit jeder Rock-Attitüde: Wer schnell lebt, sollte seinem Publikum keinen zweiten Frühling zumuten.

22 Kommentare

Hard Rock war Anfang der Neuziger tot. Die 80ziger Jahre Bands des Genres waren im freien Fall und selbst Bands wie Metallica und Kiss liessen sich von dem Melancholie und Dünsternis Vibe namens Grunge anstecken (Höre Album Load bzw. Revenge). Guns N'Roses standen über dem ganzen. Mitten drin als Hardrock im Sterben lag wurden sie die größte (oder einer der größten) Hardrock Bands aller Zeiten. Sie waren nicht warholeske, sondern einfach nur verdammt gut.
Ich sag keinem David Bowie Fan er solle aufhören dessen Musik zu hören, weil der ja nun Geschichte ist. Ich freu mich persönlich sehr auf Guns N' Roses auch wenn ich nicht erwarte, dass alles wie früher ist. Slash übrigens, ist so gut wie eh und je. Er tourt alle zwei Jahre auch durch Deutschland.

Liebe Mika Doran,

"warholesk" habe ich nicht abwertend gemeint, im Gegenteil. Das typische bei Warhol war ja, dass er sowohl witzig und subversiv war als auch sehr massentauglich. Dass die Guns N'Roses auf einem Bestseller-Album ein visuelles Rafael-Zitat hatten, finde ich großartig.

Beste Grüße, Stefan Schmitt

So ein breit getretener Quark. Natürlich ist es toll, wenn solche guten Musiker wieder auftreten. Und natürlich ist es für die Fans toll, die guten alten Titel live auf der Bühne in den aktuellen Versionen zu hören.

Gutes bleibt gut. Neu ist niemal nur gut, weil es neu ist. Und was soll es an neuem noch geben? Atonale Popmusik? Qualtiät zählt, nicht Quantität.

Unabhängig wie man zu Guns N´Roses steht (ich stand und stehe auf so etwas nicht) ist für mich dieser aufgewärmte Kaffee, den einige Bands und Musiker vollziehen einfach nur langweilig. Mich faszinieren am meisten Bands und Musiker, die sich über die Jahre weiter entwickeln und nicht die selbe Laier rauf und runter spielen. Mich zieht so gar nichts zu einer Band oder einen Musiker, der nach Jahren wieder aus der Versenkung auftaucht und den gleichen Schmonzens von damals spielt. Das hat für mich was aus der Rubrik, "Früher war alles besser." Ne, alles hat und hatte seine Zeit und Guns N´Roses 2016 ist nichts weiter, als die Vergangenheit zu verklären. Und meist hält diese der Realität nicht stand.

Wenn ich eines heute (nach gut 20 Jahren) nicht mehr verstehen kann, dann, wie ich G´n`R je gut finden konnte. Die Stimme (oder eher das Gekrächze) von Axl Rose grenzt an Körperverletzung. Ich erkenne im Nachhinein, was ich meinen Eltern angetan habe, als ich diese Musik jahrelang auf voller Lautstärke abspielte.
Das *Vulgär-virile* (Text) finde ich heute nur noch abartig, damals fand ich es cool.

Ich würde auf das Konzert nicht einmal mehr gehen, wenn ich ein paar Hundert Dollar / Euro als Bezahlung bekäme. Wahrscheinlich tummeln sich dort die 40jährigen, die den Sprung ins Erwachsenenleben nicht vollzogen haben oder sich noch einmal jung fühlen wollen.

Liebe/r Noma,

mit ging es anders, als ich mir die alten Alben noch einmal angehört habe (auf Spotify, die Musikassetten von damals habe ich längst nicht mehr). Auch wenn die Musik heute wie aus der Zeit gefallen klingt, kann ich doch nachvollziehen, was mir als Teenager daran gefallen hat. Aber: Geschmack – darüber kann man nicht streiten.

Beste Grüße, Stefan Schmitt

Ich habe sogar noch meine alten CDs. ab und zu, wenn ein Lied angespielt wirt, verstehe ich auch noch, was ich damals mochte: Die Musik. Zumindest die der ersten beiden Alben, die beiden Use you Illusion waren mir schon damals zu weichgespüöt. Das Gekrächze von Axl Rose finde ich zwar passend, aber abstoßend.

Es bleibt dabei: Ich würde auf kein Konzert mehr gehen. Zumal sich die Jungs, allen voran Axl Rose, optisch nicht unbedingt zu ihrem Vorteil entwickelt haben.

Haha... "40jährigen, die den Sprung ins Erwachsenenleben nicht vollzogen haben oder sich noch einmal jung fühlen wollen."
Dann frühvergreisen sie doch und gehen sie nicht mehr in ein Konzert. Ich freu mich drauf stumpfe Kiddies und motzende Renter nicht zu sehen wenn ich auf ein Slash (oder Guns N' Roses) Konzert gehe.

Ich war damals im Frankfurter Waldstadion bei ihnen im Konzert. Selbst als wirklicher Fan, fand ich es nicht gut. Von der Ungewissheit, ob das Konzert halbwegs pünktlich anfängt, abgesehen.

Ich würde schon alleine wegen dieser Erfahrung nicht mehr auf ein G`n`R - Konzert gehen. Es hat mir damals nicht gefallen und heute empfände ich es als Zumutung.

Ganz davon abgesehen, dass es heute absolut nicht mehr mein Musikgeschmack ist. Sarah Brightman - gerne, aber nicht G`n`R.

Eine kleine Anmerkung an die Dame oder Herrn, die oder der sich als Coolray bezeichnet. Schon mal auf den Gedanken kommen, dass das Kürzel R'N'R auch als Abkürzung für Rock 'n Roll dienen könnte?
Egal was man jetzt über die Musik von Guns 'N Roses denkt. Aber jeder Musikstil hatte sein Zeit. Und Axel und seine Spießgesellen waren nun mal zur rechten Zeit am richtigen Ort.
Und wenn die Jungs nur wieder mal in die Saiten hauen, um Kohle zu scheffeln. Was soll's, Hauptsache sie haben Spaß dabei und wir können, wenn wir wollen, daran teilhaben. Man lebt schließlich nur einmal.
Damals war deren Musik eigentlich gar nicht so mein Geschmack, aber erst seit ich ab Beginn der 2000ern ständig mit akustischem Sondermüll, mit ganz wenigen Ausnahmen, tagtäglich in ständiger Wiederholung zu gestresst werde, erinnere ich mit Wehmut an die Musikszene aus den Siebzigern, Achtzigern bis hin zu den Neunzigern und erfreue mich deshalb immer wieder erneut, wenn ich einige wenige dieser Raritäten noch käuflich erwerben kann und beim Hören genüsslich feststelle, was für eine entspannte Zeit es damals war und die Musik aus deren Epoche mich dabei unterstützte, sie auch also so zu empfinden.

Von einem Typ, der vor 1975 geboren wurde.

Das ist das Schöne an Musik und vielen anderen Unterhaltungsformen, lieber Herr Schmitt, sie sind freiwillig. Wer noch immer ganz heiß auf Guns N' Roses, kann mehrere hundert Dollar aufbringen und zum Konzert pilgern, wer die Band nicht mehr oder noch nie mochte, bleibt einfach fern und ich nicht davon betroffen.

Als absolut unbeteiligte Person etwas schlecht zu reden, was anderen wiederum Spaß bereitet, nur weil es vermeintlich überholt ist, halte ich jedenfalls für reichlich miesepetrig.
Es ist einzig die Entscheidung von Axl und Slash ob sie ihren vermeintlichen Mythos dem schnöden Mammon opfern wollen. Die Erinnerung an alte Höhen werden sie damit nicht ruinieren. Maximal einen faden Nachgeschmack reichen.

Liebe/r Taranis,

absolut freiwillig, da haben Sie ganz Recht.
Mir ging es ja eher darum, dass dies ein wiederkehrendes Muster in der Musikwelt ist. Und dann: "(…) Zwei Fragen folgen daraus, die auch dem Nicht-Rockstar vertraut sind: (…)"

Beste Grüße, Stefan Schmitt

Worte eines Redakteurs der keine R'N'R Spirit hat und wahrscheinlich die 80iger als Teen erlebte ;-)
Nein! Aufhören wenns am schönsten ist immer besch.... und spiegelt unsere total bekloppte Kosten-Nutzen-Wirtschaftlichkeit-Gesellschaft wider!!!!
Weitermachen mit dem was einem Spaß macht auch wenns nichts bringt. Die eigene Seele und die der anderen, auch wenn es weniger werden, glücklich zu machen ist eine wundervolle Tätigkeit.
R'N'R Grüße eines Bassisten

SORRY ..aber ich habe selten so nen Quark gelesen.
1. Frage..was soll R´N´R Spirit sein ??
wenn dann G`N`R Spirtit...das mal am Anfang
2. was glauben sie ,warum Slash auf einmal wieder mit Axl auf der Bühne stehen wird ??
garantiert nicht wegen dem von ihnen beschworenen SPRIT. Es sei den der Sprit besteht aus vielen Dollar Noten.
Es gibt viele Musiker , deren einziger Spirit besteht noch darin, soviel Kohle wie möglich mit zunehmen. Und zu dieser Kategorie zählen Axl und Slash.

Es tut mir leid ihnen ihre Illusionen zerstören zu müssen..aber das Leben istnun mal so.

Die drei Millionen Dollar, die sie per Auftritt verlangen, wird aber sich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag dazu leisten, die Seelen der Band glücklicher zu machen.

Persönlich würde ich ja sagen, dass "Aufhören wenns am schönsten ist" das genaue Gegenteil der Wirtschaftlichkeitsdenke darstellt, bei der man die Kuh melkt, solange es geht (bzw. der finanzielle Anreiz größer ist als die gegenseitige Antipathie).

Liebe/r Maikafer123,

was das betrifft, liegen Sie richtig: ich habe die (späten) Achtziger als (früher) Teenager erlebt, das Debutalbum der Band auch erst später entdeckt. Die Platten, die danach kamen, gehörten für mich zum Soundtrack meiner Schulzeit. Hat Spaß gemacht, die in der Vorbereitung auf den Text wieder anzuhören. Aber es ist eben auch Musik, die man nicht losgelöst von ihrer Zeit hören kann, daher bin ich so skeptisch, was neue Auftritte oder gar neue Platten angeht.

Beste Grüße, Stefan Schmitt

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