Harald Martenstein Über den Vorteil der Schwerhörigkeit

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ZEITmagazin Nr. 9/2016

Früher habe ich mich manchmal über den Berliner Verkehrslärm geärgert, vor allem über das dauernde Gehupe. Eines Tages dachte ich, toll, die Leute sind endlich rücksichtsvoller geworden. Im vergangenen Frühling sagte ich, beim Frühstück im Garten, dass ich das Summen der Bienen schön finde. Aber da waren keine Bienen, sondern eine Motorradgang mit einem Dutzend schwerer Maschinen fuhr vorbei. Offenbar höre ich schlecht.

Ich merke es vor allem, wenn in meiner Umgebung mehrere Leute gleichzeitig reden, zum Beispiel im Restaurant. Da kriege ich nichts mit. Inzwischen habe ich gelernt, dass es auch sehr gut möglich ist, ohne Gehör an einer Gesprächsrunde teilzunehmen. Hauptsache, man macht einen zugewandten Eindruck. Hin und wieder nicke ich oder lächle wissend. Die Leute mögen das. Seit ich nichts mehr höre, gelte ich zum ersten Mal als ein Mensch, der gut zuhören kann.

Wenn mich jemand etwas fragt und ich nichts mitkriege, antworte ich lächelnd Allgemeinplätze wie "Gute Frage" oder "Ich glaube, darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken". Das wirkt, je nach Frage, ironisch, antipatriarchal, antihegemonial oder nachdenklich. Inzwischen glaube ich, dass die meisten Menschen, die als nachdenkliche Intellektuelle gelten, einfach nur schwerhörig sind.

Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich auch manchmal: "Entschuldigung?" Die Menschen wiederholen dann ihren letzten Satz. In 50 Prozent der Fälle verstehe ich auch die Wiederholung nicht. Ich sage dann wieder etwas Allgemeines, etwa "Ach so" oder "War ja eh klar". Fast immer kommt das beim Gegenüber gut an. Die Menschen sind inhaltlich weniger anspruchsvoll, als ich glaubte. In politischen Diskussionen sage ich natürlich andere Sachen, zum Beispiel "Genau in diese Richtung müsste die Debatte sich endlich bewegen". Widerspruch, der lange, komplexe Antworten provoziert, kann ich mir wegen meines Gehörs nicht mehr leisten. Schwierig ist es, wenn ich in einer Runde mithilfe einiger Wortfetzen mitkriege, dass es grundverschiedene inhaltliche Positionen gibt. Wenn ich zu der einen Person gesagt habe: "Das sehe ich ähnlich", und jetzt hält mir Person Nummer zwei einen langen Monolog, um mich umzustimmen – was tue ich dann? Ich sage: "Darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken."

Es sind die Gene. Ich war mit meiner Mutter im Restaurant, der Kellner fragte, so laut, dass sogar ich es hörte, was sie zum Nachtisch möchte. Sie lächelte und sagte: "Danke, sehr gut." In diesem Fall bringen sie immer Tiramisu.

Es gibt natürlich die Option, die Leute dazu zu bringen, richtig laut zu werden. Dann könnte ich wieder mitreden. Aber ich tue mich wahnsinnig schwer damit. Ich könnte sagen: "Sie reden einen totalen Scheiß daher, Sie Schwachkopf", obwohl das nicht mein Stil ist. Aber es wäre dann nahezu sicher, dass mein Gegenüber die Stimme hebt. Aber vielleicht hat mein Gegenüber etwas Harmloses gesagt, zum Beispiel: "Meine Tochter ist eine sehr talentierte Zeichnerin, aus der wird mal was." Und ich antworte: "Sie reden einen totalen Scheiß daher, Sie Schwachkopf!" Da antworte ich dem stolzen Vater doch lieber: "Darüber muss ich erst mal eine Weile nachdenken."

Ich könnte ein Hörgerät kaufen. Aber es ist auch eine spannende Erfahrung, so zu leben. In der aufgeheizten politischen Atmosphäre, die wir im Moment haben, ist Schwerhörigkeit ein Vorteil. Fast alle Leute wirken sympathischer, solange man nicht hört, was sie sagen. Sie sehen nett aus. Wenn wir uns alle nicht mehr hören, hat dieses Land eine Zukunft.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

So kann man es auch machen. Nichts hören, um nicht mit der Realität konfrontiert zu werden. Um sich bloß nicht auf eine Debatte mit dem Gegenüber einzulassen.
Bravo!

Und sich dann wundern, warum der Pöbel dann mit Fackeln den Elfenbeinturm umkreist und so gar nicht diskussionsbereit ist.

Man sollte abtreten, wenn man nicht mehr in der Lage ist, seine Kämpfe auch auszufechten. Hinsetzen und taub stellen, klappt vielleicht noch in Elefantenrunden in den richtigen Kreisen - die Leute in der Realität, wollen aber Antworten.- Oder sich schnitzen sich selbst welche.