© Jason Nocito

Iggy Pop Real Wild Child

ZEITmagazin Nr. 9/2016

Iggy Pop hat den Rock-'n'-Roll- Wahnsinn der vergangenen 40 Jahre überlebt. Wie eigentlich? Ein Interview von

Als Iggy Pop an einem frostigen, strahlend hellen New Yorker Wintertag die Hotelsuite mit Panoramablick über den Central Park betritt, fällt zuerst auf, dass er viel kleiner ist als erwartet. Der 68-jährige Rocker trägt die sehr blonden Haare schulterlang, einen schwarzen Pullover, schwarze Jeans und ist stark gebräunt. Sein Lächeln ist breit, die Zähne sind strahlend weiß. Vorab bat sein Manager darum, dass man bitte nicht zu viel über David Bowie sprechen möge. Am Vorabend habe Iggy Pop gemerkt, wie sehr ihn das Thema aufwühle. Er sei Bowie und dessen Familie bis zuletzt sehr nah gewesen und nun entsprechend erschüttert, sagt ein Mitarbeiter der Plattenfirma. Vor dem Weltmeister der Exzesse steht eine kleine Plastikflasche mit stillem Mineralwasser, dazu bestellt er Fencheltee.

ZEITmagazin: Herr Pop, die Geschichten über Ihre früheren Zerstörungsorgien in Hotels sind Legende. Wo haben Sie noch Hausverbot?

Iggy Pop: Haiti ist ein Ort, wo ich in keinem Hotel mehr willkommen bin. Da habe ich mich damals auch wirklich sehr schlimm aufgeführt. Und die Menschen in Haiti haben offenbar ein gutes Gedächtnis (lacht sehr laut). Überall sonst wurden meine Entschuldigungen und Reparaturzahlungen für meine Ausschweifungen akzeptiert. Ich bemühe mich, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dabei geht es nicht nur um Geld, ich versuche auch, mich bei all den Menschen, die ich verletzt habe, zu entschuldigen. In meinem Alter ist es mir ein Anliegen, für einige meiner Sünden geradezustehen.

ZEITmagazin: Seit wann blicken Sie zurück und versuchen Ihr Leben zu ordnen?

Iggy Pop

68, heißt eigentlich James Osterberg und war in den sechziger Jahren Mitbegründer der Band The Stooges, deren brachiale Songs als Vorlage für Punkrock gelten. 1977 zog er mit David Bowie für zwei Jahre nach Berlin. Ende März erscheint Iggy Pops neues Soloalbum "Post Pop Depression". Der Musiker und Schauspieler ist in dritter Ehe verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Pop: Ist das nicht ein ganz natürlicher Vorgang, wenn man in die Jahre kommt? Ich treffe eben ständig Menschen, die mich daran erinnern, was ich in meinem Leben alles verbrochen habe. (lacht hysterisch auf) Rückblicke und Reue waren früher nie mein Ding. Ich hab eher versucht, mich rechtzeitig aus dem Staub zu machen. Aber in meinem Alter kann ich auch mal um Vergebung bitten.

ZEITmagazin: Wenn nur zehn Prozent der Geschichten über Ihre Selbstzerstörungen stimmen, ist es ein Wunder, dass Sie hier so unversehrt sitzen.

Pop: Sie haben recht. Das ist ein Wunder, ich weiß das.

ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt, dass Sie ohne Ihre Eltern wohl nicht mehr am Leben wären ...

Pop: Meine Eltern waren bedingungslos für mich da. Der Schmerz, dass sie nicht mehr leben, sitzt tief. Erst in ihren letzten Jahren konnte ich mich ein wenig revanchieren.

ZEITmagazin: Wie denn?

Pop: In den Neunzigern ging es meiner Mutter so schlecht, dass mein Vater es nicht mehr schaffte, sie angemessezu versorgen, und sie in ein Heim geben musste. Danach verletzte er sich selbst so schwer, dass auch er zum Pflegefall wurde und in dasselbe Heim wie meine Mutter kam. Mein Vater hatte sein Leben lang eine große Geldpanik und fürchtete sich vor dem sozialen Absturz. Meine Eltern sind in der Zeit der Großen Depression aufgewachsen. Sie waren bettelarm. Als Erwachsene hatten sie ausreichend Rücklagen, aber dachten trotzdem immer, dass ihr Ruin unvermeidbar sei. Kurz bevor sie ins Heim kamen, hatten sie 25.000 Dollar in ein neues Auto investiert. Das bereuten sie sehr. Also rief mich mein Vater an und sagte: "Jim, du verdienst doch mittlerweile etwas Geld. Könntest du da 25.000 Dollar für uns abzweigen?" Als ich sagte: "Kein Problem, Dad!", war er verblüfft. Nachdem ich die Summe überwiesen hatte, rief er aufgeregt an und sagte: "Unglaublich, das Geld ist wirklich auf unserem Konto angekommen."

ZEITmagazin: Waren Sie stolz?

Pop: Ja, das war ich. Ich war immer ihr durchgeknallter Sohn Jim, und auf einmal überwies ich ihnen diese große Summe. Das war ein gutes Gefühl. Trotzdem: Ein guter Sohn bin ich nie gewesen. Diese Rolle hat mich überfordert. Ich war auch als Ehemann und Vater eine Niete. Ich war nie solide, verlässlich oder einfach nur anwesend. Ich hatte immer zu viel mit mir selbst zu tun, um für andere da sein zu können.

ZEITmagazin: Sie sind in einer Wohnwagensiedlung in Detroit aufgewachsen. Verdiente Ihr Vater als Lehrer nicht genug für eine Wohnung?

Pop: Mein Vater war achtzehn, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Eigentlich strebte er eine Karriere als Baseballspieler an und war auch recht erfolgreich. Dann traf er meine Mutter, ihre Liebe war groß, und sie beschlossen zu heiraten. Als er aus dem Krieg zurückkehrte, war er Mitte zwanzig und kurz davor, Vater zu werden. Er nutzte dann die sogenannte G. I. Bill, die es Kriegsheimkehrern ermöglichte, ein College zu besuchen. Nach sechs Jahren hatte er einen Abschluss und wurde Englischlehrer. Da war er über dreißig. Raten Sie mal, was er im Jahr verdiente.

ZEITmagazin: 20.000 Dollar?

Pop: Fast: 2.000 Dollar. Bevor er meine Mutter traf, lebte mein Vater mit elf Mitbewohnern in einer Holzhütte im Wald. Kaltes Wasser gab es in der Nähe aus einer Pumpe. Sein Vater, ein Seemann, hatte sich vor seiner Geburt aus dem Staub gemacht, seine Mutter war früh gestorben, und er ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Der Trailer, in den er dann mit mir und meiner Mutter zog, gab ihm Sicherheit. Er zahlte einen Dollar Miete pro Tag. Erst war es ein kleiner Trailer, ich erinnere mich genau, wie der aussah, und später, als mein Vater etwas mehr verdiente, lebten wir in einem größeren Wohnwagen. Meine Mutter träumte aber immer von einem richtigen Haus. Nachdem mein Vater in Rente gegangen war, erfüllte er ihr diesen Traum und kaufte eine kleine Hütte an einem See in Michigan.

30 Kommentare

Schönes Interview, kluger Mann. Wie Bowie ist auch er bzw. seine Musik dauerhafter Teil meiner Jugenderinnerungen: als ich 17 Jahre alt war bin ich zum ersten Mal nach Berlin gefahren, mit meinem besten Freund, weil wir wußten, dass Iggy und Bowie dort lebten. Bowie trafen wir nicht, aber Iggy:-)

Ach, Iggy! :-) Ich mag ihn. Ein Showman durch und durch. Und trotz musikalisch nicht atemberaubender Leistungen habe ich immer seine Energie bewundert. Und dass er nie abgehoben und arrogant geworden ist. Der "Passenger" ist eines meiner Lieblingssongs.

Iggy Pop hat mit "Raw Power", "Kill City" und "American Caesar" die Rolling-Stones-Alben gemacht, die die Stones nie fertig gebracht haben.
David Bowie hat ihm mit "The Idiot" und "Lust For Life" brillante Musik auf den Leib geschrieben, die noch besser war als Bowies eigene Werke zu dieser Zeit.
Die Intensität der Stooges-Live-LP "Metallic K.O." wurde nie übertroffen.

Naja, der größte Rocker aller Zeiten ist ja wohl echt übertrieben. Geht wohl eher darum, dass mehr Leser für das Interview zu gewinnen. Aber der Posten größter Rocker aller Zeiten ist leider schon vergeben. An Angus Young. Sorry, liebe Zeit-Redaktion. ;-)

Großartiger Mensch und großartiger Musiker!
Live long and prosper, Iggy/Jim!

Sind ja nun echt schon genug Große heimgegangen in lezter Zeit, erst Lemmy, jetzt Bowie...
Shit!

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Ja, wenn man von Iggy noch nie was gehört hat ist das schlimm!
Man hat verdammt viel verpasst...

Holen Sie's nach! Unbedingt! Es lohnt sich!

(dann halten Sie Mick Jagger auch nicht mehr für den Größten)

Ist es schlimm, wenn man von Iggy Pop und The Stooges noch nie etwas vernommen hat? Dafür aber durchaus ein Fan der Rolling Stones ist?
Yesterday ... - ach so das sagen ja die Beatles. Aber Iggy Pop - nie gehört und soll der größte Rocker aller Zeiten sein? Und was ist dann mit Mick Jagger?

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