Das war meine Rettung "Mein Pferd war für mich immer mein bester Freund"

Innegrit Volkhardt leitet heute Münchens bekanntestes Hotel, weil sie ein Vorbild hatte. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 9/2016

ZEITmagazin: Frau Volkhardt, Sie tragen gern Schwarz. Drückt das eine Haltung aus?

Innegrit Volkhardt

50, leitet in München den Bayerischen Hof. Es ist das umsatzstärkste Hotel Deutschlands und wird seit fast 120 Jahren von ihrer Familie geführt. Volkhardt wohnt mit ihrem Lebensgefährten außerhalb von München.

Innegrit Volkhardt: Mit Schwarz kann ich in meinem Beruf nichts falsch machen. Es ist für mich wichtig, nicht im Vordergrund zu stehen. Wenn ich in einem grasgrünen Kleid durch das Hotel ginge, würde mich jeder sehen und sagen: Wie läuft die denn rum? Es wäre nicht gut, wenn Leute sich über mich Gedanken machen. Ich möchte mein Naturell aber nicht als schwarz und düster bezeichnen. Im Urlaub liebe ich es sogar, bunte Farben zu tragen. Seit vielen Jahren habe ich ein rosa Kleid, das ich sehr schön finde, wenn die Sonne scheint, und das zu tragen für mich innerlich eine totale Befreiung ist. Ich fahre im Urlaub immer in die Sonne, weil ich mich da extrem wohlfühle. Dort kann ich kurze Zeit nur für mich leben, übers Meer schauen und einfach an nichts denken. Ich bin sehr gern mit Menschen zusammen, aber im Inneren bin ich eine Einzelgängerin. Im Urlaub bin ich ein anderer Mensch, während ich im Alltag 14 Stunden am Tag diszipliniert bin, selbstlos, nur für andere da.

ZEITmagazin: Sie führen den Bayerischen Hof in der vierten Generation Ihrer Familie. Wie war es für Sie, dass Sie als Kind Ihre Eltern wohl wenig gesehen haben?

Volkhardt: Ich glaube nicht, dass mir irgendwas abgegangen ist. Meine Eltern haben es ganz klug gemacht: Sie hatten wenig Zeit für mich, aber sie haben ihrer Tochter eine andere Familie geschaffen. Ich hatte zum einen ein Kindermädchen und habe schon ganz früh ein Pferd bekommen. Nach der Schule war ich bei ihm und habe gar nicht gemerkt, dass zu Hause niemand war. Mein Pferd war für mich immer mein bester Freund. Ich hatte eine erfüllte Jugend, obwohl ich sehr früh schon Verlust gespürt habe. Als ich ungefähr zwölf war, hat mein Kindermädchen geheiratet und war weg, und so ging es mir in der Schulzeit auch immer wieder mit meinen Freunden. Ich war auf einer internationalen Schule mit Kindern aus Diplomatenfamilien, die alle paar Jahre in eine andere Stadt gezogen sind. Wenn ich mal Freunde gefunden habe, waren sie irgendwann plötzlich weg, und ich habe sie nie wiedergesehen.

ZEITmagazin: Haben diese Verluste Ihr Leben besonders beeinflusst?

Volkhardt: Dadurch, dass ich viele Menschen kennengelernt habe, habe ich in meinem Leben auch viele verloren. Ich war wahrscheinlich auf mehr Beerdigungen als die meisten anderen Menschen. Und ich habe auch viele Tiere gehabt und verloren. Mein erstes Pferd ist glücklicherweise sehr alt geworden. Es ist gestorben, als ich 29 war und schon wusste, dass das mit zum Leben gehört. Natürlich war ich trotzdem todtraurig. Nachdem mein letztes Pferd vor zwölf Jahren nach 24 Jahren an meiner Seite gestorben war, habe ich mir Esel gekauft, weil ich mein Pferd nicht einfach durch das nächste ersetzen wollte. Jetzt habe ich vier Esel und zwei Katzen. Das ist, wenn Sie so wollen, mein Kinderersatz. Den Tieren gegenüber muss ich kein schlechtes Gewissen haben, dass ich mich auf den Beruf konzentriere. Einfach in der Früh meinen Esel in den Arm zu nehmen ist für mich wie eine Therapie. Das Gefühl zu haben, dass da jemand ist, der sich freut und auch Ruhe zulässt. Für mich ist Ruhe total wichtig, und das ist natürlich im normalen Alltag undenkbar. Oder wenn ich abends nach Hause komme, wartet meine Miezekatze auf mich, dann nehme ich sie in den Arm, sie schnurrt, und ich bin wieder ich.

ZEITmagazin: Gerd Käfer, der voriges Jahr verstorbene Chef von Feinkost Käfer, sagte mal, Sie könnten sich nichts gönnen.

Volkhardt: Er hat mich nie außerhalb meines Berufs erlebt, und er war selbst ein Mensch, der sich wenig Zeit genommen hat, aus seinem Berufs-Ich herauszutreten. Gerd Käfer war ein großes Vorbild für mich. Ohne ihn wüsste ich heute nicht, wo ich wäre. Mit 18 war ich mit der Schule fertig, habe überlegt, dass ich mir die Arbeit im Hotel mal anschauen sollte, und habe dann in unserem Betrieb gelernt. Das fand ich ganz okay, mehr aber auch nicht. Mit 20 bin ich für ein Praktikum zu Gerd Käfer gegangen, und er hat es geschafft, mich für diesen Beruf zu begeistern.

ZEITmagazin: Wie kam das?

Volkhardt: Ich habe gesehen, wie er Situationen meisterte, bei denen alle gesagt haben, das würde nie im Leben funktionieren. Doch am Ende des Abends war alles wunderbar. Das war für mich die Rettung, ich wusste plötzlich ganz genau, was ich will. Gerd Käfer hat mich gelehrt, wie man in diesem Beruf zaubern kann, wie man mit Leidenschaft Dinge bewegen kann. Er hat mir gezeigt, dass alles machbar ist, wenn man nur will.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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