Ich habe einen Traum Ryan Reynolds

"Ich fahre mit dem Motorrad von München über die Alpen nach Wien"

© Oliver Mark
Von
ZEITmagazin Nr. 9/2016

Ich fahre leidenschaftlich gern Motorrad, auch in meinen Träumen. Wenn ich nicht einschlafen kann, stelle ich mir eine Route vor und fahre sie in Gedanken – zum Beispiel von München über die Alpen nach Wien. Andere zählen Schafe, ich fahre im Kopf Motorrad. Das hilft mir, abzuschalten und mich von all dem zu lösen, was mich stresst oder ängstigt. Ich leide unter einer starken inneren Unruhe, es ist schon vorgekommen, dass ich nächtelang keinen Schlaf gefunden habe. Mein kleiner Meditationstrick hilft mir, ruhig zu werden.

Ryan Reynolds

39, geboren in Vancouver, wurde als Schauspieler durch die Filme Party Animals und Blade: Trinity bekannt. Zurzeit ist er als Hauptdarsteller in der Comicverfilmung Deadpool im Kino zu sehen.

Meine Unsicherheit und meine Ängste wurzeln in meiner Kindheit. Ich erinnere mich an einen frühen Albtraum. Ich verbrachte mit meinem Vater und meinen Brüdern ein Wochenende in einer kleinen Hütte am Loon Lake bei Vancouver, ich war ungefähr fünf Jahre alt. Am Seeufer gab es viele ungewöhnlich große Ameisen. Im Traum sah ich die Ameisen in der Hütte herumkrabbeln. Sie waren überall, auf dem Boden, an der Decke, auf meinem Körper. Es war eine merkwürdige Form von Klartraum – ich war wach, konnte mich aber nicht bewegen oder um Hilfe rufen. Ich war gefangen und konnte nicht unterscheiden, ob all das real war oder nicht. Es war einer der schlimmsten Momente meines Lebens.

Am nächsten Tag habe ich meinem Vater von diesem Albtraum erzählt. Er wollte nicht mit mir darüber reden, es war ihm unangenehm. Im Grunde war es dieser Moment, der mir im Gedächtnis geblieben ist, mehr noch als der Albtraum selbst. Ich fühlte mich sehr allein.

Die Beziehung zu meinem Vater war immer schwierig. Er war ein harter Kerl. Er liebte seine Familie und hat als Polizist sehr hart für sie gearbeitet. Aber zu Mitgefühl oder Empathie war er nicht wirklich fähig. Wahrscheinlich, weil er selbst eine schwierige Kindheit gehabt hatte – mein Großvater, ebenfalls Polizist, war auch so ein harter, oft gefühllos wirkender Mann. Zum Glück wurde die Kette in dieser Generation durchbrochen, meine beiden Brüder sind zwar auch Polizisten geworden, sind aber sehr liebevolle Väter. Ich habe meinen Vater geliebt. Bis zu seinem Tod vor vier Monaten habe ich mich um ein besseres Verhältnis zu ihm bemüht, aber das war nicht einfach. Deshalb bemühe ich mich, mit meiner kleinen Tochter anders umzugehen.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Fantastereien nicht gern gesehen waren. Auf die Idee, von Hollywood zu träumen, wäre ich nie gekommen. Ich wollte Lehrer werden, in einer Polizistenfamilie war das schon rebellisch. Mit der Schauspielerei habe ich dann später angefangen, um von zu Hause wegzukommen.

Als Kind einer Polizistenfamilie habe ich großen Respekt vor Waffen. Vielleicht finde ich auch deswegen den Waffenwahn in den USA so beängstigend: Amerika bringt regelmäßig Massenmörder hervor und macht ihnen den Zugang zu Waffen trotzdem so leicht. Und ein großer Teil der Politiker ist nicht bereit, daran etwas zu ändern. Immer wieder das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten – das ist die Definition von Wahnsinn. Ich denke, diese alten Waffengesetze aus der Gründerzeit der Nation müssten dringend überprüft und neu bewertet werden.

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1 Kommentar

Ein authentischer Bericht, etwas traurig und dennoch voller Hoffnung, weil der Verfasser Ryan Reynolds den Circulus vitiosus bezüglich seines Polizisten-Vaters durchbrochen hat: "Deshalb bemühe ich mich, mit meiner Tochter anders umzugehen."

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