Alexander Gauland Die Rolle seines Lebens

Er war Staatssekretär und Herausgeber einer Tageszeitung, er ist ausgesprochen höflich und sehr gebildet. Was macht einer wie Alexander Gauland bei der AfD? Von

ZEITmagazin Nr. 10/2016

Es ist Ende Januar, als Alexander Gauland das erste Mal Polizeischutz braucht. Er ist auf dem Weg nach Thüringen, und irgendwann auf der Autobahn ist nicht klar, ob er an diesem Abend überhaupt auftreten kann. Sein Mitarbeiter telefoniert mit den Beamten. Sie könnten für Gaulands Sicherheit nicht garantieren, heißt es. Vielleicht muss die AfD-Kundgebung in Jena abgesagt werden, zu viele Gegendemonstranten. Gaulands Fahrer zischt: "Kriminelle!" Und Gauland lächelt. Es ist ein hintergründiges Lächeln, der Mund geschlossen, nur die Augen verraten Amüsement.

Einerseits bereitet es ihm Vergnügen, wie viel Aufmerksamkeit er erregt, andererseits kann er nicht fassen, dass er bedroht wird. Wegen seiner politischen Meinung. Im Augenblick löst Gauland, egal, wo er auftritt, Schnappatmung aus – entweder aus Abscheu oder aus Bewunderung. Dazwischen gibt es nichts.

Gauland wird in diesen Tagen 75, er trägt gern Tweedsakkos und Cordhosen. Nie würde er eine Dame unterbrechen oder auch nur vor ihr durch eine Tür schreiten. In seiner Partei duzt er einen einzigen Menschen, den er seit mehr als vierzig Jahren kennt. Das Internet benutzt er nicht, seine Mitarbeiter drucken ihm die Mails aus. Gauland ist ein Mann des vergangenen Jahrhunderts und trotzdem die Hoffnung seiner Partei. Vor allem im Westen soll er im Wahlkampf um die bürgerlichen Stimmen werben.

Gauland war Büroleiter des Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann, später Staatssekretär in Hessen, dann vierzehn Jahre lang Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) in Potsdam, schrieb Bücher über Helmut Kohl, die Windsors, das Konservativsein. Nun ist er Vizechef der AfD und Landesvorsitzender in Brandenburg.

Er ist einer der wenigen in seiner Partei, der die konservative bürgerliche Mitte erreichen kann, weil er sie personifiziert. Er polarisiert nicht so stark wie Björn Höcke oder Frauke Petry. Obwohl auch seine Sätze oft verstören. Wenn er Flüchtlinge mit "Barbaren" vergleicht, die über den Limes kamen und zum Untergang des Römischen Reiches führten. Nur, aus seinem Mund klingen die Worte wohlformuliert. Vielleicht sind sie deshalb umso gefährlicher?

Es gibt diese Auftritte, zum Beispiel in Erfurt im vergangenen Oktober, Gauland zitiert den Grünen-Politiker Jürgen Trittin: "Deutschland verschwindet jeden Tag immer mehr, und das finde ich einfach großartig." Die Menge skandiert: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen." Aber Trittin hat diesen Satz nie gesagt. Gauland muss sich später dafür entschuldigen. Wenn AfD-Anhänger "Lügenpresse" oder "Volksverräter" brüllen, presst Gauland die Lippen schmal und schweigt. Er steht dann auf der Bühne und, ja, was? Genießt er den Jubel der Masse, verabscheut er ihn, oder rätselt er, wo er da hineingeraten ist?

Es fällt schwer, diese Auftritte mit dem Mann in Verbindung zu bringen, der im persönlichen Gespräch differenziert, angenehm und selbstironisch sein kann. Einer, der viele Jahre Kolumnen schrieb im Berliner Tagesspiegel, der zur Mediengruppe von Dieter von Holtzbrinck gehört, der auch 50 Prozent der Anteile an der ZEIT hält. Einer, der über die Parteigrenzen hinweg als angesehener Gesprächspartner galt.

Wie geschah die Radikalisierung des Alexander Gauland? Ist er ein bürgerlicher Intellektueller, der seine Mitte verloren hat? Oder verliert gerade das ganze Land seine Mitte?

Auf der Autobahn nach Jena schneit es. Kurz vor der Stadt hält Gauland an einer Raststätte, wieder Telefonat mit der Polizei. Die AfD-Kundgebung wird doch nicht abgesagt. In Jena steigt Gauland in ein Polizeiauto um, die Beamten fahren ihn zur Demonstration. Sie machen Selfies von sich mit dem Star der AfD. Einer von ihnen sagt zu Gauland: "Der Wagen wird durch Sie richtig aufgewertet."

In einer engen Gasse stoppt das Auto, alle Wege zum Marktplatz sind von Gegendemonstranten blockiert. Polizisten nehmen Gauland in die Mitte und begleiten ihn bis zum Rednerpult. Vor Gauland warten etwa 750 AfD-Anhänger, hinter ihm 2.500 Gegendemonstranten, die laut Technomusik abspielen. Gauland steht genau dazwischen. Die Menge vor ihm ruft: "Merkel muss weg!" Gauland stützt sich auf den Stiel einer Deutschlandflagge. Vierzig Jahre war er in der Partei der Kanzlerin.

Vor Gauland betritt Björn Höcke die Bühne, Lehrer, Thüringer Fraktionsvorsitzender und der wohl umstrittenste AfD-Politiker im Moment. Unter anderem stellte er abstruse Thesen über die angeblich unterschiedlichen Reproduktionsstrategien von Afrikanern und Europäern auf. In Jena greift er die Asylpolitik der Regierung an. "Die Flüchtlinge sind jung, muslimisch, männlich und überwiegend ungebildet. Sie sind keine Bereicherung für unser Land." Worte wie Brandsätze. Die Gegendemonstranten drehen die Musik lauter. Höcke nennt sie "rot lackierte Nazis". Daraufhin rufen die AfD-Anhänger: "Nazis raus!" Hinter der Bühne bekommen die Gegendemonstranten nicht sogleich mit, von wem die Parole stammt, und stimmen ein. Für ein paar Sekunden rufen beide Seiten vereint in bizarrem Chor: "Nazis raus!"

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Kommentare

52 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Was will Gauland in der AfD?

Das, was die meisten dort wohl suchen: Gefühlt immer zu kurz gekommen, jetzt mal richtig Dampf ablassen.

Gauland scheint objektiv nicht "zu kurz gekommen". Aber, da gleicht er Oskar Lafontaine, er ist ein Narziss und als solcher sieht er nur zwei Optionen: Sieg oder verbrannte Erde.

Moment mal: Gauland als der Lafontaine der CDU...interessanter Gedanke...

Verbitterte, zukurzgekommene Ehrgeizlinge und Narzissten sind die beliebtesten Ziele von industriellen und staatlichen Spionen zum Umdrehen und Anwerben. Dann sind sie plötzlich gefragt und werden gebraucht.

Das so ein erfahrener Polit- und Medienrentner aus der früheren Hessischen Stahlhelmfraktion nun für Putin wirbt und sich in dessen Botschaft beraten läßt, ist schon sehr merkwürdig.

Alles ja ganz nett, aber:

"Gaulands ehemaliger Chef Walter Wallmann sagte früher zu Gauland, dass er ein guter Beamter, aber kein Politiker sei. Er könne nicht auf Menschen zugehen. Alexander Gauland war immer oben, aber stets in der zweiten Reihe. Diese Partei ist seine letzte Chance auf die erste Reihe."

Ich weiß, Journalismus hat keine wissenschaftlichen Zitierregeln, aber ein kleiner Hinweis auf die FAS, in der das genauso vor ein paar Monaten stand, wäre keine schlechte Idee gewesen. Sie wissen ja, was die Leute heutzutage gerne über die Presse alles erzählen.