"Die Kunst, stilvoll älter zu werden" Als ich alt wurde

Erste Knitterungen! Was tun? © Photocase

Erste Knitterungen! Was tun? Girlies jammern, alte Herren werden sentimental, die Queen rät auf Twitter zu Gin. Letztlich ist es natürlich eine Stil-Frage. Ein Vorabdruck Von

DIE ZEIT Nr. 10/2016

Neulich musste ich sehr lachen, Altern wird so obsessiv! In der Zeitung wurde eine Schauspielerin zum Thema Altern befragt, Überschrift: "Anfang 30", sie sagte: "Ich bin froh um meine Sommersprossen, weil man meine Falten nicht so sieht!" Meine Falten? Anfang dreißig? Ich wollte gar nicht weiterlesen. Tat es doch. Ich las, die Frau gehe jetzt früher ins Bett und sehe morgens trotzdem zerknittert aus. Ich dachte: Liebes! Komm zum Frühstück, dann siehst du meine!

Da stand etwas von einem 26-jährigen Markus, der klagte, er bringe es einfach nicht fertig, sich von seinen Teenie-T-Shirts zu trennen, ja warum – aus "latenter Angst vor dem Alter". Im Ernst? Und Ronja von Rönne. Die Autorin ist so jung, dass die Feuilletons sie mit Jahreszahl nennen, wie: "Ronja von Rönne, 23". Die frische Jungautorin, die auch schon mal als "wohlstandsverwahrloste Studentin" rüberkommt, las auf einem Literaturwettbewerb einen Text, der vor Alterspanik schon selber Falten warf: "Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater auf einem Konzert im Olympiastadion war, und dann denke ich daran, dass mein Vater altern und sterben wird und dass ich das miterleben werde, und ich muss auch sterben, und überhaupt alle, und dann ruft Grönemeyer ›Bochum, ich komm aus dir‹, und ich fange an zu schluchzen ..."

Was geht ab? – jung gefragt. Es scheint einen hysterischen Rutsch in Richtung Altern zu geben. Womöglich ist es so, dass in einer demografisch entgleisenden Gesellschaft, wo der Trend zu immer mehr alten Leuten geht, nun schon die Jugend überrollt wird von dem Alterstsunami und – trendig, wie sie ist, die Jugend – auf den Trend aufspringt und mit den alten Alten jetzt ums Altsein wetteifert.

Brillante Idee. Hätte man selber drauf kommen sollen, also früher. Im Alter bella figura zu machen ist erheblich einfacher, wenn man gar nicht alt ist, sondern noch jung und formvollendet. Es besteht leider ein wenig die Gefahr, dass die jungen Alten die echten Alten im Altsein abhängen. Auf Style-Blogs schütteln Jungmodels provozierend ihre grau gefärbten Haare. Girlies stratzen auf Instagram in Omablüschen herum. Embrace your granny! Wer wirklich altert, dem wird natürlich oft ein wenig klamm bei dem Thema.

Der Mann einer Freundin wurde fünfzig, und sie erzählte, er wolle das nicht feiern, ein Fall von echter Alterspanik. Sie regte an, ich möge ihn anrufen und etwas aufmuntern. Ich also rufe an, und er sagt pampig: "Und? Wie war dein Fünfzigster?"

Ich wähnte mich zum Zeitpunkt dieses Telefonats Jahrzehnte von fünfzig entfernt. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich just over forty liege, und fand Gelegenheit einzuflechten, dass einer meiner Ex in seiner Mail zu meinem vierzigsten Geburtstag geschrieben hatte: "Du bist der Neid aller Vierzigjährigen." Das war sehr nett von ihm, wenn auch meine Nachfolgerin natürlich zehn Jahre jünger ist als ich, Neufrauen haben meiner Erfahrung nach ein konstantes Alter von zehnjahrejünger. Als ich dann fünfzig wurde, brauchte ich zwei Jahre, um mich dem Fakt zu stellen. Ich feierte meinen fünfzigsten Geburtstag mit 52 Jahren.

Als meine beste Freundin sechzig wurde, fuhr sie mit ihren Lieben nach Wien, weit weg von diesem Sechzigsten. Am Tag des Geburtstags stand ein junger Mann in der Straßenbahn auf und bot ihr seinen Platz an, noch nie hatte ein junger Mann oder irgendein anderer Mensch ihr einen Platz angeboten. Ein schwarzer Tag. Ich hörte es nur von ihrer Tochter, meine Freundin selbst wollte darüber gar nicht reden.

"Sie sehen toll aus!", sagt die dralle Schwarze – und schlägt mir ein Seniorenticket vor

Als ich selbst sechzig geworden war, passierte etwas, was ich schon hatte kommen sehen. Mir wurde harsch beschieden, wie klapprig ich jetzt sei. Quasi Schrott. Die Situation war, dass ich, von rechts kommend, links abbiegen wollte – und fast mit einem Auto kollidierte, das mit Schwung aus dieser Nebenstraße auf die Kreuzung rauschte. Hätte mich fast gerammt. Sah aber toll aus, es handelte sich um ein tief geschnittenes, lang gezogenes Cabrio in der Tönung "Pistazie". Am Steuer saß ein Gunter-Sachs-Verschnitt (der schnittige Gunter, auch schon tot, kennt ihn noch einer?). Der Typ hatte jedenfalls zu langes, zu fettiges Haar und trug dazu ein zu weit aufgeknöpftes Hemd, er brüllte: "Du dumme alte Fotze, du dürftest doch gar nicht mehr fahren, wieso hast du deinen Führerschein nicht längst abgegeben?" Premiere! Mein erstes Age-Bashing!

Offene Worte. Sind beim Thema Aging ja selten. Mein Coach sagt in aller therapeutischen Vorsicht, ich sehe "altersangemessen prima aus". Das sagt auch mein Orthopäde, wenn wir über mein knirschendes Knie sprechen. Es ist ja auch nicht so, dass ich mir keine Mühe gäbe. Ich habe eine App mit einem roten Herzchen auf weißem Untergrund, die mir meldet, wie viele Schritte ich hinter mich gebracht habe, und auch noch den Wochendurchschnitt und die monatliche Schritthöchstzahl anzeigt. In Zusammenarbeit mit meinem Hund halte ich mich auf Trab. Wir schaffen die von medizinischer Seite dringlich empfohlenen 10 000 Schritte mit links und kommen auf 10 bis 12 Kilometer am Tag. Ich trinke in Maßen, Rotwein, schon als vorbeugende Maßnahme gegen erste Verkalkungen der Halsarterie.

Ich finde es schön, dass es so angenehme Dinge wie Rotwein gegen Altern gibt, und habe mir vorgenommen, von meinem Hauswein Palazzo Antinori aus auszuschwärmen und so einiges durchzutesten. Auch Gin soll gut sein gegen das Altern, ich folge der Queen auf Twitter, fast jeden Tag gegen 17 Uhr heißt es: Gin o’clock! Die Königin von England ist auf diese Weise 89 Jahre alt geworden, ihre Queen Mom war auch eine Gin-Expertin und brachte es auf 102 Jahre, gerne würde ich im Buckingham Palace nachfragen, ob man aus hofprotokollarischen Erwägungen stets bei Beefeater geblieben ist oder auch mal Old-Raj-Gin probiert hat, zartes Safran-Aroma und im Ausklang Koriander, Zitrone und Orange sowie gemahlene Mandel, eine geschmackvolle weiche Erinnerung an das alte Empire. Womöglich aber politisch nicht korrekt? Oder zu spät?

Neulich, am International Newark Airport, New Jersey, beugte sich eine dralle Schwarze, so eine mit einem festen runden Arsch, mir entgegen und sagte: "Honey, don’t misunderstand me. You do look good!" – Tatsache aber sei, wenn ich mich für das Seniorenticket für den Manhattan Transfer entscheiden könnte, hätte ich schon 2,50 Dollar gespart, bevor ich Manhattan auch nur erreicht hätte. Dröhnendes Lachen. Als wären wir bei einer Gospel-Vorführung! Was bleibt einem übrig, als betont laut und fröhlich einzustimmen?

Vor einigen Monaten, es war schon wieder Geburtstag, ich versuchte, ihn wie immer stilvoll über die Bühne zu bringen, Crémant in der Rosé-Variante und ähnlicher Schnickschnack, erzählte ich dem Kind stolz, eine Kollegin hätte gesagt, die 63 sehe man mir wirklich gar nicht an. "Kein Wunder, Mama", sagte das Kind trocken, "du bist ja auch erst 62 geworden." So reiht sich plötzlich eine Niederlage an die nächste.

Es altern natürlich nicht nur Frauen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Angst vor dem Altern gerade Männern im Nacken sitzt, zu deren Genderausstattung es ja immer noch ein wenig gehört, keine Angst zu haben. "Ein betagter Mann ist ein klägliches Etwas, / ein zerfetzter Mantel auf einem Stock, es sei denn, / die Seele klatsche in die Hände und singe und singe lauter, jedem Fetzen in ihrem sterblichen Gewand zum Trotz." William Butler Yeats, der größte der irischen Dichter! Yeats ist im Geiste stets ein Revolutionär geblieben, aber beim Thema Alter war er im Sound wie in diesem Gedicht Segeln nach Byzanz doch etwas wehleidig.

Der erste Satz dieses berühmten Gedichts lautet: "Das ist kein Land für alte Männer", er wurde zum Inbegriff dieses Gefühls der Entfremdung, das sich leider nicht nur in einem älteren Mann verhakeln kann: "Die Jungen / einander in den Armen, Vögel in den Bäumen / – jene sterbenden Geschlechter – bei ihrem Lied / die Lachsfälle, die makrelen-reichen Meere, / Fisch, Fleisch oder Vögel preisen den ganzen Sommer ..." Das hat den Sound von: Alle balgen sich inmitten eines glorreichen Sommers, der das Leben ist, aber man selbst ist aus dieser glorreichen Zeit herausgefallen. Ein Gefühl von: Neid? Sehnsucht?

Da ist plötzlich so eine Dringlichkeit von wann, wenn nicht jetzt!

Ja, man spürt gelegentlich eine Erstarrung, und sei es nur in den Knien. Man wählt den flachen Schuh statt der roten High Heels aus Straußenleder. Ich habe mittlerweile eine sehr hübsche Sammlung von flachen Schuhen. Gerade habe ich ein kleines Vermögen für einen in der Schweiz genähten Schuh in Taupe hingelegt, eigentlich nur, weil mich das Label an die Bergmassive erinnert, die trotz extremer Fältelung unerschütterlich den Zeitläuften trotzen, seit Millionen von Jahren. Aber da ist so eine Neigung, es sich abends zu Hause bequem zu machen. Plötzlich ertappt man sich, wie man nächtens auf medizinischen Onlineportalen rumhängt und sich beim Thema verklumpende Faszien festgelesen hat, von dort flüchtet man sich wieder in die erste Mad Men- Staffel. Tolle Vintage-Klamotten.

Vintage wird jetzt so eine Haltung dem Leben gegenüber, die wie bei Yeats ein wenig sentimental ist und sich zugleich aber den schönen Dingen des Lebens entschieden zuneigt. Man guckt Mad Men und beschließt, nach der Flasche Old-Raj-Gin doch mal The Botanist zu probieren. Oder das süße Monkey-Label, das jetzt so in ist? Das wird zu viel? Da ist nun eine Dringlichkeit von wann, wenn nicht jetzt! Etwas Letztes bricht an, und wenn es auch nur die letzte Wanderung über die St.-Oswald-Scharte wäre, E 5, letzte Strecke vor Bozen. Es ist da jetzt etwas, was man nicht wirklich zu Ende denken mag. Man lebt ja noch. Man möchte das ganz langsam ausleben, das, was jetzt ist, so wie man während des Lesens eines tollen Buches sacht auf die Bremse geht, damit es nicht so schnell aus ist.

Vorabdruck aus: Susanne Mayer: Die Kunst, stilvoll älter zu werden. Erfahrungen aus der Vintage-Zone. Berlin Verlag; 224 S., 20,– €. Erscheint am 1. März

2 Kommentare

Stimmt ja alles und ist auch nett beschrieben - aber danach kommen noch diverse Phasen - und je nach Person früher oder später kommt eine, in der es ziemlich unwitzig zugehen kann. Mein alter Vater wurde gerade mit dem Notarzt und lebensbedrohlichen Symptomen ins Krankenhaus gebracht - er ist wieder raus, schwach und vielleicht bald wieder auf den Beinen - aber eine erste Vorahnung auf die elendige Phase, in der man weiß, dass Altwerden wirklich nichts für Feiglinge ist - und auch das ist noch ausweichen vor der Realität des keineswegs immer friedlichen Alt-und-Krank-Daseins oder des Sterbens...

Sehr nett erzählt mit vielen kleinen Wahrheiten. Ich denke aber, dass das Problem nicht das Altwerden ist. Das Problem liegt darin, dass uns die Gesellschaft und die Medien einreden, mit 70 kann ich das Gleiche tun, wie mit 40. Und das ist im Allgemeinen Blödsinn, von einigen Ausnahmen mal abgesehen. Man sollte so leben, wie man sich fühlt, egal wie alt man/frau ist.

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