Stilkolumne Der Sommer ist abgeschafft

Von
© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 10/2016

Bis vor Kurzem gab es in der Mode eine feste Ordnung: Die Marken präsentierten zwei Hauptkollektionen, eine für Frühjahr und Sommer, eine für Herbst und Winter. Mittlerweile bringen viele Modehäuser allerlei Zwischenkollektionen heraus, und nicht immer lässt es sich an den Kleidern ausmachen, ob bei den Modenschauen Kleidung für die kalte oder die warme Zeit vorgeführt wird. Manche Winterkollektionen fallen höchstens durch eine größere Zahl von Mänteln auf, die so geschnitten sind, dass man sie bei Regen tatsächlich schließen könnte.

Nun hat das erste große Luxuslabel die Jahreszeiten abgeschafft. Die britische Marke Burberry wird nur noch zwei Schauen veranstalten, bei der jeweils Frauen- und Männermode gezeigt wird – diese wird aber nicht mehr Sommer oder Winter zugeordnet. Man beruft sich auf das über die ganze Welt verstreute Publikum. Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer.

Die Jahreszeiten werden ohnehin immer unwichtiger. Durch die Klimaerwärmung beginnt der Winter zu verschwinden, die Apfelbäume blühen ein paar Wochen zu früh, und der Sommer wird stürmischer. Doch die Mode hatte schon immer ihr eigenes Wetter. Und das war wenig davon beeinflusst, ob es gerade regnete oder schneite. In Osteuropa trotzen Frauen in ihren Miniröcken der herben Witterung. In Mailand waren in den achtziger Jahren die Paninari unterwegs: Jugendliche, die im Sommer mit dicken Daunenjacken auf ihren Vespas herumkurvten. In der Mode ist das Outfit stets ein Symbol – und das braucht keine Verortung an der Temperaturskala. Die Minirockträgerinnen in der Kälte wollen andeuten, dass sie sich gesellschaftlich in St. Tropez verorten, die Daunenjackenträger im Sommer wollten die Uniform des Ski fahrenden Jetsets vorführen. Und trotzdem braucht die Mode dringend das Wetter – oder vielmehr den Traum davon. Sommermode kommt nicht in die Läden, wenn es warm ist; sie ist schon im späten Winter in den Schaufenstern. Wir sollen nicht kaufen, weil wir etwas Leichtes zum Anziehen brauchen, sondern weil wir uns auf die warme Jahreszeit freuen. Wir wollen, dass es Sommer wird, deswegen wünschen wir ihn mit der Einkaufstüte herbei. Mit den neuen Sachen in der Tüte fühlen wir uns bei zwei Grad minus und Graupel schon ein bisschen wie in der Sonne. Wenn die Mode die Jahreszeiten abschafft, beraubt sie sich ihrer Träume. Das hat man bei Burberry in London nicht bedacht. Vielleicht, weil es dort ohnehin fast immer regnet.

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