Gesellschaftskritik Über Größenwahn

© Matt Detrich-USA TODAY Sports/Reuters
ZEITmagazin Nr. 10/2016

Der Musiker Kanye West leidet bekanntermaßen zugleich an Hybris ("Ich bin Gott/der neue Steve Jobs/an einem Punkt, den Michael Jackson nie erreicht hat") wie an der Angst, nicht ausreichend Respekt und Anerkennung zu bekommen ("Ich gehe nur zu den Grammys, wenn ich den Preis für das beste Album kriege!"). Eine fatale Kombination, mit der man sich – Til Schweiger kennt das Problem – in Stresssituationen besser von sozialen Medien fernhält.

West hat neulich ein Album veröffentlicht, seine Modekollektion präsentiert und bei den Grammys keinen Preis gewonnen. Es war alles ein bisschen viel für ihn, weshalb er via Twitter die Kontrolle verlor. Er verkündete, er habe 53 Millionen Dollar Schulden, und bat Mark Zuckerberg um eine Milliarde Dollar: "Ich weiß, es ist dein Geburtstag, aber kannst du mich bitte bis morgen anrufen?" Die Begründung lieferte er gleich mit: "Ihr Typen in San Francisco hört zu Hause Rapmusik, aber ihr helft nie wirklichen Künstlern ... lieber eröffnet ihr eine Schule in Afrika ..." Und das, obwohl es doch Kanye West ist, dem es wirklich schlecht geht: "Ich werde aufgefressen von meiner Bestimmung, der Welt zu helfen." Immerhin, ein Kassensturz im Hause West/Kardashian scheint ergeben zu haben, dass es wohl noch gerade so eben fürs Nötigste reicht: "Ich kann Pelze und Häuser für meine Familie kaufen."

Wozu zur Hölle braucht West das ganze Geld eigentlich? Um ein Luxusmagazin mit dem Titel Furs & Houses zu gründen? Um seine Präsidentschaftskandidatur 2020 zu finanzieren, die er im vergangenen Jahr angekündigt hat? Oder, wie einer seiner Tweets andeutet ("Ich bin der Disney meiner Generation!"), um "Kanyeland" zu eröffnen, einen Themenpark mit einer Wasserrutsche in der Form von Kim Kardashians Hintern, Dosenwerfen auf Taylor Swifts Grammys und Dagobert Duck als Schuldnerberater?

Kim Kardashian hat übrigens zeitgleich zu den Tweets ihres Mannes per Foto auf Instagram enthüllt, warum ihre Brüste in tief dekolletierten Kleidern immer so einwandfrei in Form bleiben: Über die nackten Brüste und Schultern ziehen sich dicke braune Klebestreifen, die der Schwerkraft entgegenwirken. Letzte Woche wäre uns dieser absurde Unfug noch einen dreiseitigen Essay wert gewesen, im Vergleich mit Kanyes Tweets wirkt Kim Kardashian jetzt jedoch so zurechnungsfähig wie eine patente Frau, die in der Apothekenumschau praktische Haushaltstipps verrät. Das muss man erst mal schaffen. Respekt, Kanye!

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