Das war meine Rettung "Disziplin ist eine feine Sache"

Als Teenager lernte Katrin Bauerfeind beim Saxofonspielen etwas sehr Wichtiges. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 10/2016

ZEITmagazin: Frau Bauerfeind, obwohl Sie noch jung sind, geht es in Ihrem Buch viel ums Älterwerden.

Katrin Bauerfeind

33, ist in Aalen geboren. Sie studierte Technikjournalismus in Bonn. Als Moderatorin bekannt wurde sie mit ihrer Sendung Ehrensenf. Gerade erschien ihr Buch Hinten sind Rezepte drin – Geschichten, die Männern nie passieren würden.

Katrin Bauerfeind: Jung ist relativ. Man ist nicht mehr jung, wenn man sich auf Partys mit den meisten nicht mehr über Musik, Sex oder Alkohol unterhält, sondern über den Thermomix.

ZEITmagazin: Es geht auch immer wieder um die Verteidigung so altmodischer Tugenden wie Höflichkeit und Benimm.

Bauerfeind: Ja, früher war nicht alles schlecht. Das Internet versaut uns den Benimm. Und eine gewisse Ritterlichkeit kommt auch bei emanzipierten Frauen gut an. Die meisten Frauen, die ich kenne, finden es schön, wenn der Mann ihnen die Tür aufhält.

ZEITmagazin: Ist der Feminismus zu dogmatisch?

Bauerfeind: Der Feminismus kann es in puncto Humorlosigkeit mit dem Katholizismus aufnehmen. Frauenthemen dürfen meinetwegen gerne raus aus der humorlosen Ecke. Ich habe jedenfalls kein feministisches Manifest geschrieben.

ZEITmagazin: Nein, das kann man nicht sagen. Ich glaube, Sie haben eher ein Buch geschrieben, bei dem viele Feministinnen die blanke Wut kriegen werden.

Bauerfeind: Haha! (kampfeslustig-vorfreudig) Das glaub ich auch.

ZEITmagazin: Überhaupt schneiden in Ihrem Buch bestimmte Sekundärtugenden wie etwa Disziplin ganz gut ab.

Bauerfeind: Klar, ich komme ja aus Baden-Württemberg. Ich finde, Disziplin ist eine feine Sache. Meine Eltern haben mich jeden Abend in irgendeinen Verein gesteckt, damit ich mich verausgabe. Ich war so ein ADHS-Kind und nie müde. Mit sieben habe ich angefangen, in einem Orchester Saxofon zu spielen, und hatte viermal die Woche Probe. Zum ersten Mal in meinem Leben war wirklich Disziplin gefordert. Wir hatten einen strengen Musikdirektor. Da ist auch mal der Taktstock geflogen, wenn man nicht geübt hatte. Heute undenkbar. Damals waren alle froh, wenn neben den Eltern noch jemand geguckt hat, dass das Kind nicht auf die schiefe Bahn gerät.

ZEITmagazin: Was für ein Orchester war das?

Bauerfeind: Ein sinfonisches Jugendblasorchester. Da ersetzen die Holzbläser die Streicher. Unser Musikdirektor war sehr ehrgeizig, und wir waren dauernd bei "Jugend musiziert" oder haben irgendwelche Konzerte gegeben. Ich glaube, er wollte uns so ausbilden, dass wir die Möglichkeit hatten, später Profimusiker zu werden, wenn wir das wollten. Eine der vier Proben war freitagabends von sechs bis halb zehn. Im Teenie-Alter ist das dein gesellschaftliches Aus. Das ist die Zeit, in der alle anderen eine Cola trinken gehen, und du selbst bist nie dabei. In der Pubertät wollte ich tausendmal aufhören ...

ZEITmagazin: ... aber Ihre Eltern haben es nicht erlaubt?

Bauerfeind: Meine Eltern haben sich da rausgehalten, es war mein Ding. Die wollten zwar nicht, dass ich aufhöre, aber hätte ich darauf bestanden, dann hätten sie irgendwann abgenervt gesagt: Gut, dann sparen wir immerhin das Geld für den Unterricht. Dass ich dabeigeblieben bin, dafür hat der Musikdirektor gesorgt. Er hat mir so lange an den Haaren gezogen, bis ich gesagt habe: (mit Heulstimme) Okay, ich denk noch mal drüber nach. Brachial, aber effektiv!

ZEITmagazin: Glaubt einem heute ja keiner mehr, dass so was wirkt.

Bauerfeind: Aber ich bin dabeigeblieben. Auch weil der Musikdirektor von Anfang an gesagt hat: "Bauerfeind, du hast Talent! Du solltest das beruflich machen." Es ist ein irrer Effekt, wenn jemand außerhalb des Elternhauses etwas in einem sieht und an einen glaubt. Das ändert die Selbstwahrnehmung und motiviert einen. So ist dieses Orchester in meiner Jugend immer der rote Faden geblieben. Bei allen Schwierigkeiten durch die Pubertät oder die Scheidung meiner Eltern, das Orchester blieb. Wenn man ein sehr schweres Stück bekommt, mit dem man zu "Jugend musiziert" soll, denkt man immer: Das werden wir nicht hinkriegen, es ist einfach zu schwierig. Aber man übt immer weiter, geht viermal die Woche zur Probe, monatelang, und irgendwann ist das machbar, und es gibt am Ende Applaus und vielleicht sogar einen Preis. Das war eine wichtige Lektion. Dass man mit Disziplin und Durchhaltevermögen durch Täler gehen kann und am Ende Dinge möglich sind, die man für unmöglich hielt.

ZEITmagazin: Was macht das Saxofon heute?

Bauerfeind: Kürzlich habe ich in der Fernsehsendung von Carolin Kebekus gespielt, sie hat dazu gesungen. Hinterher rief meine Mutter an, sie war sehr überrascht: (mit schwäbischem Akzent) "Sag mal Katrin, du kannst das ja richtig gut, da hat sich das ganze Geld ja gelohnt!"

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Evelyn Finger zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

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Diziplin/Selbstdiziplin, als Kind oder Heranwachsender hörten wir sehr oft: Ihr sollt endlich etwas "Selbstdiziplin an den Tag legen", etwas bis zum Ende fertig machen, wozu auch das Erlernen eines Instrumentes gehörte!
Angekommen war bei uns: Ihr seid nicht "gut" genug! Ihr seid "Falsch".
Und das was wir wirkich durchgezogen haben, blieb unseren Eltern verborgen, bis zu dem Tage wo eine Lehrerin meinen Altvorderen mitteilte "das dieses doch wohl gefördert werden sollte!
Reaktion der Altvorderen: Das hätten wir ihr nie zugetraut!
Ähnliches passierte auch Bruder und Schwester.

Nein, das hätten sie uns nie zugetraut, wo doch "Diziplin" so fett und groß geschrieben wurde!

Warum reitet Frau Bauerfeind so auf der Disziplin rum? Letztendlich hat ihr das musizieren doch Spaß gemacht. Oder nicht? Oder hat es ihr Selbstwertgefühl beflügelt, dass Sie dabei von außen Bestätigung erhalten hat? Dann ist es aber kein Selbstwertgefühl. Dann braucht(e) sie die Bestätigung von außen um sich gut und akzeptiert zu fühlen. Das sie das nachträglich zur Tugend erhebt ist verständlich, aber ist es eine? Es gibt so viele Beispiele wo Kinder unter "Disziplin" leiden, bei denen ein falscher Ehrgeiz der Eltern oder Erzieher jede Kreativität abtöten weil die eigenen Talente und Begabungen doch in eine ganz andere Richtung gehen. Disziplin ist noch keine Tugend an sich. Wenn Motivation aus einem selbst kommt muss man sich nicht motivieren. Dann hat man die Lust und die Kraft und die Fähigkeiten Hürden und Schwierigkeiten zu überwinden. Aber um dahin zu kommen braucht es Mut und auch Vertrauen (von Eltern oder Lehrern) in die Fähigkeiten des Kindes.

Der puncto ist, ...

"Bauerfeind: Der Feminismus kann es in puncto Humorlosigkeit mit dem Katholizismus aufnehmen."

... und in Bezug auf grassierende Fehlurteile offenbar auch.

Eine junge Frau und ein junger Mann treffen sich an einem stillen Ort und sprechen über Religion und die Welt. Der junge Mann erfährt, daß sie Katholikin ist und findet sie trotzdem sympathisch.
Später, nach ein paar Gläsern Wein, nähert seine Hand sich ihrem Knie. Da flüstert die junge Frau mit tiefem Timbre:
"Psalm 90, Vers 17!"
Verstört hält der junge Mann inne, entschuldigt sich und geht nach Hause.
Zu Hause schlägt er in der Bibel nach und liest:
"Und die Freundlichkeit des Herrn, unsres Gottes, sei über uns, und das Werk unsrer Hände fördere du für uns, ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!"

Tja. Sowas kommt von sowas.