Ich habe einen Traum Matthias Schweighöfer

"Meine Flugangst ist eine Manifestation meiner eigenen Zweifel und Unsicherheiten"

ZEITmagazin Nr. 10/2016

Es ist der Abend der Oscar-Verleihung. Unten, in der ersten Reihe vor der Bühne, sitzen Steven Spielberg, Leonardo DiCaprio und George Clooney. Nur wenige Meter vor ihnen betreten ein paar Jungs aus Deutschland die Bühne, die im Rest der Welt keine Sau kennt – meine Truppe und ich. Vor den Augen der Hollywoodstars holen wir unseren Oscar ab. Wir haben es echt geschafft, ein paar Freunde mit einer kleinen Idee, einem kleinen Film, von einer kleinen Stadt in Deutschland bis hierher. Diesen Tagtraum träume ich sehr gerne. Ein Wunschtraum, klar, aber ich kann dafür kämpfen, dass es kein Traum bleibt. Das ist für mich das Existenzielle an Träumen, sie sind Kraftmomente, sie sorgen dafür, dass ich mich bewege. Sicher, es wäre auch toll, als Schauspieler in Hollywood mit einem Oscar ausgezeichnet zu werden, aber in meinem Traum gewinnt unsere Produktionsfirma. Zehn, fünfzehn Menschen, die über Jahre zusammen an einem Projekt gearbeitet haben, an den Punkt zu führen, wo die große Belohnung wartet – das ist eine traumhafte Vorstellung. Ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen können, irgendwann. Für Träume sollte es keine Grenzen geben. Ich komme aus dem Osten, ich hatte schon mal eine Grenze vor der Nase.

Matthias Schweighöfer

34, ist Schauspieler, Regisseur, Produzent und Sänger. Er machte als Sohn eines Schauspielerpaares früh erste Bühnenerfahrungen. Seine neueste Hauptrolle spielt er in der Tragikomödie Der geilste Tag, seit Kurzem in den Kinos.

Ein anderer großer Traum ist es, irgendwann für ein paar Wochen oder Monate zusammen mit meinen beiden Kindern die Route 66 entlangzufahren, in einem Ford Mustang Cabrio, nur wir drei, jenseits aller Verpflichtungen und Zwänge – das wäre großartig. Die meisten meiner Träume haben viel mit Bewegung und Reisen zu tun.

Früher, in der Zeit nach der Wende, sind mein Vater und ich mit unserem kleinen roten Citroën in den Urlaub gefahren. Daran erinnere ich mich gerne, Pinien und Olivenbäume. Zum ersten Mal nicht die Ostsee!

Als ich dann für die Dreharbeiten zum Film Friendship in Amerika war, hat das meinen Blick auf die Freiheit noch einmal verändert. Ich vermisse das Gefühl, das ich dort hatte. Diese unendliche Weite, die Strommasten, diese ewig langen Straßen in Nevada. Allein der Blick darauf hat mich sofort ruhig werden lassen.

Seit Jahren steht meine Flugangst diesem Traum im Weg. Kürzlich bin ich zu Dreharbeiten nach Kapstadt geflogen, das war für mich die größte Überwindung seit Jahren. Aber ich habe es geschafft. Heute bin ich stolz auf mich. Ich bin dabei, mich einer tief sitzenden Angst zu stellen und sie zu bearbeiten. Das ist nicht immer leicht, tut oft weh und macht mich manchmal wütend und traurig, weil ich Angst habe, die richtigen Momente zu verpassen, weil ich mir selbst im Weg stehe. Meine Flugangst hat wenig mit Flugzeugen zu tun, sie ist eine Manifestation meiner eigenen Zweifel, Ängste und Unsicherheiten. Ich will das für meine Kinder und mich in den Griff bekommen. Ihnen die Welt zeigen, meinen Traum von Freiheit und Weite.

Das Schönste wäre, wenn sich beide Träume im echten Leben treffen würden – wenn ich also tatsächlich irgendwann mit meinen Freunden bei den Oscars stehe und danach mit meinen Kindern auf Reisen gehe.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

....Kürzlich bin ich zu Dreharbeiten nach Kapstadt geflogen......"
.
Im Buss, der Bahn auch Panik? Das sind die gleichen Bedingungen!
Da vorn steuert ein Fremder das Vehikel das mich ans Ziel bringt!
.
Ok, ich weiss das "Ängste" nicht rational sind, aber gegen "Flugangst" hilft mMn. ein Flugschein:-)) UL reicht, der ist zu vergleichen mit einem Führerschein für PKWs.
.
Meint Sikasuu
(Mep/IFR)

Ich habe Magersucht überwunden, Bulimie hinter mir gelassen, gerade einen gewalttätigen Übergriff eines Bekannten überwunden. Meie Höhenangst ist mit den Jahren gering geworden. Ich arbeite daran, meine Fingernägel nicht radikal abzukauen, wenn sie eingerissen sind. Bin glaube ich auf einem guten Weg. Noch versuche ich, die Absagen auf meine derzeitigen Jobbewerbungen ruhig hinzunehmen. Aber auch da wird sich eine Lösung ergeben.
Wir alle habem Ängste. Wir alle haben diese kleinen oder großen Unsicherheiten, die ihren Ursprung tief im Innern an andrer Stelle haben. Loslassen und aus Krisen lernen treibt uns voran.

Wir müssen uns dessen nur bewusst sein.