Olaf Unverzart Ein Jahr mit ihr

© Olaf Unverzart

Als seine Oma Barbara Unverzart 99 wird, greift ihr Enkel zur Kamera. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 10/2016

ZEITmagazin: Herr Unverzart, war es schwierig, Ihre Großmutter für Ihr Fotoprojekt zu gewinnen?

Olaf Unverzart

43, hat sechs Bücher veröffentlicht. Er wurde unter anderem mit dem Lead Award ausgezeichnet. Mein 100. Jahr erscheint demnächst als Fotobuch

Olaf Unverzart: Nein, sie fragt mich sowieso seit Jahren, was ich eigentlich genau mache. Mit dem Beruf Fotokünstler kann sie nicht viel anfangen, obwohl ich ihr meine Bücher zeige und wir oft gemeinsam auf die Landkarte schauen, wenn ich mal wieder verreise. Als ich ihr sagte, dass ich sie in ihrem 100. Lebensjahr mit der Kamera begleiten will, war sie überrascht, fand es aber gut. Sie sagte: Du machst doch immer so schöne Bilder, das wird schon passen. Sie ist stolz auf das, was ich mache. Für sie, die nur ein Mal weiter weg war, nämlich auf der Insel Ischia, muss das sehr eigenartig sein.

ZEITmagazin: Worum ging es Ihnen bei dieser Arbeit?

Unverzart: Das Projekt begann ich an ihrem 99. Geburtstag, und es endete mit dem 100. Mir kam es darauf an, zu zeigen, wie der Alltag einer Hundertjährigen ist, auch mit den weniger schönen Momenten. Mein Ansatz war wie auch in anderen Projekten: Dabei sein, genau hinschauen, in keine Klischees verfallen.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielte Ihre Großmutter für Sie als Kind?

Unverzart: Wir wohnten alle zusammen. Meine Eltern hatten die Landwirtschaft, da gab es immer viel Arbeit. Wenn ich von der Schule heimkam, war oft meine Oma da und hat für uns Kinder gekocht. Sie brachte mich abends ins Bett. Sie wohnt noch immer in meinem Elternhaus, ich sehe sie also regelmäßig, wenn ich in der Oberpfalz zu Besuch bin.

ZEITmagazin: Was wissen Sie über ihr Leben?

Unverzart: Sie wuchs in einem 60-Einwohner-Dorf auf, ihre Eltern hatten einen Bauernhof. Ihre Mutter starb, als meine Oma erst 15 war, deshalb musste sie schon früh Verantwortung übernehmen, sich um die Tiere und ums Essen für die Familie kümmern. Damals gab es dort keinen Strom, keine Autos, kein Telefon. Sie hat nie einen Führerschein gemacht und ist nie geflogen. Ihr Radius umfasste vielleicht drei Kilometer: vom Haus zur Kirche und zur Schule. Meine Oma hat dann in einen Bauernhof im Nachbardorf eingeheiratet, mein Großvater musste gleich nach der Hochzeit 1942 zurück an die Front, und nach Kriegsende geriet er in Gefangenschaft. Erst 1949 kam er zurück. Drei Jahre lang wusste sie nicht, ob er noch am Leben ist. Aber sie hat nie aufgehört, ihn zu lieben. Für mich ist das eine großartige Erkenntnis, dass man jemanden so lange weiterliebt, obwohl er nicht da ist. Ihr Mann starb dann 1986.

ZEITmagazin: Ihre Großmutter wirkt auf manchen Fotos ganz fröhlich. Ist sie mit ihren 100 Jahren ein zufriedener Mensch?

Unverzart: Sie hat ein entbehrungsreiches Leben geführt, aber sie war deshalb nicht unglücklicher als wir heute. Als sie während dieses Jahres, in dem ich sie begleitete, einmal schwer stürzte, fand sie nichts dabei, dass ich sie fotografiere. Sie meinte, die Schmerzen gehören zu ihrem Alltag. Sie sind ein großer Teil des Altwerdens.

ZEITmagazin: Spricht sie mit Ihnen über den Tod?

Unverzart: Manchmal sagt sie, dass sie keine Lust mehr hat weiterzuleben, aber am nächsten Tag freut sie sich wieder, wenn die Urenkel zu Besuch kommen. Gerade erholt sie sich von einem Wirbelbruch, sie hatte große Schmerzen, bald kommt sie von der Kur nach Hause. Sie ist ja geistig fit. Sicher hat sie Angst vorm Sterben, aber sie habe sich lange darauf vorbereitet, sagt sie. Ihr Glaube, die Gemeinschaft in der Kirche nehmen ihr die Angst vorm Tod.

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