Das war meine Rettung "Sie sagten mir ins Gesicht: Du musst insolvent gehen"

Durch die schwierige Zeit der Insolvenz half dem Modedesigner Bent Angelo Jensen ein Anwalt
ZEITmagazin Nr. 11/2016

ZEITmagazin: Herr Jensen, Sie mögen keine Ratschläge, oder?

Bent Angelo Jensen: Ich war lange ziemlich beratungsresistent.

ZEITmagazin: Mit Ihrer Firma, dem Modegeschäft Herr von Eden, mussten Sie 2013 Insolvenz anmelden. Ihre Bank, Ihre Steuerberater und das Finanzamt hatten Sie lange gewarnt – aber Sie wollten offenbar nicht hören.

Jensen: Die haben mir öfter gesagt, dass da was im Argen ist. Aber die haben immer Lösungen von mir erwartet, und ich habe mir ja auch was überlegt: Ich habe eine Damenkollektion entworfen, mir Schuhe ausgedacht, ein Parfum entwickelt. Jedes Mal dachte ich: Mensch, Bent, dass du da vorher nicht drauf gekommen bist, das wollen die Leute doch! Aber so einfach war es nicht. Ich habe mich krass verkalkuliert.

ZEITmagazin: Am Ende hatten Sie bei Banken und Lieferanten 600.000 Euro Schulden.

Jensen: Ich hab das Ding vor die Wand gefahren und es mir nicht eingestanden. Am Ende kamen drei meiner wichtigsten Leute zu mir, darunter mein bester Kumpel Florian, der jetzt mein kaufmännischer Geschäftsführer ist. Sie sagten mir ins Gesicht: Du musst insolvent gehen.

ZEITmagazin: Haben Sie das geglaubt?

Jensen: Ich hatte doch keinen blassen Schimmer, was eine Insolvenz ist! Dass ein Insolvenzverwalter kommt und meine Firma übernimmt, dass ich die Schlüssel abgebe und nur 1.100 Euro im Monat bekomme. Ich bin Autodidakt, habe keine Ausbildung. Für mich klang Insolvenz nach Scheitern, Versagen, Menschen in den Abgrund reißen. Mir das Versagen einzugestehen war aber der erste Schritt.

ZEITmagazin: Sie gingen mit einem dicken Ordner zum Amtsgericht und zeigten sich quasi selbst an. Und dann?

Jensen: Habe ich meine Mutter angerufen. In den nächsten Tagen brach einiges über sie herein: Hilde, was haben wir da denn gelesen?, sagten die Nachbarn. Aber sie stand total hinter mir und sagte: Bent, wenn du meinst, dass du dein Geschäft so retten kannst, dann mach das.

ZEITmagazin: Sie sind in Hamburg ziemlich bekannt. Fiel es Ihnen schwer, sich nach der Insolvenz öffentlich zu zeigen?

Jensen: Ein halbes Jahr lang bin ich gar nicht mehr ausgegangen. Es gab Leute, die drehten sich auf der Straße um. Andere sagten, da hat er wohl zu viel Champagner gesoffen.

ZEITmagazin: Wer hat Sie in der Zeit getragen?

Jensen: Meine Familie, meine Freunde und meine Mitarbeiter. Gerettet hat mich aber mein Anwalt Christian Abel. Der ist völlig anders drauf als ich, eher so ein FDP-Wähler. Seit zweieinhalb Jahren ist er an meiner Seite bei diesem Prozess mit dem schrecklichen Namen Restrukturierung. Ganz am Anfang, ich hatte von nichts ’ne Ahnung, erzählte er mir, dass ich bei der Bank ein Konto aufmachen kann, ein sogenanntes P-Konto, P für pfändungsfrei. Das kann man auch bekommen, wenn man ein Loser ist. Ich wäre sonst vier Tage durch Hamburg geirrt und hätte das nicht hingekriegt mit dem Konto. Auch wenn ich immer an mich geglaubt habe, ohne Christian Abel wäre mein Laden dicht.

ZEITmagazin: War es schwierig für Sie, in allen Entscheidungen abhängig zu sein von einem Insolvenzverwalter?

Jensen: Ja, das war für mich ein Problem. Sich führen zu lassen ist eine irre intime Angelegenheit. Die Restrukturierung ist ja wie die Renovierung eines Hauses: Du ziehst dir einen Overall an, Gummihandschuhe drüber, dann gehst du in den Keller. Es stinkt, alles ist chaotisch. Du hast keinen Bock, aber du musst loslegen. Erst wenn du, wie ich jetzt, oben auf dem Dach stehst und weißt, dass du den Overall bald ausziehen kannst, beginnt der heilsame Prozess.

ZEITmagazin: Ihre Firma ist kleiner geworden – ist es jetzt einfacher?

Jensen: Ja, und ein Gedanke hat mir dabei sehr geholfen: Am Pferdemarkt gibt es einen Laden, Slim Jim’s heißt der, da gibt es die beste Pizza der Stadt. Und die machen nur Pizza. Sonst nichts. Mach es wie Slim Jim, dachte ich mir. Du machst nur noch blaue Anzüge. Aber du machst die besten blauen Anzüge der Stadt. So ist das bis heute.

ZEITmagazin: Läuft die Firma nun besser?

Jensen: Ja. Aber ich muss mich anstrengen, um nicht mehr Träumen nachzuhängen, die mich ins Verderben stürzen würden.

Das Gespräch führte Kilian Trotier. Seit dem Start von ZEIT:Hamburg vor zwei Jahren ist er dort Redakteur

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