Das war meine Rettung Claudia Michelsen

Claudia Michelsen entdeckte früh das Theater. Es half ihr, die DDR zu überstehen. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 11/2016

ZEITmagazin: Frau Michelsen, blicken Sie nach wichtigen Entscheidungen nach vorn? Oder gehören Sie eher zu denen, die zweifeln und denken: Was wäre gewesen, wenn?

Claudia Michelsen

47, wurde in Dresden geboren. Sie war Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne und gehört heute zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen. Ende März ist sie in dem ZDF-Dreiteiler Ku’damm 46 zu sehen.

Claudia Michelsen: Ich bereue nichts. Natürlich gibt es Dinge, die ich heute vielleicht doch anders entscheiden würde, weil ich mir vielleicht ein oder zwei – ich nenne es mal Talfahrten – hätte ersparen können. Andererseits gehören die ja auch zu meinem Leben dazu. Das Leben ist ein Auf und Ab, wie wir alle wissen. Ich finde es wichtig, auch diese schwierigen Phasen zu umarmen und trotz allem immer wieder mit aller Kraft nach vorn zu gehen.

ZEITmagazin: Zum Beispiel, als Sie Mitte der neunziger Jahre Ihre damals schon beachtliche Theaterkarriere an den Nagel hängten und Ihrem damaligen Mann nach Kalifornien folgten?

Michelsen: Ja, ich habe von heute auf morgen alles hingeschmissen. Im Nachhinein finde ich das ungeheuer mutig. Ich habe damals ja damit gerechnet, die Schauspielerei ganz aufgeben zu müssen, als ich das Land verlassen habe.

ZEITmagazin: Sie reisten in dieser Zeit immer wieder zum Drehen nach Deutschland, und 2001 kehrten Sie nach der Scheidung ganz zurück. Wie haben die sechs Jahre in Kalifornien Sie geprägt?

Michelsen: Meine Welt bestand bis dahin aus Theater, der DDR, Dresden und Berlin. In Amerika kannte damals niemand die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz oder das Dresdner Staatsschauspiel. Meine Welt hat sich vergrößert. Und ich habe etwas von der kalifornischen Leichtigkeit behalten, bis heute. Amerika ist ein Land der Emigranten, und das hat diesem Land sehr gutgetan, irgendwie hatte ich immer das Gefühl, die ganze Welt lebt da. Großartig.

ZEITmagazin: In zwei Filmen, die bald zu sehen sind, spielen Sie Mütter, deren Kinder ihren eigenen Weg finden müssen, mit allen Schwierigkeiten. Sie selbst sind mit 16 von Dresden nach Berlin gezogen, um dort die Schauspielschule zu besuchen. Woher wussten Sie schon so früh, was Sie wollten?

Michelsen: Ich habe die Magie des Theaters gespürt, seit ich zwölf war, und ich wusste, da wollte ich mitmachen dürfen. Der Vater meiner besten Freundin war Schauspieler, und wir Mädchen verbrachten so viel Zeit wie möglich im Theater. Später begriff ich, was die Bühne für eine Kraft haben kann. Das war eine besondere Zeit damals in Dresden am Staatsschauspiel, und nicht nur dort. Das Theater war in der DDR politisches Sprachrohr, es stand im ständigen Dialog mit seinem Publikum. Die Häuser waren voll mit jungen Leuten, das Theater war Konkurrenz für Rockkonzerte. Ich habe es für mich als Notwendigkeit empfunden, ein Teil davon zu werden. Und ich hatte das Glück, dass meine Mutter mich immer in allem, was ich wollte, unterstützt hat und mir vollkommenes Vertrauen schenkte.

ZEITmagazin: Es war die politische Seite des Theaters, die Sie anzog?

Michelsen: Mich hat die Energie, mit der alles gemacht wurde, fasziniert. Nichts war beliebig oder leer. Alles hatte eine Kraft, eine Haltung. Und damals waren wunderbare Schauspieler wie Dagmar Manzel und Sylvester Groth in Dresden engagiert ...

ZEITmagazin: ... Sylvester Groth ermittelte mit Ihnen bis vor Kurzem gemeinsam im Polizeiruf aus Magdeburg als Kommissar ...

Michelsen: ... und auf ihn warteten früher gefühlt alle Dresdener Mädels nach der Vorstellung am Bühneneingang! Für mich war das Theater jedenfalls damals die einzige Möglichkeit, etwas aktiv zu tun, um in diesem Land weiterleben zu können.

ZEITmagazin: Hat das Theater Sie gerettet?

Michelsen: Damals hätte ich das vielleicht so genannt. Ja, vielleicht war das Theater meine Rettung, vielleicht ist das Geschichtenerzählen heute immer noch meine Rettung. Aber das Wort Rettung bekommt doch dieser Tage eine völlig neue Bedeutung. Jahrzehntelang haben wir um die Probleme in der Welt gewusst und uns nicht dazu verhalten. Und auf einmal klopfen die Menschen an unsere Tür, und Unwissenheit und Angst verwandeln sich in Aggression. Das ist schrecklich und macht mich ratlos.

ZEITmagazin: Gerade in Ihrer Heimat Dresden wird gegen Flüchtlinge protestiert ...

Michelsen: Vielleicht ist in den letzten 25 Jahren einiges an Aufklärung versäumt worden. Ich weiß jedenfalls nicht, woher diese Angst kommt, die sich in Dummheit verwandelt und dadurch gefährlich wird. Heilsam wäre es, glaube ich, diese Leute mal auf Booten kostenfrei eine Rundreise in die andere Richtung machen zu lassen. Mit welchem Recht beansprucht man dieses Stück Erde für sich, nur weil man das Glück hatte, zufällig hier reingeboren worden zu sein?

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

4 Kommentare

Frau Michelsen scheint kapiert zu haben, dass es existenziell wichtig ist, eine fanbase auf dem Mainzer Lerchenberg zu haben.
Diese hat sie mit diesem Interview versorgt.

P.S.: Auch die US-Amerikaner beanspruchen übrigens die Kontrolle darüber, wer auf ihrem Flecken Erde leben darf und wer nicht. Eine Bekannte versucht dort gerade als Akademikerin Fuss zu fassen - das ist ganz schön voraussetzungsvoll.

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere