Hamburg Eine Stadt, die alle anzog

Die bekanntesten deutschen Designer kommen aus Hamburg. Warum eigentlich?
ZEITmagazin Nr. 11/2016

Im Hamburger Stadtteil Pöseldorf eröffnete 1967 eine 24-Jährige eine Boutique. Die junge Frau war studierte Textilingenieurin, hatte in Los Angeles gearbeitet, zuletzt war sie Redakteurin bei einer Hamburger Frauenzeitschrift. Der Laden war gut sortiert. Es gab Teile von Sonia Rykiel, Thierry Mugler – und die eigene Kollektion, benannt nach der Besitzerin: Jil Sander. Die Teile kamen vielen Kundinnen zu schlicht vor. Doch Sanders Stunde sollte bald kommen, 1975 zeigte sie zum ersten Mal ihre Mode in Paris. Mit intelligenter Kleidung für Frauen, die sich nicht nur als Ziergegenstand ihres Mannes sehen, wurde Jil Sander weltberühmt.

Wenn man heute von deutschen Modestädten spricht, wird Hamburg selten erwähnt. Dabei hat die deutsche Mode keiner anderen Stadt so viel zu verdanken, fast alle deutschen Designer, die es zu großer Bekanntheit gebracht haben, kommen von dort.

Nicht nur Jil Sander, auch Wolfgang Joop und Iris von Arnim begannen in Hamburg. Karl Lagerfeld kam zwar in Paris zu Erfolg, ist aber in Hamburg geboren. Was hat diese Stadt, dass sie solche Modeschöpfer hervorbringt?

Zunächst einmal: Geld. Wolfgang Joop zog einst in die Hansestadt, um als Moderedakteur zu arbeiten. Für die Zeitschrift Neue Mode fertigte er in den siebziger Jahren Schnittmuster. Eines Tages bekam er eine Anfrage von einem Pelzhersteller, eine zeitgemäße Kollektion zu schneidern. Joop entwarf gefärbte Pelze und Armee-Parkas mit Futter aus rasiertem Nerz. Sie wurden bis nach New York verkauft. Und schon bald war sein Name, versehen mit einem Ausrufezeichen, eine Lifestyle-Marke. In Hamburg konnte man mit nichts weiter als einem kühnen Entwurf eine Marke mit Weltgeltung gründen. Es war die einzige Stadt in Deutschland, wo Kreativität, internationaler Geist und eine solvente Kundschaft zusammenkamen. Denn der Designer ist nichts ohne seine Kundschaft. Menschen, die sich mit den Kleidern zeigen wollen, bevor andere sie haben – und die sie sich leisten können. Diese Kunden gab und gibt es in Hamburg – für einen jungen Designer sind sie die Geschäftsgrundlage, bevor junge Kreative hoffentlich auf seine Marke aufmerksam werden.

"In Hamburg fühlte man sich connected", sagt Wolfgang Joop. Vielleicht meint man damit, dass man von dort schnell überall hinkommt, nach New York, Paris, London. Wolfgang Joop sagt auf Anfrage: "Man konnte spüren, dass Hamburg ein Ort ist, von dem man abheben kann." Es gab in der Stadt viele Zirkel, wo man unter sich war. In solchen Kreisen leistete man sich gerne einen Spleen – etwas von Wolfgang Joop.

Natürlich braucht ein erfolgreicher Modemacher die Medien. Und in Hamburg residieren mächtige Verlage. Davon profitierte eine junge Frau, die mit 29 aus München in die Hansestadt kam. Iris von Arnim hatte aus Merinowolle bunte Pullover gestrickt und einen kleinen Laden am Großneumarkt aufgemacht. Ihr Erfolg begann mit der Abbildung eines ihrer Strickpullover auf dem Cover der Zeitschrift Für Sie. Ihren Durchbruch verdankte Iris von Arnim einem anderen Umstand: Hamburg ist die einzige deutsche Stadt, die ein Äquivalent zu den New Yorker Hamptons hat – die Insel Sylt. Dort hat die Oberschicht ihre Wochenendhäuser. Von Arnim wurde Store-Managerin in einem Laden in Kampen – und durfte dort ihre eigenen Pullover verkaufen. Von da an vervielfältigte sich ihr Absatz. Die Hamburger haben nämlich nicht nur den Goldknopfstil erfunden, sondern auch den gehobenen Freizeitstil. Während man sich im Rest Deutschlands nur für bestimmte Anlässe modisch kleidete, war in Hamburg auch die Freizeit ein modischer Anlass. So wurde der Pullover von Iris von Arnim zur Sylter Uniform. Hamburg war eben schon immer weiter als der Rest der Republik. Hier gab es früh ein starkes modisches Selbstverständnis – und das braucht man, um die Codes, die andere gerade erst verstehen, schon wieder zu brechen. Nichts anderes ist Mode.

Tillmann Prüfer, Style Director des ZEITmagazins, 42, lebte einst am Hamburger Hafen

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