Hamburg Willkomm-Höft

In jeder ZEITmagazin-Hamburg-Ausgabe stellt unser Kolumnist Matthias Naß einen Lieblingsort von Helmut Schmidt vor.
ZEITmagazin Nr. 11/2016

Tief im Westen, wo die Grenze zu Schleswig-Holstein bereits überschritten ist, liegt die Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm-Höft – für den Hamburger das wahre Tor zur Welt. Man sitzt am Sonntagnachmittag im Schulauer Fährhaus, gönnt sich ein Stück Eierlikörtorte – da lässt Begrüßungskapitän Hartmut Hoffmann über dem Strom die zypriotische Nationalhymne ertönen. Vor dem regennassen Fenster zieht auf der grauen Elbe die Kristin Schepers vorbei, sie kommt aus St. Petersburg und läuft jetzt in den Hamburger Hafen ein.

Seit 1952 wird jedes Schiff über 1.000 Bruttoregistertonnen am Willkomm-Höft so begrüßt, und wenn es Hamburg wieder verlässt, wird es auch so verabschiedet. Von zehn Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang. Kleinere Schiffe gelten am Fährhaus als "nicht salutfähig". Immerhin, ab 500 Bruttoregistertonnen wird die Hamburger Flagge gedippt. In den fünfziger Jahren wurde die Hymne noch live gesungen, vom Männergesangverein Wedel oder von einem Shantychor. Jetzt spielt der Begrüßungskapitän die Musik von der Festplatte. Der Schiffsmeldedienst gibt ihm rechtzeitig Bescheid, wenn bei Stade ein Schiff Richtung Hamburger Hafen passiert oder wenn auf dem Weg zur Nordsee ein Pott an Finkenwerder vorbeifährt. Dann zieht Hartmut Hoffmann aus seinen 17.000 Schiffs-Karteikarten die richtige raus und meldet den Gästen im Schulauer Fährhaus Namen und Nationalität des Schiffes, Länge, Breite und Tiefgang, das Baujahr, die Werft, die Reederei und die Zahl der geladenen Container. Herrlich!

Manchmal erlaubt sich der Begrüßungskapitän auch einen kleinen Scherz und meldet die Vorbeifahrt eines getauchten U-Bootes. Dann lachen die Hamburger über ihrer Eierlikörtorte, wissen sie doch, dass in der immer noch nicht vertieften Elbe jedes U-Boot schnell auf dem Bauch liegen bliebe.

Ach, es ist schön hier draußen. Helmut Schmidt war schon weit über neunzig, da fuhr er noch mit Tochter, Schwiegersohn und Lebensgefährtin zum Kaffeetrinken nach Schulau. Ob ihm zu Ehren die deutsche Hymne gespielt oder ob wenigstens die Hamburger Flagge gedippt wurde, daran können sich Begrüßungskapitän und Kellnerin nicht erinnern.

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