Harald Martenstein Über Nazi-Schäferhunde und andere Lügengeschichten

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ZEITmagazin Nr. 11/2016

Als die DDR unterging, wurden auch 4.000 Wachhunde arbeitslos. Meistens waren es Schäferhunde, die an der Grenze Streife gelaufen waren. Viele DDR-Bürger lehnten diese Hunde ab, vielleicht aus emotionalen Gründen. Im Westen dagegen war die Nachfrage groß. Der Tierschutzbund vermittelte die meisten DDR-Grenzhunde an neue Besitzer in Westdeutschland.

Ich erzähle das, weil die Doktorandin Christiane Schulte am Center for Metropolitan Studies in Berlin einen wissenschaftlichen Vortrag gehalten hat, mit dem Titel Der deutsch-deutsche Schäferhund. Darin enthüllte die junge Historikerin, dass zahlreiche Grenzhunde der DDR von den KZ-Wachhunden der Nazis abstammten. Nach 1990 seien einige dieser Hunde und ihre Nachfahren dann an der EU-Außengrenze eingesetzt worden und seien dort durch besonders aggressives Auftreten gegen Flüchtlinge aufgefallen. Klarer Fall, Osthunde sind Killer, Westhunde sind eher lieb. Schulte sieht die Osthunde allerdings als manipulierte Opfer der von Gewalt geprägten deutschen Geschichte. An der Mauer seien auch 34 Schäferhunde gestorben, der erste Mauertote überhaupt sei ein Hund namens Rex gewesen. Deshalb fordert sie, in das geplante Einheitsdenkmal eine symbolische stählerne Hundeleine zu integrieren.

Der Beitrag wurde mit Applaus aufgenommen und, nur leicht verändert, vor einigen Wochen in der Zeitschrift Totalitarismus und Demokratie des renommierten Hannah-Arendt-Instituts nachgedruckt. Wenig später meldeten sich in der Online-Zeitschrift Telepolis die Autoren der Rede, die frei erfunden war, einschließlich der Fußnoten, die auf das "Rasse- und Zuchtarchiv Umpferstedt" und die Rüden "Siegfried" und "Iwanko" verwiesen. Sie seien eine Gruppe von kritischen Wissenschaftlern und hätten beweisen wollen, dass in Deutschland akademischer Konformismus herrscht. Anders ausgedrückt: Jeder Quatsch hat eine Chance, zur Wissenschaft erklärt zu werden, sofern er ins Weltbild der Auftraggeber passt. In einem Interview mit der Zeitung Neues Deutschland, in deren Weltbild die DDR-Nazihunde eher nicht passen, sagte die falsche "Christiane Schulte": "Wir haben erzählt, was die hören wollten. Es reichte völlig, die Textsorte zu treffen und den Unsinn ohne Lachen vorzutragen." Das hat ja auch schon beim Hauptmann von Köpenick genügt.

Ich lese oft von irgendwelchen Lügengeschichten, die, weil sie bestimmten Leuten in den Kram passen, im Internet kursieren. Das gibt es also auch in der Wissenschaft. Die Wahrheit über die Grenzhunde könnte in einer Spiegel-Story stecken, die 1990 unter dem Titel Verschmuste Bestien erschienen ist. Danach waren die Grenzhunde gar nicht scharf. Sie waren wie Attrappen, die abschrecken sollten. Die DDR ist demnach so marode gewesen, dass sie nicht mal scharfe Schäferhunde produzieren konnte. Die Tiere seien, im Gegenteil, ungewöhnlich zärtlichkeitsbedürftig und "absolut integrationsfähig" gewesen, sie hätten lediglich auf das gehaltvolle Westfutter manchmal mit Durchfall reagiert. So kann Integration gelingen.

Das, was in der Zeitung oder im Fernsehen kommt, muss nicht stimmen, das weiß man. Das, was in wissenschaftlichen Zeitschriften als wissenschaftliche Wahrheit verkündet wird, muss aber auch nicht stimmen. Und das, was man selber für wahr und richtig hält, stimmt vielleicht am allerwenigsten.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

8 Kommentare

@KlausTH
"Da wäre doch ein Schlenker zu der aktuellen universitären Genderforschung drin gewesen!"

Der Seitenhieb mit dem gehaltvollen Westfutter, der beim Nudeln mit Soße(? daher vielleicht die friedliche Grundstimmung) gewöhnten Osthund Durchfall erzeugt, muss diesmal genügen.

Woher weiß ich jetzt, ob das mit den Schäferhunden nicht alles frei erfunden ist? Hatten die Grenzschützer nicht Pudel und Dackel?
Ein schöner Artikel, der aufzeigt, was wir alle längst wissen und uns trotzdem nicht vor Manipulation bewahrt. Wie leicht lassen wir uns verführen!

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