Jugend in Hamburg Meine große Freiheit

Wie es ist, in Hamburg jung zu sein
ZEITmagazin Nr. 11/2016

Ich stand mit zwei Freundinnen am Tresen der Hans-Albers-Klause und kippte ein Gläschen Saurer Apfel von Berentzen. "Schmeckt überhaupt nicht nach Alkohol", rief ich, viel zu laut. Meinen Freundinnen war das sehr unangenehm. Die ganze Oberstufe traf sich damals in der "Klause". Es gab also Grund genug, sich nicht zu benehmen wie eine 16-Jährige, die das erste Mal in einer Kneipe auf der Reeperbahn ist. Leider war aber genau das bei mir der Fall.

Die Reeperbahn kannte ich bis dahin vor allem durch die Autofensterscheibe. Ich war in Rissen aufgewachsen, einem Dorf hinter Blankenese. Von Rissen ist wenig bekannt, außer dass Sky du Mont dort wohnt. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern in der Stadt war, fuhren wir manchmal über die Reeperbahn nach Hause. Die Leuchtschilder der Stundenhotels, die Kneipe "Ritze" mit der Tür zwischen den aufgemalten gespreizten Frauenbeinen – all das fand ich faszinierend, weil es so fremd war. Ich war damals im Hockeyverein. Viele meiner Freunde kamen aus Traditionsfamilien, Väter wie Söhne trugen Segelschuhe und Daunenjacke. Das höchste Ereignis der Jugend war der "Abtanzball" im Hotel Atlantic. Ich erinnere mich, mir in meinem Taftkleid und mit Hochsteckfrisur und dem etwas ungelenken Tanzpartner am Arm wahnsinnig erwachsen vorgekommen zu sein.

Was Erwachsenwerden wirklich heißt, ahnte ich erst, als ich St. Pauli entdeckte. Tagsüber rannte ich weiter über den Sportplatz. Aber die Abende verbrachten meine Freunde und ich in feuchten Souterrain-Kneipen oder in der 99-Cent-Bar am Hamburger Berg, wo wir mit grell geschminkten Transvestiten Wodka tranken. Ich lernte, dass das gesetzte und das wilde Hamburg sehr nah beieinanderliegen. Wer hier aufwächst, kann zwischen beiden Welten mit der S-Bahn pendeln, immer mit der Frage im Kopf, wer man sein will. Bei mir begann die Antwort darauf mit einer Hose. An meiner Schule trugen die meisten Mädchen Lammfellstiefel und Parkas mit Pelzkragen. Meine Eltern weigerten sich, mich so auszustatten. Ich sah mich nach Alternativen um – und kaufte mir eine pinkfarbene Jeans mit Palmenprint. Sie war so eng, dass ich mich hinlegen musste, um sie anzuziehen. Ich trug sie auf der Reeperbahn zu Plateausandalen und im Unterricht zu weißen Leinenturnschuhen. An meiner Schule war ich deswegen keine Außenseiterin. Es galt eben Hamburger Toleranz. Manchmal denke ich heute an diese Hose zurück: das Stück, in dem ich in Hamburg erwachsen wurde. Leider passt sie nicht mehr.

Claire Beermann, 21, ZEITmagazin-Autorin, hält sich in Hamburg am liebsten an der Elbe auf

"Ich brauche beides: Großstadt und Natur"

Ursprünglich komme ich aus Freiburg. Manchmal vermisse ich in Hamburg die Berge. Aber gute Ausblicke hat man auch hier: zum Beispiel auf der Dachterrasse des Clubs Uebel & Gefährlich. Am wohlsten fühle ich mich auf St. Pauli und in der Schanze – auf dem Schanzenflohmarkt habe ich mir gerade einen Schreibtisch gekauft. Ich kaufe auch gern Vintage-Sachen bei Pick & Weight am Grünen Jäger. In dieser Gegend sehen die Leute nicht so einheitlich aus, es ist ein sehr junges und buntes Viertel. Ich lebe gern in der Großstadt, aber der Zugang zur Natur ist mir wichtig. An der Außenalster zu stehen und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen tut mir gut.

Jule Schindler, 20 Jahre alt

"Hamburg ist auf eine angenehme Art spießig"

Wenn man im Sommer auf der Reeperbahn von Club zu Club läuft und danach um acht Uhr morgens ins Freibad springt – dann ist das cool, keine Frage. Aber eigentlich finde ich Hamburg auf angenehme Art und Weise eher spießig. Die Leute eifern hier nicht ständig dem Allerneuesten hinterher; sie kleiden sich auch eher klassisch. Ich sehe in Hamburg viele Leute in Trenchcoats und Gummistiefeln. Nie mit Regenschirm – der Regen kommt hier ja sowieso von vorne. Mir gefallen auch die alten Hamburger U-Bahnen, die finde ich charmant. Wenn ich an der Station Baumwall in die U3 steige und dabei auf den Hafen blicke, denke ich immer: Hier gehöre ich hin.

Christopher Paskowski, 20 Jahre alt

"Modisch betrachtet ist Hamburg eher entspannt"

Ich habe früher oft Absolute Giganten mit meinem Vater geschaut – sein Lieblingsfilm. Mir gefällt der Film auch, denn er zeigt die industrielle Seite von Hamburg. Wenn ich in der Strandperle am Wasser sitze und die Containerschiffe vorbeifahren sehe, fühle ich mich mit der großen Welt verbunden. Auf St. Pauli gibt es unten an der Hafenstraße den Park Fiction, dort bin ich auch gern. Auf einem Hügel stehen Kunstpalmen, drum herum kann man skaten. Hamburg gibt mir immer wieder ein Gefühl von Freiheit, weil ich hier so viel unternehmen kann. Wenn man will, ist Hamburg aber auch der richtige Ort für einen Kurzurlaub.

Naemi, 17 Jahre alt

"Mein Lieblingsort? Mein Kanu auf der Alster"

Als Kind bin ich mit meinen Freunden oft zum Bootshaus Barmeier gegangen. Das war unser zweites Wohnzimmer. Bis heute liebe ich es, mich im Boot auf der Alster treiben zu lassen. Auf dem Wasser ist man mitten in der Stadt und doch ganz für sich allein. An meiner Schule war es wichtig, die "richtigen" Marken zu tragen. Ich habe da nicht mitgemacht, lieber ziehe ich an, was mir selbst gefällt. Mit 14 fing ich an zu skaten, unter anderem in der HafenCity. Einmal habe ich hier sogar mit Freunden in der Elbe gebadet. Es war ein heißer Tag im Sommer – an den Magellan-Terrassen sprangen wir spontan ins Wasser.

Felipe Villagran, 18 Jahre alt

"Ich lasse mich in Hamburg gern treiben"

Ich möchte Schauspieler werden, deshalb gehe ich in Hamburg gern ins Theater. Ich verkleide mich auch gern. Neulich bin ich in einem türkisfarbenen Trainingsanzug aus Ballonseide ins Alstertal-Einkaufszentrum gegangen. Die Leute haben mich ziemlich schief angesehen. Aber gerade das finde ich lustig. In Hamburg bin ich nie in den gleichen Gegenden. Zwei meiner besten Freunde wohnen im Portugiesenviertel, die Ecke finde ich toll. Mir gefällt es auch, mich in der Stadt treiben zu lassen. Ich würde gern mal ziellos mit der S-Bahn herumfahren, blind an einer Station aussteigen und schauen, was ich dort entdecke. Vielleicht erlebe ich ja ein Abenteuer.

Enzo Brumm, 19 Jahre alt

"Wer im Matsch feiert, muss improvisieren"

Ich bin in Blankenese aufgewachsen, aber schon immer gern nach Altona gefahren. Die Leute wirken hier entspannter, nicht so konservativ und gesetzt. Im Sommer gehe ich gern auf das Dockville-Festival in Wilhelmsburg. Man feiert dort drei Tage lang im Matsch, muss also improvisieren. Gerade deshalb sind die Leute hier für mich aber auch am besten angezogen. Sie tragen Band-T-Shirts, Gummistiefel, manche sogar gelbe Regenparkas. Die sieht man in Hamburg sonst nicht so oft, obwohl die Regenjacke eigentlich ein typisch hamburgisches Kleidungsstück ist. Ich finde überhaupt, die Hamburger könnten dem grauen Wetter häufiger mit bunter Kleidung begegnen.

Paulina Knebel, 19 Jahre alt

"Auf dem Kiez kommen alle Milieus zusammen"

In Hamburg bin ich erst seit vier Wochen, vorher habe ich in London gelebt. Mir fällt auf, dass die Leute hier sehr gesund und fit wirken. Viele auffällige Leute sieht man in der Stadt allerdings nicht. Gerade am Abend tragen fast alle Schwarz. Gut finde ich, dass die verschiedenen Milieus in Hamburg nicht so stark getrennt voneinander leben. Im Docks an der Reeperbahn wird elektronische Musik gespielt. Ein paar Häuser daneben sind die Tanzenden Türme mit dem Mojo Club im Keller und der Clouds Bar auf dem Dach. Studenten, Touristen, Upper Class – in dieser Gegend kommen alle zusammen.

Charles Buirski, 24 Jahre alt

Hier haben wir fotografiert: Als Schauplätze unserer Modestrecke haben wir zwei sehr unterschiedliche Bauten gewählt, mit denen viele Hamburger Erinnerungen verbinden – das Kongresszentrum CCH und den Flakturm am Heiligengeistfeld. Das CCH am Bahnhof Dammtor wurde 1973 eröffnet und bietet in 23 Sälen Platz für alles. Wohl fast jeder Hamburger war irgendwann hier, ob zum Debütantenball oder zum Popkonzert. Hier traten schon David Bowie, Phil Collins und Luciano Pavarotti auf. Die Holzvertäfelungen und Teppichböden bieten das schönste Siebziger-Flair der Stadt. Weil das manche allerdings verstaubt finden, soll das CCH ab 2017 komplett saniert werden. Es ist zu befürchten, dass damit auch die schönen Erinnerungen wegsaniert werden. Der Flakturm wird hoffentlich noch in hundert Jahren so trotzig am Heiligengeistfeld stehen. Im Zweiten Weltkrieg bot er als Bunker Schutz vor Luftangriffen. Heute flieht man vor dem Alltag hierhin in den Club Uebel & Gefährlich.

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