Die großen Fragen der Liebe Darf sie beim Frühstück ihre E-Mails lesen?

ZEITmagazin Nr. 11/2016

Die Frage: Meike und Johann haben sich im Urlaub verliebt und zwei Jahre lang darüber diskutiert, ob sie zusammenziehen sollen. Johann hat schon einmal erlebt, dass zu viel Nähe einer Beziehung schadet: Vor einigen Jahren hat er sich von seiner ersten Liebe getrennt, die unbedingt mit ihm in einer Wohnung leben und eine Familie gründen wollte. Jetzt wagt er den Versuch. Meike fühlt sich wohl, aber Johann ist etwas angespannt. An einem Sonntag gehen sie zusammen joggen, dann duschen und frühstücken sie. Meike legt die Beine hoch, schlürft ihren Kaffee und checkt selbstversunken ihre E-Mails. Als sie fertig ist und aufblickt, seufzt Johann: "Als wir noch nicht zusammenwohnten, hättest du das nicht gemacht, mich beim Frühstück zu ignorieren, als wären wir ein altes Ehepaar."

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die Welt der Paarberatung ist voller Ratschläge, denen kein vernünftiger Mensch widersprechen darf – wie dem, dass es gut ist, den Partner loszulassen. Aber ebenso gerne wird geraten, Kummer und Frust rechtzeitig zu äußern, ehe jede Hälfte des Paars in ihrem Schneckenhaus sitzt und dieses so zudeckelt, dass erotischer Winter herrscht. Um das Paradox zu bewältigen, sollte Meike nicht ihre emotionale Abwesenheit als ihr gutes Recht verteidigen, sondern Johanns Sorgen aufnehmen. Wann jeder für sich sein darf und wann sich beide einander zuwenden, das sollte ein Paar nicht einander diktieren, sondern durch Verhandlungen klären. Ihr Ergebnis kann die entspannte Lektüre beider beim Frühstück sein – oder die Selbstverständlichkeit des Redens über den Tag beim Morgenkaffee.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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