Harald Martenstein Über Hamburg-Klischees

ZEITmagazin Nr. 11/2016

Ich bin öfter mal in Hamburg und mag die Stadt auch, aber ich bin wirklich kein Hamburg-Experte. Dann hieß es aus der Redaktion, ich solle etwas über Hamburg schreiben. Es dürften allerdings keine Klischees in dem Text vorkommen. Auf Hamburg-Klischees würden die Bewohner Hamburgs ablehnend reagieren. Da hatte ich wieder etwas über den Unterschied zwischen Hamburg und Berlin gelernt, wo ich wohne. Wenn man Berliner mit Berlin-Klischees konfrontiert – etwa: Berlin ist das neue New York, in Berlin klappt nichts, Berlin ist völlig unfähig zu allem –, dann reagieren die Bewohner nicht ablehnend. Stattdessen hört man den Satz: "Oho, Sie kennen sich wirklich gut aus."

Meiner Ansicht nach kann eine Stadt sich glücklich schätzen, wenn über sie Klischees im Umlauf sind, nur wenige Städte schaffen es in die Klischee-Liga. Wuppertal-Klischees und Osnabrück-Klischees sind mir zum Beispiel unbekannt. Die Wuppertaler wären vielleicht stolz, wenn es überall, wo sie auftauchen, sofort heißen würde: "Ja, klar, Wuppertalerinnen tragen gern lange karierte Röcke und toupierte Haare. In Wuppertal begrüßt man sich gern mit ›Schwuppdiwupp‹. Wuppertal, das Pforzheim des Nordens." Oder man stelle sich das glückliche Gesicht eines Osnabrückers vor, der in Kenia eine Safari macht, und der Wildhüter weiß sofort: "Ihr Osnabrücker heißt auch Opiaten, ein reicher Osnabrücker ist ein Quasselsack. Osnabrück – Rutschbahn zur Welt!" Es ist doch vollkommen gleichgültig, ob es stimmt. Hauptsache, Wuppertal und Osnabrück bleiben global im Gespräch.

Ich fragte, welche Hamburg-Klischees die Hamburger besonders stark ablehnen würden. Angeblich ist dies unter anderem die Behauptung, sie, die Hamburger, würden Hamburg für die schönste Stadt der Welt halten. Wer einem Hamburger diese Haltung unterstellt, hat verspielt. Denn damit werde dem Hamburger indirekt vorgeworfen, er sei ein Angeber. Wenn man selber, als Auswärtiger, sage, man halte Hamburg für die schönste Stadt der Welt, dann sei dies okay. Aber wer sagt so etwas? Hielte ich Hamburg tatsächlich für die schönste Stadt der Welt, dann wäre ein Hamburger sicher der Letzte, dem ich dies auf die Nase binden würde. Das provoziert nur Größenwahn, Eitelkeit und Hochmut. Der Satz "Wuppertal ist die schönste Stadt der Welt" käme mir dagegen leicht von den Lippen. Dieser Satz wäre jedenfalls kein Klischee. Dass die Wuppertaler hochmütig werden, ist außerdem nicht zu befürchten, da müssten noch ganz andere Sachen passieren.

Zwei weitere Klischee-Formulierungen, die in Hamburg nicht gern gehört werden, lauten "Hamburg, Venedig des Nordens" und "Reeperbahn, sündigste Meile der Welt". Die Anspielung auf Venedig bezieht sich auf die Tatsache, dass es in Hamburg viel Wasser gibt und viele Brücken, etliche italienische Restaurants, arrogante Kellner, hohe Preise sowie hin und wieder auch eine Überschwemmung. Der Vergleich bietet sich also geradezu an. Um aber nicht in die Klischeefalle zu tappen, würde ich raten, Hamburg als "das Bangladesch des Nordens" zu bezeichnen. Brücken, Überschwemmungen, das passt. In Bangladesch regnet es zudem ähnlich oft wie in Hamburg. Präziser wird es, wenn man sagt: "Hamburg ist das Bangladesch des Nordens, nur teurer."

Die sündigste Meile der Welt aber ist nicht die Reeperbahn. Die sündigste Meile der Welt entsteht bei Olympischen Spielen, wenn die gedopten Sportler die 400-Meter-Laufbahn des jeweiligen Olympiastadions vier Mal gerannt sind.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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