Matthias Arfmann Das Recht auf Remix

Der Produzent Matthias Arfmann machte den Hamburger Hip-Hop populär. Jetzt erneuert er die Klassik
ZEITmagazin Nr. 11/2016

Es ist gar nicht lange her, da beschränkten sich Matthias Arfmanns Erfahrungen mit klassischer Musik auf Einsätze im Schulchor: Als Junge stand er an Weihnachten im weißen Pullover auf einem Stuhl und trug Orffs Carmina Burana vor. Dann kamen der Stimmbruch und der Punkrock. Die Kastrierten Philosophen hieß die Band, mit der es der gebürtige Bremer in den neunziger Jahren zu einer gewissen Bekanntheit brachte. Als Solokünstler entdeckte er Reggae und Beats für sich und veröffentlichte als Turtle Bay Country Club einige ambitionierte Alben. Turtle Bay Country Club heißt auch das Studio, das sich Arfmann in einem umgebauten Apfelspeicher vor 20 Jahren im Alten Land auf der Hamburg gegenüberliegenden Seite der Elbe einrichtete.

Nach Hamburg hatte es Arfmann in den Achtzigern wegen der Musikszene dort verschlagen. "Da waren coole Punkrock-Plattenfirmen wie ZickZack, aufregende Konzertsäle wie die Markthalle und lässige Bars wie das Subito", erinnert er sich. Der 52-Jährige spricht leise und ist überhaupt sehr viel dezenter, als man sich einen erfolgreichen Pop-Produzenten vielleicht vorstellt. In den neunziger Jahren entwickelte sich dann in Hamburg eine überraschend erfolgreiche Hip-Hop-Szene um Musiker wie Ferris MC, Das Bo, Fünf Sterne Deluxe, Fettes Brot und die Absoluten Beginner. Die Karriere der Letztgenannten betreute Matthias Arfmann, in seinem Apfelspeicher entstanden Hits wie Liebes Lied und Hammerhart. Seitdem die Band eine Auszeit eingelegt hat, begleitet Arfmann die Solokarriere von Jan Eißfeldt alias Jan Delay, dessen Album Wir Kinder vom Bahnhof Soul die Spitze der deutschen Charts erreichte. Wobei dem Produzenten Arfmann und seinen Klienten das Kunststück gelang, nicht nur mit gewitzten Texten kommerziell erfolgreich zu sein, sondern so nebenbei auch den Hamburger Slang in die Charts und Radios zu tragen.

Die Klassik holte Arfmann dann vor zehn Jahren wieder ein. Damals erhielt er von der Plattenfirma Deutsche Grammophon den Auftrag, alte Herbert-von-Karajan-Aufnahmen mit Beats aufzufrischen. Das Traditionsunternehmen hoffte, ein junges Publikum zu locken, und Arfmann bot sich die Chance, etwas Neues zu probieren. Die Verhandlungen mit den Rechteinhabern waren zäh, trotzdem machte ihm das Projekt Lust auf eine Fortsetzung. Und als ihm vor sieben Jahren der Einfall zum Ballet Jeunesse kam, legte er los mit dem Team, das ihn bereits bei den Karajan-Sessions unterstützt hatte.

Seine Idee: ein Album mit 13 Klassikern der europäischen Musik – Dauerbrenner von Maurice Ravel, Georges Bizet, Gustav Holst, Peter Tschaikowsky, Claude Debussy und Sergej Prokofjew –, aufbereitet für das 21. Jahrhundert.

Als Inspiration für die Auswahl der Musik und die erhoffte Wirkung des Ballet Jeunesse dienten Arfmann die Ballets Russes. Ein Ensemble von Exilrussen, das zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts von Paris aus die verschlafene europäische Ballettszene mit herausfordernden Inszenierungen aufmischte. Mit seinen erotisch aufgeladenen Choreografien, Bühnenbildern von Picasso, Braque und Matisse und kühnen Tänzern modernisierten es die Ballettbranche, so wie einst der Punk den Rock ’n’ Roll. Der größte Star der Ballets Russes war der Tänzer Vaslav Nijinsky; wie der damals über die europäischen Bühnen wirbelte, ist in diesem Jahrtausend noch auf YouTube zu bewundern. Auch Arfmann und seine Mitstreiter im Hamburger Apfelspeicher sind von seinen Auftritten begeistert. Die Radikalität, mit der damals Genregrenzen gesprengt worden waren, packten den Hip-Hop-Spezialisten. Die unruhige Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der die Ballets Russes unterwegs waren, erinnert Arfmann an die angespannte Stimmung dieser Tage. "Das freiheitliche und aufgeklärte Europa scheint in diesen Zeiten der Pegida-Aufmärsche, geschlossener Grenzen und der zunehmenden Angst vor dem Fremden wieder infrage gestellt zu sein", sagt er.

Aber auch die Freiheit, berühmte Kompositionen zu überarbeiten, ist sehr begrenzt. Denn wer zum Beispiel die Werke des Russen Sergej Prokofjew zerlegen und umbauen will, benötigt dafür den Segen seiner Erben. Der Schöpfer von Klassikern wie Peter und der Wolf und dem Ballett Romeo und Julia starb 1953. Das Urheberrecht endet in den meisten Ländern allerdings erst 70 Jahre nach dem Ableben der Urheber. Wer also Peter und der Wolf bearbeiten will und die Struktur von Prokofjews Ballettmelodien mit Reggae-Beats und der Stimme von Jan Delay durcheinanderwirbeln möchte und obendrein noch plant, das Resultat zu veröffentlichen, der kommt bis 2023 nicht an den Urenkeln Sergej jr. und Gabriel Prokofjew vorbei.

Zuerst ging Arfmann den offiziellen Weg über den für Prokofjew zuständigen Musikverlag – und kassierte eine formelle Absage, verbunden mit der Aufforderung, "von weiteren Anfragen in dieser Sache bitte abzusehen". Eigentlich wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen, aber da der zweimal für einen Echo nominierte Arfmann in der Musikszene gut vernetzt ist, verschaffte er sich einen direkten Kontakt zu den Erben. Der eine residiert in Südfrankreich, der andere in St. Petersburg. Beiden mailte Arfmann die Neubearbeitungen.

Sergej Prokofjews Urenkel Gabriel schickte ihm daraufhin eine Mail, in deren Betreffzeile zwölfmal "njet" stand. Soll heißen: Er war von Arfmanns Neubearbeitung von Klassikern wie Peter und der Wolf nicht sonderlich angetan. Dummerweise verweigerte der andere Prokofjew-Urenkel, Sergej jr., ebenfalls seine Zustimmung.

"Wir standen immer wieder vor einer Wand von Anwälten, Agenten, Bewahrern, Plattenfirmen, Dirigenten, Musikern, Verlagen und Komponisten-Erben", erzählt Matthias Arfmann in einem Hamburger Café und sieht bei der bloßen Erinnerung an das Ringen um die Rechte gestresst aus.

Aber wenn nichts mehr geht, hilft manchmal Glück. Nach einigen Wochen Stillstand kam aus dem Nichts eine Mail von einer Anwaltskanzlei in Paris. Die Urenkel hatten es sich, warum auch immer, anders überlegt und ließen überraschend ein "Go for it" ausrichten. Die französischen Juristen rieten Arfmann dann noch, sich die Mail auszudrucken und gerahmt an die Wand zu hängen, denn er sei der Erste, dem weltweit jemals eine solche Prokofjew-Bearbeitung genehmigt worden sei. "Danach war ich mir sicher, dass der Rest auch noch klappt. Es war trotzdem noch ein weiter Weg", sagt Arfmann.

Die Aufnahmen zum Ballet Jeunesse sei er dann wie eine "ganz normale Hip-Hop-Produktion" angegangen: "Man sampelt etwas und hat keinerlei Hemmungen, kein 'Du darfst das nicht'", sagt er. Gesucht wurde, wie beim Hip-Hop, der beste Sound. In diesem Fall also das am besten klingende Orchester. Daraufhin folgte die Auseinandersetzung mit den Inhalten, die Entstehungsgeschichten der Werke wurden recherchiert.

Spannend war das Zerlegen der Strukturen von Tschaikowskys Schwanensee oder Strawinskys Feuervogel: "Walter Benjamin spricht von der 'Aura eines Kunstwerkes' – die haben wir zerstört, um dann eine neue Aura zu schaffen", erklärt Arfmann. Natürlich habe man großen Respekt vor den Originalen gehabt, aber es sollte ja etwas Neues geschaffen werden, fügt er hinzu. So wurden die Melodien mit Beats und Bässen verwoben, und ein Outro wurde schon mal zum Intro.

Auf eine weitere, neue Ebene hoben sie die Vorlagen, indem sie die Ballettmelodien mit Texten kombinierten. Die in Kenia geborene und in Hamburg ansässige Sängerin und Musikerin Onejiru stattete zum Beispiel Tschaikowskys Nussknacker mit einem Text aus, der aus jiddischen, arabischen, englischen sowie kisuahelischen Passagen besteht. "Wir thematisieren so in dieser alten europäischen Komposition auch Migration und die Erfahrungen mit der Fremde", sagt Arfmann. Jan Delay übernahm die Rolle des Märchenonkels in Peter und der Wolf, er trägt den Originaltext vor, den einst Karlheinz Böhm gesprochen hatte. Selbstgedichtetes steuerte der Hamburger Autor Schorsch Kamerun zum Säbeltanz von Aram Chatschaturjan bei.

Erscheinen soll das Ballet Jeunesse nun endlich im September. Arte dreht einen Dokumentarfilm über das Projekt, und das Reeperbahn-Festival soll mit dem Ballet Jeunesse eröffnen – falls genug Geld für die aufwendige Produktion zusammenkommt. Und wenn alles gut läuft, sollen weitere Festivalauftritte und eine Konzertreise folgen.

Nur eine große Frage schwebt noch über dem Projekt: Darf man das überhaupt? Dürfen sich ein paar Hamburger Freigeister über die Kronjuwelen der europäischen Hochkultur hermachen? Alle am Ballet Jeunesse Beteiligten sind sich sicher, dass viele beim bloßen Gedanken daran das Grauen packt. Arfmann erinnert sich an einen Produktmanager bei der Deutschen Grammophon, der nach einer Präsentation der Idee vor Kollegen von imaginären "Blutspritzern an der Wand" gesprochen habe.

"Aber die Hochkultur wird sich diese Arroganz nicht mehr lange leisten können", sagt Arfmann leise. In vielen Klassikabteilungen sucht man schon länger nach Strategien, um ein junges Publikum zu locken. Bislang allerdings vergeblich, am Ende gehen Klassikprojekte jenseits des Stammpublikums nie über André Rieu und David Garrett hinaus. Und Arfmann betont, dass er keine Mission habe: "Wir wollen nicht das Klassikpublikum verjüngen. Wenn sich allerdings danach einige Jüngere für die Originale interessieren, wäre das schon eine große Ehre."

Einen ersten Triumph hatte er schon; John Neumeier, Ballettintendant an der Staatsoper in Hamburg, lauschte bereits den Ballet Jeunesse- Aufnahmen und war beeindruckt. Seine erste Frage an Arfmann war: "Wie haben Sie bloß die ganzen Genehmigungen dazu erhalten?"

Christoph Dallach, 51, lebt in Hamburg und schreibt seit 2010 fürs ZEITmagazin

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